Fledermaus Essen

Vulkanisch

Essen präsentiert eine neue "Fledermaus" in der Regie von Gil Mehmert und unter der musikalischen Leitung von Stefan Soltesz

(Essen, 10. Dezember, 2011) "Kein anderer Komponist ist dem Offenbachschen Vorbild so nahe gekommen wie Johann Strauß mit seiner ‚Fledermaus’", heißt es in der Operettenbibel von Volker Klotz, dem "Porträt und Handbuch einer unerhörten Kunst". Dieses Kompliment unterstreicht zum einen das große Unterhaltungspotential dieses Werkes, gilt aber noch mehr seiner Ironie, Doppelbödigkeit und gesellschaftskritischen Schärfe. "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist". Das kann so entspannt wohl nur ein Alfred singen, den ja nun wirklich nichts "geniert". Bei allen anderen Personen der Operette kriselt es, beruflich, privat. Der festgefügte Alltag lässt eine Flucht kaum zu, man sucht also Zerstreuung auf Festen, benebelt sich genussvoll  mit Champagner. Und wenn’s schief geht, hat er’s "verschuldet, so der finale Rundgesang. Eine harmlose Champagner-Operette ist die "Fledermaus" also nicht, sondern eine Abrechnung mit fatalen Lebensrealitäten. Die Wiener hatten 1873 (ein Jahr vor der Uraufführung) immerhin einen katastrophalen Börsenkrach zu verkraften. Das Haus Eisenstein wirkt davon zwar nicht in Mitleidenschaft gezogen, aber welche Zukunft der fast nur noch auf rhetorischen Floskeln aufgebauten Ehe, vor allem nach allen erotischen Fremdgängen, in Zukunft blüht, mag man sich gar nicht ausmalen.

Als klassische Inszenierung der "Fledermaus"  ist immer noch die von Otto Schenk anzusehen. Ihr gelang und gelingt es (auf DVD nachprüfbar – Fernsehfilm/Karl Böhm, München/Carlos Kleiber), die latente Katastrophenstimmung mit ungeheuer viel Wiener Charme zu beruhigen. Hingegen haben eine Ruth Berghaus (Berliner Staatsoper zu DDR-Zeiten) oder ein Hans Neuenfels (Salzburger Festspiele) mit Gift und Galle nicht gespart, was die geniale Musik von Johann Strauß aber auch wieder einigermaßen erdrückte.
Gil Mehmert, in dessen spartenübergreifender Regietätigkeit das Musical eine festen Platz hat, weiß, dass es gefährlich ist, das kritische Potential eines Werkes zu  verselbstständigen. Individuelle Akzente setzt er im Verein mit Jens Kilian (Bühne) und Dagmar Morell (Kostüme) lieber im Bereich der Ausstattung. Es gibt keine architektonisch "fertigen" Räume, die Szene wird aus Kulissenteilen peu à peu zusammengesetzt. Der Mittelakt enthält zahllose Showelemente (samt eigenem Salonorchester für das Orlofsky-Couplet), im dritten verwandelt sich alles per Hubbühne in ein riesiges Gefängnisarreal. Ganz zum Schluss  wird die gesamte Orlofsky-Gesellschaft aus der Versenkung nach oben gehievt, "Gefangene" ihrer alkoholbeförderten Sucht nach "Vergessenheit". Gänzlich neu konzipiert sind die Frosch-Szenen mit dem hinreißenden Tom Zahner, nicht länger mehr isolierte Solonummern eines Politkabarettisten.

Die witzig lockere Regiehand Mehmerts beschert aber auch zuvor eine Fülle köstlicher, hochwirbelnder Aktionen und Gags, von denen stellvertretend Eisensteins Duschszene (zum Duett "Komm mit mir") erwähnt sei. Peter Bording, der fesche und höhenpotente Bariton, darstellerisch vulkanisch, kann sich bei seinem beneidenswerten Körperbau die (fast)Nacktheit freilich leisten. Die usbekische Sopranistin Hulkar Sabirova kommt ihm als Adele kommt mit launigem Spiel sehr nahe, bei sicher geführtem Sopran, dem es (wie auch ihrem handfesten Spiel) nur ein wenig an Soubrettengrazie fehlt. Einen wunderbar ironisierten Alfred gibt Andreas Hermann.

Dann freilich beginnt es vokal etwas zu bröckeln, in diesem Umfang ungewöhnlich am Aalto. Die wenig charmante und in der Höhe ziemlich grelle Rosalinde der Alexandra Reinprecht ist sogar fast als Ausfall zu verbuchen. Mit dem Falke müht sich Heiko Trinsinger mehr als 1998, als der heutige Gelsenkirchener Intendant Michael Schulz die "Fledermaus" erarbeitete. Und was Michael Haag (Frank) und Matthias Rexroth (Orlofsky, als Countertenor von viel Konkurrenz inzwischen wohl ohnehin überflügelt) an erleichternden Alternativnoten gestattet wird, ist einfach nicht nachvollziehbar. Rainer Maria Röhr, 1998 noch Eisenstein, gibt nun den Anwalt Blind.

Stefan Soltesz war auch seinerzeit schon der Dirigent. Wie immer fasziniert sein präziser, farbiger, koloristischer Stil (die Essener Philharmoniker machen ihrem Namen neuerlich alle Ehre), doch wirken einige Tempi erstaunlich gebremst, was die Gute-Laune-Interpretation freilich nicht ernsthaft gefährdet.

Christoph Zimmermann

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