Semyon Bychkov

Die Bestie grunzt

Semyon Bychkov Foto: Thomas Brill

Die Münchner Philharmoniker unter Semyon Bychkov spielen Detlev Glanerts „Theatrum Bestiarum“
(München, 21. November 2007) Die Bestie ist das Kontrafagott. Noch grunzt sie gemütlich vor sich hin. Wenn sie erwacht, dann reicht nur das ganze Orchester aus, einen Eindruck von seiner Gewalttätigkeit zu vermitteln oder die Tutti-Orgel mit einem Schreckenseinsatz wie bei einem expressionistischen Horrorfilm. Eine „Schaubühne der Bestien“, ein „Theatrum bestiarum“ hat der Komponist Detlev Glanert (Jahrgang 1961) sein vor zwei Jahren bei den BBC Proms in London uraufgeführtes Stück für großes Orchester genannt und dabei in Anlehnung an Schostakowitsch, dem das Stück gewidmet ist, mit grotesk verzerrten Gesten und galligem Humor die Abgründigkeit von Herrscherseelen  (und Vorstandsvorsitzenden?) porträtiert, ihre „Begierden und Gewaltphantasien“.  

Ein interessantes Thema und offenbar ein menschliches Grund-Phänomen durch die Jahrtausende. Glanerts Werk ist auch als Studie zu seiner Oper über den römischen Kaiser Caligula entstanden.
So wie Schostakowitsch mit grotesker Überdrehtheit im Scherzo seiner 10. Symphonie angeblich Josef Stalin charakterisiert hat, so ist auch die Musik Glanerts über weite Strecken ein verzerrt rhythmisierter Veitstanz (vor allem in den Bläsern). Bemerkenswert ist Glanerts Souveränität in der Orchesterbehandlung, wenngleich die Referenzen an Schostakowitsch und Mahler mitunter allzu direkt aufscheinen. Dennoch ist dieses „Bestiarum“ ein spannendes und effektvolles Stück voll tiefgründigem Aberwitz, das unter Semyon Bychkovs engagierter Leitung plastisch-konturiert erklang.       
    
Schostakowitschs darauffolgendes zweites Klavierkonzert hat dagegen so gar nichts „Bestialisches“ – es ist ein eher braves, aber wunderschönes Stück absoluter Musik, das der Komponist 1956 (also 3 Jahre nach Stalins Tod) für seinen Sohn Maxim geschrieben hat, der es im Mai 1957 in Moskau uraufgeführte. Im Andante erklingt ein gefühlvoll-zärtlicher Gesang, der spritzig-rhythmisierte Schlußsatz ist ein phantastisches Effektstück, das Spielern wie Hörern gleichermaßen Spaß macht.
Die Münchner Philharmoniker genossen es jedenfalls sichtlich und hörbar, und Semyon Bychkov sorgte am Pult für perfekte Klangkultur und Balance zwischen dem Orchester und dem ausdrucksvoll-vollgriffig spielenden Solisten Kirill Gerstein.
Auch beim Glanertschen „Bestiarium“ hatte Bychkov die Musiker auf Homogenität und klangliche Brillanz eingeschworen.
Nicht ganz so überzeugend geriet dagegen Sibelius‘ fünfte Symphonie nach der Pause, wenngleich auch hier die klangliche Qualität des Orchesters außer Frage stand. Was hingegen den positiven Eindruck etwas schmälerte, war die mitunter pauschale Akzentuierung und Phrasierung, die zu große Fülle in den nicht relevanten Stimmen. Gewiss kann man Sibelius‘ Musik so spielen, und es ist auch gewiss nicht schlecht. Jedoch wird die differenzierte Eigenwilligkeit dieser Sinfonik etwas in den Schatten gestellt.

Robert Jungwirth

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