La Fanciulla del West an der Stuttgarter Staatsoper

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Nicht von dieser Bühnenwelt

Natalia Ushakova und Tito You Foto: Sebastian Hoppe / Staatsoper Stuttgart

Calixto Bieito inszeniert Puccinis „La Fanciulla del West“ in Stuttgart

(Stuttgart, 23. Juni 2007) Keine heutige amerikanische Western-Show in Texas könnte wüster, wilder und bunter sein als das, was Calixto Bieito für den ersten Akt von Giacomo Puccinis „La Fanciulla del West“ in Stuttgart als Szenerie in einem Filmstudio auf die Beine stellt. Unter Scheinwerferbatterien für wechselndes, exzellentes Licht traben auf Sand zwischen Holzhäusern, die dank einer Spiegelwand einen Straßenzug imaginieren (Bühne: Alfons Flores) echte Pferde, die ein Hund ankläfft; schwingen Indianer Tomahawks und ballern Cowboys effektvoll durch die Gegend; ein herrlich schmieriger Schnulzensänger (Motti Kastón) ganz in weiß sehnt sich durchs Mikro schluchzend zu Muttern. Dazu eine Horde (männlicher) Touristen, die sich auf einer Tribüne bereitwillig animieren lassen, Feuerzeuge und sonstige selbstleuchtende Fanartikel zu schwenken. Diese Meute grölt schon los, wenn ihr nur ein bisschen (weibliche) Haut versprochen wird.
Wie eine Dea ex Machina schwebt sie endlich aus dem Bühnenhimmel: die Vollblut-Russin Natalia Ushakova im kessen, schrägen Mieder (Kostüme: Mercé Paloma) als Minnie, unablässig aufreizend und variantenreich posierend wie Marilyn; dabei mit Verve und vor allem einer satten, erotisch flutenden Mittellage singend, die für eine Handvoll Toscas reichen würde. Nur schade, dass ihr in Gestalt von Ki-Chun Park als Dick Johnson buchstäblich ein Tenor an der Seite steht, dessen leichtes Lispeln man noch goutieren würde, sänge er denn ein bisschen strahlender und schöner und spielte er nicht wie im Schultheater.
Sein Rivale Tito You als Sheriff Jack Rance ist da schon ein anderes Kaliber, strotzend vor virilem Baritonschmelz und mit großer Bühnenpräsenz. Da macht es nichts, dass ihm das schwache Libretto weder Begierde noch Verführungskraft zubilligt, wie überhaupt das Destillat aus David Belascos „The girl of the golden west“ eine kaum erzählenswerte Handlung und lauter Pappkameraden hervorgebracht hat. Die allerdings werden von einem Dutzend Ensemblemitgliedern der Stuttgarter Staatoper mit viel jungenhafter Lust am Westernklischee zu plastischen Männern, angeführt von einer Frau: Tajana Raj als Wowkle.
Kein Wunder, dass Bieito den zweiten Akt, die Idylle Minnies mit Johnson in den Bergen, aufpeppen will und ein enges, zweistöckiges Motel-Apartment auf die Bühne stellt, in dem fortwährend sich umgekleidet, leitergeklettert, Wackelpudding gegessen, schließlich der mutmassliche Bandit Johnson gestellt, aber von Minnie beschützt wird. Doch selbst das Kartenspiel, zu dem sie den Sheriff herausfordert und das sie gewinnt, kann Johnson nicht retten.
Wie schon bei Puccini ist auch bei Bieito der kurze, karge dritte Akt der prägnanteste und schlüssigste: leer geräumt die nur von Scheinwerfern im Gegenlicht beleuchtete Bühne, fulminant die sich bis in den Zuschauerraum erstreckende Jagd nach Johnson per roten Seilen – mit vermeintlichem, sich schließlich einmal mehr als Showdown entpuppendem blutigen Ausgang. Am Ende kann Minnie die wiederauferstandenen Männer voller Theaterblut überzeugen, Johnson zu begnadigen. Doch das zart verdämmernde „Addio“ der beiden zusammen mit dem ganzen Ensemble in einem Happy End, das für das amerikanische Uraufführungspublikum notwendig schien, klingt wie ein Abschied von dieser (Bühnen-)Welt. Die verlässt das eigentümliche Liebespaar denn auch getrennt – sie zur Brandmauer hin, er durch den Zuschauerraum.
Shao-Chia Lü produziert mit dem Staatsorchester den perfekten Hollywood-Sound, unverhohlen pathetisch, aber nie zu dick und immer in der rechten klanglichen Balance. Zu einer Ehrenrettung des Stücks hat es freilich nicht gereicht, auch weil Puccini selten die musikalische Charakterisierungskunst seiner vorangegangenen Opern „Tosca“ und „Butterfly“ erreichte, von der wirklich schwachen Story ganz abgesehen. Vor ihr musste auch ein Calixto Bieito letztlich kapitulieren.
Klaus Kalchschmid

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