Rheingold

Dreibeinige Riesen und ein Herz für Alberich

Foto: Thomas M. Jauk

An der Staatsoper Hannover startete Barrie Kosky einen neuen "Ring des Nibelungen", "Das Rheingold" schürt schon jetzt die Spannung auf den Fortgang des "Rings"
(Hannover, 14. November 2009) Richard Wagner war schon ein kluger Kopf, er wusste genau, warum er sich mythische Stoffe als Grundlage für seine Opern wählte, Mythen, so schrieb der Bayreuther Meister, seien immer wahr und unerschöpflich, des Dichters Aufgabe sei es, sie zu deuten. Wagner deutete die kruden Familiengeschichten und Fehden der germanischen Götterwelt zu einem gigantischen, psychologisch subtil-komplexen, vielschichtigen Weltsichts-Spektakel um und lieferte damit bis an der Zeiten Ende für kluge Regisseure eine immer neue Fundgrube an Deutungsmöglichkeiten. Das, was der australische Regisseur Barrie Kosky aus den ach so menschlichen Götterdramen herausliest, hat man so noch nicht gesehen.
Gleich die Eröffnungsszene ist ganz ungewöhnlich. Knallrot, blutrot vielleicht der Bühnenvorhang, geschlossen bei den ersten Tönen aus den Tiefen des Rheins. Da öffnet sich der Vorhang länglich oval, aufreizend nur einen Spalt, es lugen die Köpfe der Rheintöchter heraus. Hinter dem Vorhang sieht man ein riesiges Oval, vielleicht ein großes Auge, vielleicht eine ein wenig obszön geöffnete Muschel. Barrie Kosky deutet an, bietet an, lässt Raum für Phantasie, er fordert den Zuschauer. Es tummeln sich die drei Rheintöchter mit einer großen Gefolgschaft von Kolleginnen, allen wachsen große weiße Federn aus den Armen und Köpfen, da wird wild, doch choreographisch geordnet rumgewedelt, die Wellenbewegung des Rheins als Cheerleader-Event, vielleicht eine Zwanziger-Jahre-Revue. Alberich erscheint im weißen Feder-Meer mit pechschwarzem Gesicht, weiß-geschminkten Lippen, Schläfenlocken eines orthodoxen Juden. Kosky spielt an auf den legendären jüdischen Ministrel Al Jolson, Jazz-Entertainer zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der sich so schminkte und damit karikaturistisch auf den Rassismus gegen Juden und Farbige antwortete.

Der Schwarzalbe als Schwarzer Foto: Thomas M. Jauk

Barrie Kosky hat ein Herz für den "Schwarzalben" Alberich. Er erklärt im Programmheft, dass Wagner ihn als "entstellte Parodie" eines Juden gezeichnet habe, da erfahre man viel über Wagners Ängste und Schrecken in Bezug auf Juden. Kosky, selbst Jude, schafft es, dass man mit Alberich und seinem Schmerz fühlen kann, ihn differenziert sehen kann. Einmal bei den Rheintöchtern "abgeblitzt", hat die Varieté-Show ein Ende, Alberich wischt sich die schwarze Farbe aus dem Gesicht, mutiert zu einer Art AC-DC-Rocker, packt das "Rheingold" in Person einer schönen nackten, golden glitzernden Frau in einen großen Pappkarton, und macht sich auf nach Niebelheim. In diesem unterirdischen Labor muss Mime als jüdischer Schneider – er trägt eine Kippa – schuften. Dem "Vogel Rheingold" wurden offensichtlich die Federn gerupft, er hechelt als unförmiges Gebilde in einem Brutkasten. Und was in Alberichs Kopf rumspukt, wenn er sich in einen Riesenwurm verwandelt, sieht man, wenn aus dem nächtlichen Bühnendunkel in den Lichtblitzen eine ganze Truppe von Herren sich kollektiv zum Höhepunkt masturbiert.
Barrie Koskie, Bühnenbildner Klaus Grünberg und Kostümbildner Klaus Bruns bieten in diesem Rheingold eine Fülle von Assoziationsmöglichkeiten und ungewöhnlichen, neuen Blickwinkeln. Wotan ist eher ein lauer Nichtsnutz, Mitglied einer etablierten Beach-Society, er sonnt sich in kurzer Badehose mit knallgrünen Streifen schlafend auf einem Felsen, Fricka, Freia, Froh, Donner, die Walhall-Familie scheint sich auf Strandurlaub zu befinden. Urkomisch, wenn die Riesen Fafner und Fasolt als dreibeinige siamesische Zwillinge über die in einen Glaskasten gezwängte (Walhall-) Felsspitze stapfen. Die Idee ist ebenso simpel wie plausibel. Sie lieben und hassen sich, sie sind voneinander abhängig, wollen frei sein, und das geht nur, wenn einer den anderen umbringt.
Das Niedersächsische Staatsorchester lief unter Wolfgang Bozic nach einigen Unsicherheiten am heiklen Beginn zu immer besserer Form auf, die Buhs für den Dirigenten waren jedenfalls nicht gerechtfertig. Sängerisch gab es eine sehr, sehr gute Ensembleleistung: drei wunderschön harmonierende Rheintöchter (Nicole Chevalier, Julia Faylenbogen, Mareike Morr), zwei stimmlich sehr präsente Riesen (Young Myoung Kwon, Albert Pesendorfer), ein solider Wotan (Renatus Meszar sang vom Bühnenrand, der erkrankte Tobias Schabel spielte), herausragend Stefan Adam als Alberich und Robert Künzli als Loge.
Elisabeth Richter
Am 21.11. wird der Mitschnitt der Premiere ab 19.05 Uhr auf DeutschlandRadio Kultur gesendet.

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