Elisabetta Wien

Der Reifrock als Gefängnis

Alexandra Deshorties als Elisabetta Foto: Herwig Prammer

Amélie Niermeyer inszeniert, Jean-Christophe Spinosi inszeniert Rossinis „Elisabetta, regina d‘Inghilterra“ am Theater an der Wien
Von Georg Rudiger
(Wien, 19. März 2017) Zur Ouvertüre sitzt die Königin am Boden und betrachtet das herrschaftliche Renaissance-Kleid, das in der Mitte der Bühne ausgestellt ist. Die Distanz zur Macht hat Regisseurin Amélie Niermeyer am Theater an der Wien bewusst inszeniert. Elisabetta ist hier noch eine verletzliche Frau, bevor sie durch ihre Robe erst zur Königin wird. Der Reifrock als Gefängnis, die hochgestellten Kragen als Rüstung. Aber Elisabeth nutzt die opulenten Stoffe (Kostüme: Kirsten Dephoff) auch als Panzer, der ihr innerhalb der verschiebbaren goldenen Wände von Bühnenbildner Alexander Müller-Elmau emotionalen Schutz und Macht gibt. Ein Zwiespalt, an dem die englische Königin letztendlich zerbricht.
„Elisabetta, regina d‘Inghilterra“ war die erste Oper, die Gioachino Rossini für das Opernhaus in Neapel komponierte. Für die Rezitative schrieb er eine durchgehende Streicherbegleitung. Die Verzierungen notierte er alle aus: Koloratur als bewusste emotionale Steigerung. Auch fasste der Komponist das Geschehen musikalisch in größere Szenen zusammen. Die englische Königin möchte ihren aus Schottland zurückgekehrten Heerführer Leicester heiraten, der sich allerdings schon heimlich mit Matilde, der Tochter ihrer Erzfeindin Maria Stuart vermählt hat. Am Ende ist der Intrigant Norfolk tot. Und Elisabetta lässt das junge Glück aus Staatsraison gewähren.
Für die Oper hat Rossini nur ein Tenorduett neu komponiert. Der Rest der Partitur ist an Passagen aus früheren Opern angelehnt oder von ihnen unverändert entnommen wie die Ouvertüre, die Rossini schon in seinen Opern „Aureliano in Palmira“ und „Barbiere di Sivglia“ verwendete. Der bekannten Musiknummer lauscht Dirigent Jean-Christophe Spinosi mit dem gut artikulierenden, bewusst kratzbürstigen französischen Ensemble Matheus neue Seiten ab. Die Generalpausen in der langsamen Einleitung sind bis zur Verfremdung gedehnt. Die schnellen Viertelschläge des Allegro-Teils werden von den Streichern mit viel Schmackes auf die Saiten gehackt. Der Rossini von Spinosi klingt gelegentlich etwas roh und immer aufgeraut, aber auch ungemein plastisch und vital. Das Ensemble ist nicht ganz homogen besetzt, aber einzelne Bläser wie Hörner oder Piccoloflöten leisten Außerordentliches. Vor allem gelingt Spinosi, dessen Dirigat so präzise wie theatralisch ist,  eine hervorragende Sängerbegleitung, die jede kleine Verzögerung mitfühlt und dieser ein wenig zusammengeklebt wirkenden Oper ein klares Gerüst verleiht.
Gesungen wird am Theater Wien hervorragend. In der Titelpartie verbindet Alexandra Deshorties brillanten Koloraturglanz mit dramatischer Durchschlagskraft. Norman Reinhardt macht mit seinem warmen, sonoren, höhensicheren Tenor aus Leicester eine echte Sympathiefigur, wohingegen Barry Banks Norfolc mit seiner engen, mitunter scharfen Tongebung zu einem schmierigen Fiesling werden lässt. Ilse Eerens ist eine glockenhelle Matilde, Natalie Kawalek ein solider Enrico. Den Diener Guglielmo (Erik Arman) rückt die Regisseurin als dauerpräsenten, diskreten Beobachter ins Zentrum. Selbst die Tötung von Norfolc gelingt ihm höflich und formvollendet. Niermeyer setzt auf szenische Fokussierung. Zu der einen Königinnenrobe kommen noch fünf weitere, in die Elisabetta immer mal wieder einsteigt und sich darin wie eine Puppe über die Bühne bewegt. Die Wände werden je nach emotionaler Situation mal enger mal weiter. Auch der hervorragende Arnold Schönberg Chor (Leitung: Erwin Ortner) trägt  mitunter Reifrock. Leider fehlt der Inszenierung das Überraschungsmoment. Die Figuren rücken nicht wirklich näher, sondern wirken selbst gefangen im analytischen Regiekonzept. So bleibt ein musikalisch ausgezeichneter Rossini-Abend mit dramaturgischen Schwächen, die allerdings auch im Libretto zu finden sind.
Weitere Vorstellungen: 21./24./26. und 28. März 2017. Karten und Infos unter www.theater-wien.at.


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