Donaueschinger Musiktage 2

Zwischen Easy Listening und musikalischer Gewaltorgie

Klanginstallation Foto: Veranstalter

Eine ganze Stadt wird mit Neuer Musik bespielt. Die begehbaren Klanginstallationen sind in diesem Jahr eher unspannend, aber zumindest teilweise originell wie die in Nebel getauchte, rot beleuchtete Turnhalle der Realschule (Thomas Köner: Evakuation), in der man zwischen zwei Boxentürmen Orientierung sucht und die Bässe als Vibration spürt. Mit der Flüchtlingsunterkunft in der früheren deutsch-französischen Kaserne wird eine ganz neue Spielstätte erschlossen. Hannes Seidls Flüchtlingsradio „Good Morning Deutschland“ sendet eine Extraausgabe aus Donaueschingen. Am Samstagnachmittag sind auf dem weitläufigen Gelände mehr Sicherheitskräfte als Besucher anzutreffen. Drei Flüchtlinge sitzen im Glaskasten unter dem Schild „Foyer du Soldat“ und lassen arabische Musik laufen, die über die Lautsprecher aufs Gelände übertragen wird. Zu einem langsamen Stück verlässt der DJ das Gebäude und tanzt mit zwei Bewohnern im Kreis unter den Kastanienbäumen. Ein Lächeln liegt auf ihren Gesichtern.
Die schönsten Schlager der 60er und 70er Jahre gibt es bei den Donaueschinger Musiktagen normalerweise nicht zu hören. Peter Ablinger hat bei seinem gleichnamigen Werk diesen „Sondermüll“ so bearbeitet, dass er, zumindest für einen Zuhörer ohne Schlagersozialisation, nicht zu erkennen ist. Tonale Einsprengsel werden von Ablinger im Neue-Musik-Häcksler zerkleinert und neu zusammengesetzt. Wer die Titel dennoch errät, kann eine handsignierte LP des Komponisten gewinnen. Reizvoll ist die Mischung von vertraut und fremd auf jeden Fall. Das Freiburger Ensemble Recherche widmet sich den sechs Teilen der Komposition im großen Bartók-Saal der Donauhallen mit Spiellaune, Detailfreude und Humor. Martin Smolkas „A Yell with misprints“ (Ein Schrei mit Druckfehlern) kontrastiert scheppernde Gongs mit tonalen Inseln an zwei Klavieren (Jean-Pierre Collot, Klaus Steffes-Holländer). Wieland Hobans „Uroarbrunnr“ hat mit vier achteltönig gestimmten Harfen und großem Ensemble einen fast schon wieder traditionellen Avantgarde-Duktus mit viel Geräusch und wenig Ton – ähnlich sperrig auch Patricias Alessandrinis schattenhaftes „Leçons de ténebres“, verfeinert vom SWR-Experimentalstudio.
Beim Abschlusskonzert in der Baar-Sporthalle sitzt für Elliot Carters „A Symphony of Three Orchestras“ (1975) eine große Orchesterbesetzung auf der Bühne (Konzertmeister: Jermolaj Albiker). (Das ursprünglich geplante neue Werk von Marco Stroppa war nicht rechtzeitig fertig geworden.) Die drei Orchestergruppen wechseln sich bei Carter immer wieder ab, die Übergänge sind fließend. Dirigent Alejo Pérez hält die Fäden zusammen. Die vielen Instrumentalsoli (sprechend und präzise: Michael Hsu-Wartha/Violine) schaffen intime Momente im riesigen Tutti. Franck Bedrossians wilde, wenig differenzierte Komposition „Twist“ mischt akustische und digitale Klänge (IRCAM Paris). Hohe Reizdichte und viele Soundeffekte, aber wenig Substanz. Höhepunkt des Abends ist die Uraufführung von Georg Friedrich Haas‘ unvirtuosem Posaunenkonzert (Solist: Mike Svoboda), das ganz im Tonalen beginnt und sich nach und nach neue Klänge erschließt. Glissandoketten in den Streichern bilden den unsicheren Boden, auf dem sich die Soloposaune immer höher schraubt und in Dialog tritt mit der Posaunengruppe des Orchesters, ehe sie allmählich wieder in die Tiefe sinkt. Großer Applaus für eine sinnliche Komposition, der man den Orchesterpreis gewünscht hätte.
Auf der Abschlusspressekonferenz zeigte sich Festivalleiter Björn Gottstein „unglaublich glücklich“ mit dem stilistisch extrem breiten, aus 17 Uraufführungen bestehenden Festivaljahrgang. Auch das Debüt des fusionierten SWR-Symphonieorchesters wurde als Erfolg gewertet. Der Orchesterpreis, den das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg  seit 2005 der besten Komposition des jeweiligen Jahrgangs verlieh, ist jedoch erst einmal Geschichte. „Da es unser Orchester nicht mehr gibt, gibt es auch den Preis nicht mehr“, sagte der Freiburger Orchestervorstand Peter Bromig.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.