Neue Oper: Der Mieter

Die Verwandlung

Uraufführung von Arnulf Herrmanns Oper „Der Mieter“ in Frankfurt

Von Bernd Feuchtner

(12. November 2017) Wie einst Kafkas Gregor Samsa sich plötzlich in einen Käfer verwandelt sah, so erlebt Georg in Arnulf Herrmanns neuer Oper „Der Mieter“ nach dem Roman Le Locataire chimérique (1964) von Roland Topor seinen Körpertausch mit seiner Vormieterin. Berühmt wurde die Vorlage durch die Verfilmung Roman Polanskis.
Auf der Leinwand in der Oper sehen wir, wie er sich in einem zur Schachtel geschrumpften Zimmer aus dem Anzug quält und Johannas Kleid anzieht, das er im Zimmer vorgefunden hat. Hinter der Leinwand hören wir Georg und Johanna wispern: „du : ich : ich : du : wie : ich : du : ich : ich : du :“ (Text: Händl Klaus).

Vor und nach dieser Verwandlungsszene fällt die Musik in Stummheit, die Aktion auf der Bühne erliegt. Und danach übernimmt Johanna. Die fabelhafte Anja Petersen schraubt ihren Sirenengesang immer weiter in die Höhe: „fang : an : dem fang : und an : und an : und an : so : dass ich : sprang“ – Johanna war nämlich, wie Georg gleich beim Einzug erfahren hatte, aus dem Fenster gesprungen und auf dem Glasdach gelandet. Und nun zieht Johanna Georg auf die gleiche Bahn.

Es passiert nicht viel in diesen zwei Stunden, eigentlich werden Momente ins Unendliche gedehnt. Die Zimmervergabe durch die Portiersfrau (durch die umwerfende Bühnenpräsenz von Hanna Schwarz war der Einstieg schon mal gesichert), das Frühstück im Café gegenüber, wo der Kellner so tut, als gebe immer noch Johanna ihre Bestellung auf (Sebastian Geyer macht mit verschmitzt-elegantem Bariton ein Kabinettstückchen daraus), die Einweihungsparty (bei der vor allem Michael Porter mit seinem frischen Tenor glänzt), dem frechen Nachbarn, der sich über jedes Geräusch beschwert, die anderen Nachbarn, die Georg zu Unterschriften gegen Mieter nötigen wollen, die angeblich zu laut sind, der Hausbesitzer, der Georg autoritär zurechtweist (Alfred Reiters Bass stakst in tiefsten Tiefen), die Mieterin mit dem behinderten Kind, die von den Nachbarn schikaniert wird (die wunderbare Claudia Mahnke zieht die Silben, die sie stotternd hervorbringt, ausdruckslos in sich hinein), das alles sind Bilder, die in der Summe einen unerträglichen Druck ausüben, auf den Zuschauer nicht weniger als auf Georg. Es ist der Druck zur Anpassung.

Nicht wenige der Zuschauer hatten am Nachmittag in der Kunsthalle Schirn die Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ besucht. Die schicken Klamotten (von Katharina Tasch) und jene fiesen Fressen erkennen wir auch auf der Bühne wieder. Der von Walter Zeh zur Präzision gedrillte Chor formiert sich zur Hetzmeute, die es nicht erwarten kann, bis Georg spurt. Und die Mechanik der Kompression funktioniert. Georg wagt keinen Widerstand: Nach dem selbstbewussten Auftritt des langhaarigen Jungspunds versinkt Björn Bürgers viriler und sympathischer Bariton mehr und mehr im Sumpf der repressiven Gesellschaft, bis er in Johannas Rolle aufgeht. Am Ende ist er nur noch akrobatisch aktiv, wenn er, an Seilen hängend, in der Waagerechten läuft und schließlich, als die letzte Wiederholung des Falls sich zur erlösenden Himmelfahrt umkehrt, ganz nach oben entschwebt.

Regisseur Johannes Erath hat sich eine Menge einfallen lassen, um diese Nichtaktionen poetisch aufzuladen und theatralisch zu erfüllen. Als Haupthandlungsort ließ er sich von Kaspar Glarner einen eindrucksvollen Leuchttisch bauen, der das gemietete Zimmer repräsentiert und mit einem Waschbecken möbliert ist. Dem gegenüber das Fenster, aus dem Johanna sich gestürzt hat und immer wieder stürzen wird. Wie vieles andere wird es per Video (Bibi Abel) herbeigezaubert, so dass man sich mehr und mehr in einem Lars-von-Trier-Film wähnt, der Arnulf Herrmanns Musik als Soundtrack gekapert hat. Auch Josh Jürgen Martins Sounddesign hat wirksamen Anteil an der Darstellung der Musik.

Nicht nur ich dachte an Carl Orff an diesem Abend. Ist Arnulf Herrmann der Orff unserer Zeit? Würde Orff heute so komponieren? Einerseits nein, denn er hatte ja Spaß an der Wucht und Brutalität des Rhythmus. Andererseits wissen wir nicht, wie der heutige Druck der Anpassung auf ihn gewirkt hätte – obwohl er sich mit Anpassung ja auch auskannte. Arnulf Herrmann malt seine Klänge – etwa ein in höchster Lage fiependes Geigenflageolett zu einem in tiefsten Tiefen brummenden Kontrafagott – wie mit dickem Filzstift auf Glasplatte. Seine Steigerungen sind grausam wie Betonfassaden, eine Art deutscher Minimalismus. Das klingt zwar hölzern, ist aber mit rhythmischer Raffinesse aufgebaut. Das Frankfurter Opernorchester unter Leitung des langjährigen Lyoner Opernchefs Kazushi Ono führt diese Exerzitien getreulich und machtvoll aus. Wieder einmal haben wir gelernt, wie grausam der Verblendungszusammenhang unsere Welt vernagelt. Wie gut, dass wir nicht auch noch aus dem Fenster springen müssen, sondern dies stellvertretend im Theater erledigt wird.

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