RSO Muti 1007

Wie vom Schlag gerührt

Riccardo Muti Foto: Teatro alla Scala

Symphonierorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks unter Riccardo Muti mit einem eigenwilligen Programm im Herkulessaal der Münchner Residenz
(München, 20. Oktober 2007). Das jüngste Konzert des Symphonierochesters des Bayerischen Rundfunks unter Riccardo Muti im Herkulessaal der Münchner Residenz am Donnerstag und Freitag hatte ein eigenwilliges, deshalb auch: charaktervolles Programm. Das lag schon einmal an der Mitwirkung des Chores des BR. Wenn gerade nicht Beethovens Neunte gegeben wird (sie steht für die BR-Ensembles am 27.10. im Vatikan auf dem Programm) und keine Mahler-Sinfonie, dann gerät man schnell ins Reich des Exotischen. Aber genau davor hat Riccardo Muti bekannter Maßen keine Scheu, und so durfte man nach Schuberts „Gesang der Geister über den Wassern“ gespannt sein auf das dramatische Madrigal „Coro di morti“ von Goffredo Petrassi (1904-2003) und auf die „Messe solenelle“ von Hector Berlioz, der ersten vollgültigen Komposition des damals erst 21-jährigen Genies.
Riccardo Muti hat mit seinem Dirigieren längst die Verklärungsstufe erreicht. Er braucht nichts mehr zu beweisen, er muss nichts und niemanden mehr zwingen. So löste sich Schuberts „Gesang“ gleichsam wie von selbst vom Podium, geriet ins Schweben, zumindest, was das Orchester anbelangt. Die Bässe gaben das Wasser-Grummeln mit einer wunderbaren Klangdichte wieder, der ganze Raum schien vom tiefen Schnarren der Saiten zu vibrieren. Nicht das höchste Maß der Verschmelzung hingegen erreichte der Herrenchor. Da bleibt der Wiener Arnold Schoenberg-Chor das Maß allen Schuberts. Was aber allen gelang unter Muti, war das Herstellen eines untergründigen Klangstroms, der die Musik einfach trägt. Da macht Muti keiner mehr etwas vor.
Mit dieser Haltung des Souveränen ging er auch das Petrassi-Madrigal an. Das hat die eigentümliche Besetzung von Männerchor, drei Klavieren, Blechbläser, Kontrabässe und Schlagzeug. Das Thema von Tod und Vergänglichkeit in der Dichtung von Giacomo Leopardi wird sehr aktiv, gegenwärtig in Klang gesetzt. Das Stück rüttelt mehr auf als dass es reflektiert. Alle Klangerzeuger werden zu einem dichten Klangnetz zusammen geführt, auch die drei Klaviere haben einen klar hörbaren Sinn. Die streckenweise „sportliche“ Rhythmik war bei Muti ebensogut aufgehoben. Fast schien es, als habe der einst als undifferenziert und bombastisch verschriene Dirigent nun wirklich zu sich und der Musik gefunden.
So konnte man sich auch getrost in Berlioz frühe Messe hineinfallen lassen. Mit so manchen Eigentümlichkeiten wirkt dieser Erstling von Berlioz tatsächlich wie der Ritt über den Bodensee, den der Komponist in seinen Lebenserinnerungen beschrieb. Aber an Berlioz‘ fantasierfüllter Kunst der Instrumentierung ist kein Zweifel und auch nicht an seinem Können, mit dem Chor umzugehen. In der knapp einstündigen Komposition war schon der Meister am Werk, den später andere Kollegen als Vorbild bewundern sollten. Muti ließ keinerlei Spannungsabfall aufkommen und packte die rundum hervorragenden Musikerinnen und Musiker bei ihrer ganzen Ehre. Im Solistentrio Genia Kühmeier, Herbert Lippert und Petri Lindroos fiel Lippert doch aus dem Rahmen: seine Unsicherheit der Intonation ist schon bedenklich, sein Vokalausgleich unsicher, das heißt: im Wechsel der Tonhöhe ändert er hörbar stark die Vokalfarben. Solche Details störten aber nicht den faszinierenden Gesamteindruck von Berlioz‘ kühner Messe, was der Aufführung nach ihrem knappen aber fulminanten Ende auf „Domine, salvum fac“ ein derart spontanes „bravi“ aus dem Publikum einbrachte, dass Maestro Muti wie vom Schlag gerührt da stand.

Laszlo Molnar

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