Heliane

Sexuelle Raserei

Foto: Martina Mikelić, Szabolcs Brickner Foto: Volksoper Wien

Erich Wolfgang Korngolds Oper "Wunder der Heliane" konzertant an der Wiener Volksoper
Von Derek Weber
(Wien, 2. Februar 2017) Dmitri Schostakowitsch hat einmal über seine 4. Symphonie gesagt, sie leide an "Grandiosomanie". Er hat Erich Wolfgang Korngolds "Wunder der Heliane" vermutlich nicht gekannt. Sonst hätte er im Urteil über sich selbst vielleicht größere Zurückhaltung walten lassen. Anlass, darüber ins Sinnieren zu kommen, bot die konzertante Aufführung  von Korngolds Oper an der Wiener Volksoper anlässlich des 120. Geburtstags des Komponisten und des 100-jährigen Jubiläums der Uraufführung der Oper.
Dass diese Oper nun in Wien zu hören war, war im doppelten Sinn gut. Einmal ist es immer von Vorteil, Werkaufführungen beizuwohnen, die man kaum kennt. Zum anderen lohnt es sich, der Frage nachgehen, warum dem so ist, warum sie – abgesehen vom Wüten der braunen Pest gegen „entartete Kunst“ – so lange vergessen waren. Es hat vielleicht seine Gründe: In der Tat wäre es recht verwegen, heute ein so "grandiosomanes" Werk wie dieses auf die Bühne bringen zu wollen.
Aber ist das nicht ein Schicksal etlicher Bühnenwerke der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts? Wo sind die vielen Wiederentdeckungen der 1980er- und 90-Jahre hin verschwunden? In Vergessenheit sind fast alle wieder gefallen. Mit großem Pinsel gezeichnet sind sie, mit süffigem, farbkräftigem  Klang ausgestattet, immer ein bisschen mystisch und pseudo-religiös durchtränkt und voll erotischer Anspielungen. Mit Musik voll irisierender Heils-Helligkeit und düsterer Todessehnsucht. Selbst unsere an Irrationalitäten nicht gerade arme Zeit scheint damit überfordert zu sein.
Ähnlich ergeht geht es einem – anders als mit Korngolds  kunstvoll-psychologisierender "Toter Stadt" – auch mit dem "Wunder der Heliane". Mit Begeisterung saugt man im Eröffnungsakt noch die lichten Akkordketten und Chromatismen der Musik ein, folgt man gebannt den nach oben drängenden, schwebend-hellen Melodien. Man ahnt das anbahnende Verhängnis. Immer geht es um erotische, ja blanke sexuelle Raserei. Stets bleibt sie dabei ein bisschen entrückt.
In der konzertanten Version der Wiener Volksoper ist die Nacktheit der schönen Heliane ihrer Bildhaftigkeit beraubt. Wie in einer griechischen Tragödie wird darüber bloß berichtet, kann nichts betrachtet werden. Mächtig viel los ist in dem mittelalterlich-frühneuzeitlich-archaischen Reich, in dem der Chor als Hintergrundstaffage gebraucht wird. Dirigent Jac van Sten führt ihn und das Orchester wuchtig durchs Werk. Doch kommt das Dramatische, je länger die Oper dauert, reichlich mechanisch daher. Diese Seite des Komponierens war Korngolds große Stärke nicht. Melodische Einfälle, mit post-wagnerscher und straussischscher Schwermut aufgeladen, lagen ihm näher.
Für die Sänger ist das nicht unanstrengend. Daniel Kirch meistert die Partie des "Fremden" mit seiner zwischen lyrischer Präsenz und sonorer Grundierung changierenden Stimme mit souveränem Anstand. Martin Winkler verfügt über genügend Kraftreserven für den verzweifelt-bösen "Herrscher", der an der Sexualverweigerung seiner Frau zugrunde geht. Martina Mikelić erfüllt die im Grunde wenig sagende und eindimensional angelegte Rolle der bösen "Botin", die früher einmal die Geliebte des Königs war, mit einer Art von lapidarem, unterkühltem Kommentar-Gesang. Der große gesangliche Lichtpol der Aufführung aber ist Annemarie Kremer. Sie verleiht der Heliane eine in allen Lagen präsente Stimme, der man erst am Ende anmerkt, wie anstrengend die Rolle in Wirklichkeit ist.
Die Wiener Volksoper aber hat mit dieser Aufführung bewiesen, dass sie, wie es ihre Aufgabe ist, nicht nur Operetten und Musicals musikalisch ansprechend umzusetzen vermag.


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