Das exquisite Quartett-Festival Ickinger Frühling

Vier x Vier

Das Streichquartett-Festival „Ickinger Frühling“ versammelt vier hochkarätige junge Ensembles

Von Klaus Kalchschmid

(Icking/München, 24. März 2019) Was da alljährlich am Rande Münchens mehr oder minder als Privatinitiative des Vereins „Klangwelt Klassik“ stattfindet, ist etwas ganz Besonderes. An einem einzigen Wochenende gibt es im intimen Rahmen des Rainer-Maria-Rilke-Konzertsaals, eigentlich die gleichwohl akustisch hervorragende Aula der gleichnamigen Schule, alljährlich einen Querschnitt durch die seit ein paar Jahren ungemein aufblühende jungen Quartett-Szene zu erleben: Nach zwei Konzerten mit dem Kuss-Quartett – davon eines mit dem Slam-Poeten Bas Böttcher! – spielten das Cuarteto Quiroga aus Spanien, das Doric String Quartet und nicht zuletzt das Wiener Acies Quartett.

War es Zufall oder ausdrücklicher Wunsch der Veranstalter? Jedenfalls gab es in den fünf Konzerten des diesjährigen kleinen Festivals jeweils mindestens ein Werk Ludwig van Beethovens zu hören, zu deuten vielleicht als ein Vorecho des 250. Geburtstags im Jahr 2020.Jedes junge Quartett hatte aber auch ein zeitgenössisches Werk im Gepäck, das Kuss-Quartett etwa „7 Bagatellen“, die Aribert Reimann 2017 speziell für das Ensemble komponierte – als kurze Zwischenspiele innerhalb einer Bearbeitung für Streichquartett und Sopran von unveröffentlichten romantischen Liedern Theodor Kirchners.

Das österreichische Acies Quartett, dessen sensationelle jüngste Aufnahme der beiden Janáček-Quartette erst vor kurzem begeisterte, präsentierte gleich drei Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert, allerdings denkbar effektvolle und gut hörbare: Hugo Wolfs berühmte „Italienische Serenade“, aber auch Alfred Schnittkes drittes Streichquartett (1983) und Gija Kantschelis „Chiaroscuro“ (2011). Letzteres entfaltet so viel melancholisch mürben Schönklang, dass man das Entstehungsdatum kaum glauben mag. Anders als die doppelt so lange Fassung für Geige und Streichorchester, klingt die Quartett-Version nicht im Mindesten kitschig, sondern eher herb in seinem Wechsel von feinem, zarten Wohlklang und heftigen Ausbrüchen. Dies entspricht in hohem Maße dem Helldunkel der Renaissance-Malerei zur Steigerung von Räumlichkeit und Ausdruck, das der Titel beschwört. Benjamin Ziervogel, Raphael Kasprian, Josef Bizak und Thomas Wiesflecker spielten mit feinen Schattierungen, aber auch scharfen Akzenten in den expressiven Teilen.

Schnittke offenbart in seinem dritten Streichquartett von Zitaten Lassos, Beethovens (op. 133) und Dmitri Schostakowitschs (seinem Monogramm DSCH) und einer Musikalisierung der in Töne umsetzbaren Buchstaben von Orlando di Lasso, Ludwig van Beethoven und sogar seinem eigenen ausgehend einen so komplexen und doch gut hörend nachvollziehbaren Kosmos, dass man nur so staunt. Über drei Sätze schlägt der Komponist eine Brücke von der Renaissance in die Moderne, von einer wie ein Leitmotiv immer wiederkehrender Kadenzformel aus einem „Stabat Mater“ Lassos zu 12-Ton-Musik, Chromatik und Atonalität. In diesen Wechselbädern fühlte sich das Acies Quartett hörbar wohl, bestach durch eminent klare Intonation und Diktion. Es vermochte die Fugierung eines Lasso-Soggettos ebenso fein zu modellieren wie die von 12-Ton-Explosionen durchschossene pseudo-romantische Quartett-Kunst im Mittelsatz mit feiner Ironie auszustatten.

Dass die Vier aber auch mit echtem Wiener Schmäh musizieren können, bewies die „Italienische Serenade“ Wolfs. Da hatte nicht zuletzt der erste Geiger hörbar Spaß, mit feiner Süße und Mut zu ebenfalls ironisch gebrochener Sentimentalität zu spielen. So bot das Acies Quartett auch das von Beethoven selbst und fortan von der Musikwissenschaft so geschmähte vierte Quartett in c-moll aus dem frühen op. 18 mit der Jugendfrische und Leichtigkeit, die ihm einzig gebührt. Es nutzte das Spiel mit Kontrapunktik verschiedenster Couleur im „Andante scherzoso quasi Allegretto“ zu launigem Musizieren, wie es dem Perpetuum-Mobile-Finale im „All‘-Ongarese“-Stil das nötige Quantum Pfeffer beimischte.

Und weil der ganze Abend keinen richtigen langsamen Satz enthielt, entführte das wunderbare „Adagio ma non tanto“ aus Joseph Haydns op. 1/1 , zauberhaft homogen, warm und weich dargeboten, als Zugabe direkt in die Seligkeit.

Beim nächsten Festival am 25./26. April 2020 gibt es dann die geballte Frauenpower mit Quatuor Zaïde, Klenke Quartett, Rusquartet und Quatuor Akilone: 15 Frauen und einziger Mann!

Werbung

 


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.