Das Land des falschen Lächelns ist überall Peter Konwitschny inszeniert Lehár in Berlin

Das Land des falschen Lächelns ist überall

Männer mit Keule oder Atombombe Foto: Monika Rittershaus


Peter Konwitschny globalisiert Franz Lehárs Operette „Das Land des  Lächelns“ an der Komischen Oper Berlin
(Berlin, 1. Juli 2007) Das Missverständnis, dem wir heute noch beim Stichwort Operette unterliegen, erklärt sich eigentlich schon aus der  Entstehungsgeschichte eines der berühmtesten Vertreter des Genres. Die Erstfassung von Franz Lehárs „Land des Lächelns, 1923 unter dem  Titel „Die gelbe Jacke“ in Wien uraufgeführt, war nur mäßig  erfolgreich. Der Ohrwurm „Dein ist mein ganzes Herz“ klingelte zwar  schon damals durch die Partitur, aber das Ende der Geschichte war – zu fröhlich. Im „Land des Lächelns“ (1929) schaffen sie es nun nicht  mehr: Lisa und der Chinese Sou-Chong können ihre Liebe nicht leben, es gibt kein Happy End. Operette ist eben nicht nur zum Amüsement da.
Regisseur Peter Konwitschny ist nicht der Mann, der etwas nur zum Amüsement akzeptieren würde. So nimmt er auch die Operette ernst. Ohne es mit Klamauk zu überdecken, lässt er das Grundproblem der Protagonisten unangetastet: Die verschiedene kulturelle Herkunft von Lisa (expressiv dramatisch: Tatjana Gazdik) und Sou-Chong (mit süßem Schmelz: Stephan Rügamer). Das ist der Stolperstein für die Liebe. Denn Sou-Chong, von seinem Ausflug nach Wien zurückgepfiffen auf einen Ministerposten in China, muss gemäß der Tradition ausser der ihm gefolgten Wienerin Lisa noch vier weitere Frauen ehelichen. 
Konwitschny macht klar, dass solche Widrigkeiten allgemeingültig sind. Die  Bühne (Jörg Koßdorff), eben noch ein Operetten-Wien, dreht sich und wir sind in China. Globalisierte Welt! Sou-Chong, dem das schwarze Chinesenhaar auf der Bühne von einem Maskenbildner erst noch übergestülpt wird, ein paar Striche an den Augenbrauen, und fertig  ist der „Chinese“. Sou-Chong ist also genauso wenig ein Exot, dessen Probleme uns eigentlich nichts angehen, wie Lisa, die Konwitschny in ihrer kulturellen Heimat verwurzelt lässt. Lisa sieht plötzlich sehr chinesisch aus.
Ihr alter Freund Gustl (spielerisch, charmant: Tom  Erik Lie) hingegen mutiert zum Indianer (Kostüme: Michaela Mayer- Michnay), ebenso wie Sou-Chongs Schwester (etwas brav: Karen  Rettinghaus) – die beiden sind das „Buffo-Paar“ in dieser Geschichte.  Auch ihnen ist die Liebe nicht vergönnt. Ja, niemand wird hier so richtig glücklich, auch die Frauen mit Kopftuch nicht, die Schwarzafrikanerinnen, die Russinnen und was sich noch alles an Nationalitäten einfindet in der Global-Operette. Im dritten Akt tauchen diese vom Libretto als Sklavinnen beschriebenen Frauen auf. Sklavinnen der Liebe sind sie nicht, im  Gegenteil: Sie sind entwurzelt, weil das „Märchen vom Glück“ vorbei  ist, weil die Welt ohne Liebe auseinander bricht.

Kann man das so auf die Bühne bringen? Taugen der Glaube an die Kraft der Liebe und die damit verbundene moralische Botschaft für einen Abend im Opernhaus?  Denn, dass ohne Liebe der Haussegen unseres Planeten schief hängt, macht uns Konwitschny überdeutlich. So treten im zweiten Akt die Schurken der Weltgeschichte zum Baller-Ballett (Choreographie:  Enno Markwart) an: Stalin, Hitler, Napoleon, Barbarossa. Männer mit  Keule oder Atombombe. Das böse starke Geschlecht. Böse auch Sou-Chong, der Lisa am Ende kaltblütig den Hals umdrehen lässt. Und böse ist Sou-Chongs Onkel, ein Mao-Tse-Tung-Verschnitt, der seinem zwischen Liebe und politischem Amt hin- und her gerissenen Neffen klar macht, wo er hingehört: auf den Ministersessel, in die „gelbe Jacke“, die sich überdimensional auf den frisch in China Angekommenen senkt, ihn schlichtweg erdrückt.

Das „Land des Lächelns“ ist überall. Gewalt wird von „Freundlichkeit“  im Gesichtsausdruck nur überdeckt. Die lächelnde Maske, hinter die niemand  blicken darf. Oder, wie Sou-Chong es formuliert: „Wie’s da drin  aussieht, geht niemand was an.“ Unter dieser falschen Maske gibt es, um Adorno zu paraphrasieren, kein richtiges Leben. Unter dem Label „Operette“ jedoch steckt eine ganze Menge mehr, als nur zuckersüßer Kitsch. Konwitschnys  Vorschlag der Ver-Ernstung ist so gekonnt wie gelungen, und gelacht werden darf trotzdem ein bißchen. Kirill Petrenkos Dirigat passt dazu ideal. Die Musik wiegt sich in einem  Moment in der Seligkeit von „Dein ist mein ganzes Herz“, um sofort danach umzukippen. Wüst zischeln dann die Trompeten, schal klingen die Geigen und so gar nicht erwartungsgemäß „schön“ die Dissonanzen, die Lehár über den Umweg einer Pseudo-Pentatonik in die Partitur eingebaut hat. Diese Musik lächelt keineswegs, sondern gibt uns immer  wieder Blicke frei hinter die aufgesetzte Maske. Wie Lehár hier zugleich der Vergnügungsindustrie zugearbeitet hat – seinerzeit übrigens äußerst erfolgreich – und dabei einen expressionistischen Weltschmerz mitkomponiert hat, das kommt genial zum Tragen.

Benjamin Herzog

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