Puccinis Il Trittico in München

Eifersucht, Sünde, Erbbetrug

Kirill Petrenko dirigiert die Neuinszenierung von Puccinis wunderbarem Dreiteiler „Il Trittico“ an der Bayerischen Staatsoper

Von Klaus Kalchschmid

(München, 17. Dezember 2017) An Ende bekam sie zurecht den größten Applaus und sogar Blumen: Die zierliche Ermonela Jaho (schon Traviata und Manon Lescaut an der Bayerischen Staatsoper) hatte in der Münchner Erstaufführung der italienischen Originalversion von „Suor Angelica“, also des so stiefmütterlich behandelten und oft weggelassenen Mittelteils aus Puccinis „Trittico“, die Titelpartie der Schwester Angelika mit einem glühenden soprano lirico spinto tief berührend gesungen und ergreifend differenziert gespielt.

Sieben Jahre hatte die Nonne nach der Geburt ihres unehelichen Sohns im Kloster verbracht und nichts von ihm erfahren. Obwohl sie im Alltag mit ihren Mitschwestern aufgeht, ist dies eine Wunde, die sich nicht schließen will. Als sie von der Tante (Michaela Schuster als eiskalte, später aber doch mitleidige Zia principessa), die ihr nochmals vorhält, wie sie mit dem unehelichen Kind das Familienwappen beschmutzt hätte, erfährt, dass der Sohn vor zwei Jahren gestorben ist, bricht sich die Sehnsucht nach dem Kind, dem sie nahe sein will, Bahn. Mit heilender und toxischer Wirkung von Blumen und Kräutern wohlvertraut, nimmt sie sich das Leben, nicht ohne diese Todsünde sogleich zutiefst zu bereuen. Aber die Erscheinung ihres Jungen erlöst sie, der in einem gleißend hellen Kreuz an der Hand der Tante (und nicht neben Maria wie im Original) auf die Bühne fährt.

Giacomo Puccini malt die Atmosphäre eines italienischen Nonnenklosters des 17. Jahrhunderts mit hellen Pastell-Farben, ganz anders als im ersten Stück („Il Tabarro – Der Mantel“), das im Herbst auf der Seine spielt. Auch hier ist ein Kind gestorben (dessen Trauerzug gleich zu Beginn zu sehen ist) und die unterschiedliche Trauerarbeit vergiftet fortan die Ehe von Georgetta und Michele. Einer der Arbeiter auf dessen Lastkahn lebt eine leidenschaftliche Affäre mit Georgetta, was ihr Mann herausfindet und den Liebhaber umbringt. Man glaubt hier förmlich das schwer fließende Wasser der Seine und das träge Schwanken des Kahns zu hören. Düster leidenschaftlich ist diese Musik, weder ein Liebespaar (Rosa Feola, Pavol Breslik) noch Frugola, das verrückte „Frettchen“ (Claudia Mahnke) oder ein Leierkastenmann, dessen Musik Puccini wunderbar impressionistisch einfängt, können daran etwas ändern.

Wenn in Lotte de Beers Inszenierung am Ende Michele (Wolfgang Koch) Luigi (Yonghoon Lee) erdrosselt hat, verbirgt er ihn nicht unter seinem Mantel, sondern die Leiche rotiert wie ein Erhängter im Mittelteil des Einheitsbühnenbilds, das aussieht wie ein stählerner Tunnel oder ein Trichter. Er soll, so die Regisseurin Lotte de Beer, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft symbolisieren (Bühne: Bernhard Hammer). Wolfgang Koch und Eva-Maria Westbroeck machen singend und spielend die Last hörbar, die ihnen das Leben aufbürdet, und aus Yonghoon Lee bricht der schöne, dunkel schwere Tenor der Leidenschaft wie ein Vulkan heraus.

Nach diesen beiden nahtlos durch einen Trauerzug verbundenen Tragödien gibt es, von einer Pause unterbrochen, das Satyrspiel. Die herrliche Erbschleier- und Erbbetrugs-Komödie „Gianni Schicchi“ ist das beliebteste und meistgespielte Stück der Trias. Kostümbildnerin Jorine van Beek steckt dafür alle Figuren in pralle, bunte Kostüme des ausgehenden 13. Jahrhunderts und Lotte de Beer lässt sie auch wunderbar knallchargig spielen. Da geht gleich zu Beginn ein Tonkrug zu Bruch, kotzt schon mal ein Mädchen dem Papa (Dean Power als Gherardo) auf die Hose, der dann den Rest des Abends in der Unterwäsche herumlaufen muss; da kippt der Napf mit dem Blutsturz eines Todkranken auf das gelbe Kleid der schwangeren Nella (Selene Zanetti), die fortan aussieht, als wär ihr die Fruchtblase geplatzt, oder der volle Nachttopf, der dem Arzt (Donato Di Stefano als Maestro Spinelloccio) zwecks Begutachtung gereicht wird, ergießt sich versehentlich über die alte Zita (Michaela Schuster mit unbändiger Lust an der Situationskomik).

Gianni Schicchi Foto: Anne Kirchbach

Titelfigur Gianni Schicchi (Bassbariton Ambrogio Maestri in einer seiner Paraderollen) ist ein stadtbekanntes Schlitzohr und weiß, wie man das Testament des alten Buoso Donati umgeht, in dem dieser bedauerlicherweise alles der Kirche vermachte. Die am Totenbett komplett versammelte und lautstark Krokodilstränen weinende Verwandtschaft ging leer aus, und nur weil Gianni Schicchi sich als noch lebender Donati ausgibt und sein vermeintliches Testament einem Notar (Andrea Borghini) diktiert, kommen die gierigen Verwandten wenigstens an das Bargeld und kleine Landgüter. Das Florentiner Stadthaus, die wertvollen Mühlen von Signa und den Maulesel freilich vermacht Donati alias Schicchi „meinem lieben Freund Gianni Schicchi“. Die erboste Verwandtschaft plündert daraufhin das Haus und Schicchi bleibt allein mit Tochter Lauretta, die die Erpressung mit angedrohtem Suizid in „O mio babbino caro“ fein und ohne das Schmalz der Wunschkonzert-Nummer singt, sowie ihrem geliebten Rinuccio, von Pavol Breslik mit Charme und feinem Tenor-Strahl dargeboten.

Wenn Schicchi das Publikum um Nachsicht ersucht, wo ihn doch „Granpadre Dante“ für diesen Erbbetrug in die Hölle schickte, und um Beifall bittet, dann versammeln sich auch die Protagonisten der anderen beiden Stücke an der Rampe und das Premieren-Publikum bekundet seine Zustimmung mit begeistertem Applaus. Er gilt nicht zuletzt und vor allem Kirill Petrenko, der den so unterschiedlichen drei Einaktern mit dem Bayerischen Staatsorchester die vielfältigsten Farben entlockt, ob mit breitem Pinsel gemalt wie im „Tabarro“, melodramatisch gesteigert in „Suor Angelica“ oder kalligraphisch genau und prägnant gezeichnet wie in den vielen komischen Volten des „Gianni Schicchi“. Auch wie er Tempi modifiziert, Steigerungen vorbereitet und Höhepunkte auskostet, noch in der prallen Komödie feinste Klangteppiche weben lässt, das wird das Münchner Publikum schmerzlich vermissen, wenn Petrenko endgültig nach Berlin wechselt.

Als kostenloser Video-Livestream ist die Vorstellung am 23. Dezember 2017 (19 Uhr) auf www.staatsoper.de/tv zu erleben. Danach für einen Tag on demand: vom 24. (11 Uhr) bis 25. Dezember (10.59 Uhr).

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