König Roger an der Grazer Oper

Geschichte einer Verführung

Karol Szymanowskis Oper „König Roger“ an der Oper Graz

Von Bernd Feuchtner

(Graz, 14. Februar 2019) Spektakulär hebt sich am Ende des zweiten Akts das zentrale, goldene Bühnensegment in die Senkrechte. König Roger steht dort in einer goldenen Nische, als wäre er ein Heiliger in der Ikonostase. Die Musik rüttelt ihn ebenso durch wie das Publikum. Und dann verkündet er seinem Berater ganz schlicht, er werde jetzt ein Pilger, um das geheimnisvolle Phänomen des Liebespredigers zu ergründen. Pause.

Spektakulär kann an diesem Abend aber auch eine Kleinigkeit sein. Bei der Begegnung des Königs mit dem Hirten hält Roger krampfhaft das riesige Holzkreuz vor sich, das bis dahin die Bühne beherrscht hat. Der Hirte streift scheinbar achtlos, aber sinnlich mit dem Arm am Schaft des Kreuzes entlang, wenn er auf den König zuläuft. Aber plötzlich ist er es, der das Objekt beherrscht und den König in die Enge treibt.

Genau so ist auch die Musik von Karol Szymanowski. In der Grazer Oper überwältigt sie das erstaunte Publikum mit enormen, prachtvollen Klangwellen, um es dann wieder durch leises Aufblühen zart-bunter Klanggespinste zu bezaubern. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, ist in „König Roger“ eine ganz eigene Stimme zu hören. Waren Zemlinsky, Korngold, Schreker noch deutlich vom 19. Jahrhundert geprägt, folgen die Klänge des polnischen Komponisten einer moderneren Ästhetik. Seine Harmonik meidet klare Zuordnung und nutzt auch modale Akkorde, seine Melodien spannen abstrakte Linien, die Dichte der musikalischen Ereignisse ist ähnlich wie bei Schönberg. Und doch spricht diese Oper den Zuhörer unmittelbar an, wie jetzt auch in Graz.

Roland Kluttig, der designierte Grazer Musikchef, und sein Orchester spannen mit ruhiger Hand einen großen Bogen über den Abend. Eigentlich erzählt das Orchester die Geschichte, denn „König Roger“ hat kaum eine Handlung. Aus dem Dunkel des Anfangs kommen leise Choräle. Aus der Finsternis schälen sich König Roger und sein Berater Edrisi, dann kommt von hinten der gesamte Chor auf die steile Schräge der Bühne. Nun klingen die Choräle aggressiver: Gemeinsam mit dem Erzbischof verlangt die Menge, dass man den Hirten zum Tode verurteilt, der die Kirche gefährde. Doch die Königin Roxane mahnt den König, den Hirten erst anzuhören, bevor er urteile. Der Grazer Opernchor (einstudiert von Bernhard Schneider) und der Kinderchor (Andrea Fournier) singen diese Anfangsszenen äußerst suggestiv.

Szymanowskis Oper ist ganz offensichtlich von den „Bacchen“ des Euripides angeregt, in dem der König Pentheus, statt die dem Dionysos geweihten Bacchantenzüge zu verbieten, weil sie die staatliche Ordnung stören, sie selbst beobachtet und dann von seiner eigenen Mutter zerrissen wird, weil sie in ihrem Wahn ihn für ein Löwenjunges hält. Das Thema war nach dem Weltkrieg aktuell: Unmittelbar danach schrieb Erich Wolfgang Korngold seine Oper „Das Wunder der Heliane“, in dem ebenfalls ein schöner Hirte, der die Liebe predigt, ein königliches Paar in Verwirrung stürzt. Und in den Jahren 1928/29 entstanden nach dem Original von Euripides „Die Bacchantinnen“ von Egon Wellesz, die 1931 in Wien uraufgeführt wurden. Der Kern war schon von Rainer Maria Rilke 1908 in Paris in seinem Gedicht „Archaischer Torso Apollos“ formuliert worden: „Du musst dein Leben ändern.”

Karol Szymanowski war der verzogene Sohn einer gebildeten Gutsbesitzerfamilie. Das rund 600 ha große Gut Tymoszówka lag halbwegs zwischen Kiew und dem Schwarzen Meer; diese polnische Oase war in Podolien, das der Zar bei der zweiten Teilung Polens 1793 an sich gerissen hatte. Das Gut bot seinen Besitzern genügend Erträge für ein bequemes Leben – später wurde daraus eine Kolchose. Zuhause sprach man Polnisch und las die Weltliteratur. Karol lernte Russisch (Unterrichtssprache!), Deutsch, Französisch, Englisch, dazu brachte er sich Italienisch, Latein und Altgriechisch bei. Mit den Kindermädchen sprach man Ukrainisch. Reisen nach Berlin, Wien, an den Genfer See oder nach Italien waren üblich. Man war ähnlich gebildeten Familien freundschaftlich verbunden, oder gar verschwägert wie mit der Familie Neuhaus, wo Karol eng mit moderner Kunst und deutscher Musik in Verbindung kam – Cousin Heinrich wurde später der Vater der legendären Moskauer Pianistenschule. Hier lernte Karol das Klavierrepertoire von Beethoven, Chopin, Schumann kennen.

Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ war elementar für die Entwicklung von Szymanowskis künstlerischem Empfinden. Der junge Pianist Arthur Rubinstein war ein enger Freund, ebenso der Geiger Pawel Kochański oder der Dirigent Grzegorz Fitelberg. Für diese Freunde schrieb Szymanowski viele seiner Werke und sie machten ihn berühmt in Lemberg, in Warschau, in der Welt. Mit seinem Cousin Jarosław Iwaszkiewicz tauchte er in den Kriegs- und Revolutionswirren 1917 lieber in die Tiefen der europäischen Kultur ab; in Warschau entwickelte er mit ihm schließlich das Libretto für „König Roger”.

Mit seinem schwulen Freund Stefan Spiess, dem Erben des größten polnischen Chemiewerks, unternahm er mehrere Reisen nach Italien, die ihn bis nach Sizilien und einmal auch nach Tunis führten. Er studierte die Orte und die Kulturen des „König Roger“ genau. Die Gedankenwelt seiner Dritten Sinfonie trägt ebenso persische Einflüsse wie seine Lieder des Hafis. Und in Italien konnte er endlich ohne strafrechtliche Bedrohung seinen erotischen Vorlieben folgen. Er schrieb 1918 sogar einen Roman, um sich über dieses Thema klarzuwerden – er verbrannte beim Warschauer Ghetto-Aufstand. Nur das an Platon angelehnte Kapitel „Das Gastmahl“ überlebte, weil er es für seinen jungen Lover Boris Kochno ins Russische übersetzt hatte, der später Diaghilews Sekretär und nach dessen Tod Ballettchef in Monte Carlo und Paris wurde. Die Befreiung von den Fesseln, die von Tradition und Institutionen den Menschen auferlegt werden, war ebenfalls ein Thema in „König Roger“. Roman und Oper gehen aber darüber hinaus. Der von nationalen Egoismen angetriebene Weltkrieg bestärkte ihn in seiner paneuropäischen Haltung. Er schätzte die Vielfalt und den Reichtum der Stile und Ausdrucksformen statt der nationalistischen Scheuklappen. Auch in den destruktiven Energien der proletarischen Bewegungen sah er keine Zukunft. Dagegen setzte er den Eros und die Kunst als Kräfte, die die Völker verbinden und das geistige Leben des Menschen bereichern.

Die aggressiven Gesänge des Erzbischofs (Wilfried Zelinka mit machtvollem Bass) und seiner Gemeinde entspringen der Angst vor dem Unbekannten, vor dem Fremden. Die Sinnlichkeit der Vokalisen der Königin zeigt an, dass sie den ersten Schritt der Befreiung schon getan hat: Aurelia Florian lässt die Melodik der Roxane zauberisch aufblühen und macht die Zuschauer noch neugieriger auf das Geheimnis, von dem sie magisch angezogen wird. Rogers Berater Edrisi dient ihm als eine Art Führer auf dem Weg ins Unbekannte und Manuel von Senden gestaltet diese dankbare Tenorrolle mit viel Umsicht. Kay Stiefermann verleiht dem König Roger alle Dimensionen existentieller Verunsicherung, aber auch kraftvoller Entscheidungen. Stiefermann geht nie unter in den Klangfluten und muss doch nie forcieren, seine Stimme bleibt edel und weckt das Mitempfinden der Zuschauer. Dass er die ganze Dauer der Oper hindurch auf der Bühne ist, macht seine Leistung noch beeindruckender. Mit dem polnischen Tenor Andrzej Lampert begegnet ihm ein ebenbürtiger Gegner. Lamperts strahlende Stimme und seine souveräne Bühnenpräsenz faszinieren nicht nur Roger.

Regisseur Holger Müller-Brandes gewährt diesem Ideendrama die Ruhe, derer es bedarf. Er hat eine große Sensibilität für die musikalischen Vorgänge und versucht ihnen keinen Aktionismus überzustülpen. Die Massen wirken bedrohlicher, wenn sie langsam hervorkriechen und ebenso langsam wieder im Dunkel verschwinden. Der Hirte erscheint mit einer kleinen, wilden Tanztruppe (die kurzen Einlagen gestaltete Beate Vollack so energiereich wie bemerkenswert). Die zentrale Begegnung des Königs mit dem Hirten ist tief emotional: Der König schließt den Hirten in die Arme, wie er zuvor nur Roxane in die Arme geschlossen hatte. Doch seine Frau hatte er geküsst, die Berührtheit durch den Hirten bleibt dezent. Umso mehr löst sie in jedem einzelnen Zuschauer aus. „König Roger“ ist Verführung pur, und das schließt die Zuschauer ein.

Nach der Pause ist aus der glatten Goldbühne Erde geworden – Katrin Lea Tag hat ein der lakonischen Handlung entsprechendes, eindrucksvolles Bühnenbild erfunden, das von Sebastian Alphons sehr prägend beleuchtet wird. Die von ihr mit Lejla Ganic entworfenen Kostüme sind dezent zeitgenössisch und gewähren nur Edrisi eine ornamentale Pracht. Die Tänzer, die im Gefolge des Hirten über die Bühne gewirbelt waren, liegen ebenso ermattet da wie Roger und Roxane – offenbar hat da gerade eine Orgie stattgefunden. Die Königin ist dem schönen Hirten endgültig verfallen und folgt ihm, der sich nun als der Gott Dionysos zu erkennen gibt. Roger aber gibt sich einen Ruck und entscheidet, das Dionysische, das er gerade erfahren hat, mit dem Apollinischen zu verbinden. Er hat sein Leben geändert.

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