Gisei

Exotismus eines 17-Jährigen

Aki Hashimoto (Shusai/Kotaro), Anja Vincken (Chiyo), Susanne Serfling (Tonami) Foto: Barbara Aumüller

Die Uraufführung von Carl Orffs Bühnenerstling "Gisei – Das Opfer" in Darmstadt
(Darmstadt, 30. Januar 2010) Kaum zu glauben, dass es nach fast 100 Jahren die Uraufführung einer Oper von Carl Orff gibt. Doch in Darmstadt wurde soeben – zusammen mit seinem letzten Bühnenwerk "De temporum fine comoedia" – das erste des bei seiner Entstehung 1913 gerade mal 17-Jährigen erstmals aufgeführt. Orff hat selbst "Gisei", japanisch: "das Opfer", bereits ein Jahr später in einem Brief als seine "verunglückte japanische Erstlingsoper" bezeichnet. Es sollten zum Weltverfolg der "Carmina Burana" noch 23 Jahre vergehen. Und erst danach entstanden "Trionfo di Afrodite" und "Catulli Carmine", "Der Mond" und "Die Kluge", "Die Bernauerin", "Antigone" und "Oedipus der Tyrann", "Astutuli", das Weihnachts- und Osterspiel sowie die Bearbeitung des Monteverdischen "Orfeo".
Doch "Gisei" ist keineswegs ein "jugendlicher Schiffbruch" durch zuwenig Kenntnis des japanischen Theaters. Vielmehr hat Orff den zugrundegelegten Teil eines berühmten Stückes des Bunraku-Puppentheaters aus dem Jahr 1746, den er als "Die Dorfschule" in deutscher Nachdichtung in dem beliebten Band "Japanische Dramen" von Karl Florenz – 1913 bereits in achter Auflage erschienen – kennenlernte, auf frappierende Weise vertont. Die Puccini-Begeisterung des jungen Mannes schlug ebenso durch wie das Komponieren nach "Debussy-Rezepten", wie er selbst sich später lustig machte. Dennoch klingt es frappierend, wie handwerklich geschickt Orff schon vorgeht, mit welcher Klangfantasie und Ökonomie der Mittel. Trotz eines groß besetzten spätromantischen Orchesters dominiert immer wieder feine Kammermusik, bevor urplötzlich schon die Wucht und Kälte einer "Turandot" zu spüren ist, die erst 13 Jahre später uraufgeführt werden sollte.
Orff war schon als Jüngling magisch angezogen von fernöstlicher Kultur, sein "Bubenzimmer hing voller japanischer Drucke". Kurz bevor er mit der Komposition von "Gisei" begann, bekam er zu Weihnachten eine Sammlung japanischer Lieder geschenkt, von denen eines bei ihm ebenso zitiert wird wie in Puccinis "Madama Butterfly". Und doch wußte er weder, dass der von ihm vertonte Teil eines siebenstündigen Stücks auf Puppentheater basiert, noch welche überwältigende Wirkung der ebenso expressive wie virtuose Sprechgesang zur Begleitung der Shemisen-Laute besitzt. Wie so etwas klingt, war im Münchner Orff-Zentrum, das begleitend ein Symposium ausrichtete (Bericht folgt), vor ein paar Monaten zu erleben, als berühmte Rezitatoren und Laute-Spieler aus Japan Station machten, um "Terakoya no dan" (Die Dorfschule) aus dem Drama "Sugawara denju tenarai kagami", das Orffs (Text-)Vorlage bildete, zu präsentieren: Erzählt wird die komplexe Geschichte um Vasallentreue und Elternliebe, vom Tausch zweier sich ausnehmend ähnelnder Jungen, der den Mord an einem Fürstensohn durch das Opfer des anderen abwendet. Er schildert die Gefühle der handelnden Personen, die scheinbar mit dem Glauben an ein übergeordnetes Schicksal kollidieren. Dabei schlüpft der Erzähler in alle Figuren, die von lebensgroßen Puppen dargestellt werden, und lotet in einem diffizilen Geflecht aus Rezitation, Deklamation und Singen alle Facetten der Geschichte aus.
Bei Orff treten natürlich Sänger des europäischen Musiktheaters auf, singen und gebärden sich auch so. Trotzdem entwickelt die Geschichte, die Orff mit einem eigenständig hinzugefügten Prolog des Elternpaares beginnt, das seinen Sohn aus Loyalität zum Fürsten opfert, zunehmend an Intensität. Regisseur John Dew tat gut daran, Orffs Regieanweisungen zu ignorieren und eine beträchtliche Annäherung an traditionelles japanisches Theater herbeizuführen, in diesem Fall eher das (revuehafte) Kabuki-Theater. Dass er dabei nicht konsequent vorging, die Bühne (Heinz Balthes) gar wie für ein – noch älteres und abstrakteres – No-Theater einrichten ließ, mag man bedauern. Aber dies war wohl mit westlichen Schauspielern kaum zu verwirklichen, zumal auch Orffs Vertonung des Textes ebenso wenig konsequent ist.
Der neue junge GMD des Darmstädter Staatstheaters hatte mit der Umsetzung der Partitur keine leichte Aufgabe zu bewältigen. Zu ergänzen waren fehlende Hinweise für Artikulation und Phrasierung, also etwa Legatobögen. Manchmal mussten Singstimmen nach oben oktaviert werden, weil sie vom Orchesterapparat übertönt worden wären. Dynamische Angaben wie ein manchmal durchgängig notiertes Fortissimo erforderten eine Modifizierung. Doch Constantin Trinks und das Orchester des Staatstheaters Darmstadt boten eine staunenswerte Leistung wie auch alle Sänger: Oleksandr Prytolyuk und Susanne Serfling als Lehrer-Paar Genzo und Tonami, Andreas Daum (Matsuo) und Anja Vincken (Chiyo) als Vasall des Fürsten und seine Frau sowie Aki Hashimoto in der Doppelrolle ihres Sohns Kotaro und des Fürstensohns Kwan Shusai, den der Lehrer und seine Frau an Sohnes statt annahmen.
Klaus Kalchschmid

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