Sol Gabetta und Marc Albrecht

Sirene am Cello

Sol Gabetta Foto: SonyBMG

Sol Gabetta beeindruckt mit Schostakowitschs zweitem Cellokonzert bei den Münchner Philharmonikern unter Marc Albrecht
(München, 11. Januar 2008) Die Omnipräsenz des blonden Cello-Derwischs Sol Gabetta wirkt fast beängstigend. In den Programmen der einschlägigen Festivals ist sie ebenso präsent wie bei großen Orchestern. Und man fragt sich still und leise, ob diese Fülle an Verpflichtungen und Programmen denn nicht vielleicht doch ein wenig auf Kosten der Qualität geht.
Doch das Cello-Feuerwerk aus Argentinien fegt solche Bedenken mühelos beiseite, sobald man ihm leibhaftig begegnet. Bei den Münchner Philharmonikern spielte Sol Gabetta das höchst eigenwilige und sperrige, ja kauzige zweite Cellokonzert von Dmitrij Schostakowtisch, das dieser 1966 für Mstislaw Rostropowitsch komponierte. In einem Jahr, in dem der einst als Staatsfeind um sein Leben bangende Komponist nun zu seinem 60. Geburtstag scheinheilige Ehrungen und Lobreden über sich ergehen lassen durfte. Man meint den Grimm zu spüren, den Schostakowitsch darüber empfunden haben mag. Am Beginn steht ein tief-, ja abgründiges Largo, das in eine Solokadenz mündet, in der die große Trommel brachial destruktiv dagegen hält, das Cello beinahe zu erschlagen droht. Immer wieder wechselt der Cellopart zwischen entrückter Kantabilität, aggressiver Attacke und schmerzlicher Trauer. Phänomenal, mit welch souveräner Virtuosität Sol Gabetta zwischen den Ausdruckssphären hin und her wechselt und dabei jede Phrase, jeden Ton mit klanglicher Intensität und Tiefgang auflädt. Das Tänzerische des 2. Satzes mit seiner amerikanischen Rhythmik und den geradezu lasziven Glissandi hat Verve und Charme, die vereinzelten Inseln romantischer Entrücktheit läßt Gabetta als irreale Sehnsuchtsorte aufscheinen, zu denen man voll Wehmut blickt, weil sie doch nur Utopie sind.
Sol Gabetta und den unter Marc Albrecht prägnant und einfühlsam begleitenden Münchner Philharmonikern gelingt mit diesem Konzert eine wahrhaft exzeptionelle Interpretation. Das Publikum jubelte denn auch ausgiebig und bekam zum Dank eine eigenwillige Preziose als Zugabe: Dolcissimo von Peteris Vasks, eine Art Sirenengesang auf dem Cello, bei dem der Solist auch noch selbst singen muß. Das war ebenso mutig wie verblüffend, und Sol Gabetta verzauberte ihr Publikum damit vollständig.
Was Wunder, dass der Sirenengesang in Debussys „Nocturnes“ für Chor und Orchester (Sirènes) dagegen um einiges ärmer in der Wirkung blieb. Auch die Nuages (Wolken) schienen mehr grau, mehr monochrom als changierend. In Fetes (Feste) aber gelang dem Orchester und Albrecht eine brillant gesteigertes Kaleidoskop an Rhythmen und Klangfarben.
Welch schöne Idee, diesen französischen Impressionismus mit Leos Janaceks ebenfalls überaus bildhafter, aber so ganz anders gearteter Sinfonietta zu kontrastieren. Das einfache Leben seiner Landsleute und deren Lebensraum wollte der über 70jährige Janacek in diesem Spätwerk porträtieren. Der Charme, die Lebendigkeit, aber auch die Aura von Tradition und Geschichte, die hier hörbar werden, sind von einer völlig eigenen, unverwechselbaren Klanglichkeit, so dass man wohl in jedem Takt dieses Werks den Komponisten erraten könnte.
Die etwas handfestere Bildhaftigkeit Janaceks lag Albrecht offenbar mehr als die Debussys. Jedenfalls wurde die Sinfonietta mit den hervorragend disponierten Philharmonikern (phantastisch vor allem der gesamte Bläserapparat) zu einem weiteren Höhepunkt dieses spannenden Konzertabends, der einem lange in Erinnerung bleiben wird.
Robert Jungwirth

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