Trio Wanderer

Kluge Dramaturgie

Das Trio Wanderer zu Gast in München
Das Klaviertrio H-Dur op. 8 ist das erste Kammermusikstück von Johannes Brahms. Als Zwanzigjähriger hatte er es komponiert und zum ersten Mal im Hause Schumann in Düsseldorf aufgeführt. Robert Schumann war von der Musik überaus angetan und sprach von nun an nur noch in den höchsten Tönen vom jungen Brahms. Das Klaviertrio, das über eine Dreiviertelstunde dauerte, wurde von Brahms über 30 Jahre später noch einmal überarbeitet. Die neue kürzere Version hat sich schnell durchgesetzt und sie erklang auch beim Gastspiel des Trio Wanderer im Münchner Herkulessaal.
Das französische Trio Wanderer wurde 1987 gegründet. Den Namen haben die Musiker zu Ehren Schuberts und aufgrund ihrer Geistesverwandtschaft mit der deutschen Romantik gewählt. Das Thema des „umherziehenden Wanderers“ ist gewissermaßen ein Leitmotiv des Trios. Zwischen 1988 und 1990 gewann das Trio Wanderer bedeutende internationale Wettbewerbe wie den Fischoff Chamber Music Competition und den ARD-Wettbewerb in München.
Im Herkulessaal in München ließen Vincent Coq (Klavier), Jean-Marc Phillips-Varjabèdian (Violine) und Raphael Pidoux (Violoncello) einen weichen, vollen Brahms-Klang hören. Vor allem Raphael Pidoux dominierte den Klangeindruck mit seinem kantilenenhaft singenden Celloton. Vincent Coq am Klavier dagegen hielt sich eher zurück, blieb die meiste Zeit auf der linken Pedal-Bremse. Die Virtuosität, die er durchaus besitzt, kam dabei nur wenig zur Geltung. Gleichwohl ging die Dramaturgie der Interpretation auf: nach einem verhaltenen Beginn ohne emotionale Ausbrüche steigerten die drei Franzosen ihr Spiel hin zu einem emotionalen Feuerwerk.
Um die erhitzten Gemüter wieder etwas abzukühlen folgte das Adagio in Es-Dur mit dem Untertitel „Notturno“ von Franz Schubert. Das Werk, das ursprünglich als Mittelteil für ein größeres Stück komponiert wurde, fügte sich harmonisch in das Programm ein. Das nur gut zehn Minuten lange einsätzige Trio weist die für Schubert typischen klaren Strukturen und schlichte Schönheit auf. Das Tempo bleibt stets gleich, nur durch das Spiel mit Dynamik und variationsartigen Veränderungen hielten die Musiker die Spannung.
Das dritte Werk, Dmitri Schostakowitschs Klaviertrio Nr. 2 in e-moll entstand in im Kriegsjahr 1944. Schostakowitsch, dessen künstlerische Freiheit unter dem kommunistischen Regime stark beschränkt war, empfand die Zeit des Krieges als eine Art Befreiung: die kommunistische Regierung hatte jetzt anderes zu tun als sich der Zensur seiner Werke zu widmen. Und so entstand mit dem Klaviertrio Nr. 2 ein Werk, das Schostakowitsch aus der Seele spricht: ein Werk der Traurigkeit und Verbitterung eines Einzelgängers, das in keiner Weise der Siegeszug-Stimmung der sowjetischen Ideologie entspricht.
 Die Anfangsmelodielinien laufen mal parallel, mal gegeneinander und verflechten sich zu einem zarten, schmerzerfüllten Klangnetz, das immer größer und dichter wird. Das Trio Wanderer demonstrierte hier seine ganze dynamische Bandbreite, auch das Klavier war nun viel präsenter und durchdrang mit klopfenden Rhythmen und pulsierender Motorik das musikalische Geschehen. Der ständige Wechsel zwischen Dissonanz und Harmonie entwickelte sich zu einem wilden, dämonischen Tanz, der das Trio Wanderer endgültig aus der Reserve lockte. Bis der Hexentanz langsam abebbte, sich in einem Dur-Akkord auflöste und die zerstörte Harmonie wiederhergestellt war.
Viktoria Schulmann

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