Braunfels

CD der Woche

Walter Braunfels: Orchesterlieder, Vol. 2. Camilla Nylund, Genia Kühmeier, Ricarda Merbeth, Konzerthausorchester Berlin: Hansjörg Albrecht (Oehms 1847)
Da wird ein Komponist jahrelang vernachlässigt, und dann beginnt urplötzlich eine Renaissance. Freilich gilt es bei Walter Braunfels abzuwarten. Aber die ästhetische Diktatur der Avantgarde von einst wirkt nicht mehr ganz so apodiktisch, tonaler Klang und Rückgriff auf romantische Harmonik sind wieder (leidlich) legitim. Die „Drei chinesischen Gesänge“ von Braunfels (1914), klangüppig und ausdrucksemphatisch, erinnern an die „Vier letzten Lieder“ von Strauss. Aber natürlich lässt sich auch bei dem retrospektiv eingestellten Braunfels eine musiksprachliche Entwicklung ausmachen. Wenn der Komponist textlich nicht auf Eichendorff oder Brentano zurückgreift, ergeben sich Ausdrucksvarianten wie bei „Die Gott minnende Seele“ (Gedichte von Mechthild von Magdeburg) oder bei „Der Tod der Kleopatra“ (Text: Shakespeare). Aber selbst die „Vier japanischen Gesänge“ aus den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs (Braunfels lebte als „Halbjude“ noch in innerer Emigration) bleiben Dur-Moll-orientiert.
Vol. 2 der Orchesterlieder beim Label Oehms erscheinen, wird neuerlich verantwortet von Hansjörg Albrecht, der diesmal nicht am Pult der Staatskapelle Weimar steht, sondern das Konzerthausorchester Berlin leitet. Der Dirigent versteht es, das mitunter fast narkotisch anmutende musikalische Idiom von Braunfels üppig, aber auch transparent wirken zu lassen. Bei den drei Sängerinnen wird Ricarda Merbeth (obwohl sehr eindrucksvoll) von der sopranjugendlichen Genia Kühmeier und der erotisch strahlenden Camilla Nylund leicht übertroffen. Die Aufnahme sollte Folgen für das Konzertleben haben.
Christoph Zimmermann
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