Braucht München einen dritten Konzertsaal?

Ergebnis der Umfrage

Braucht München einen dritten Konzertsaal?

Münchner Marstall

(München, April 2007) Wer als unvorbelasteter Konzertbesucher in den Münchner Herkulessaal kommt, der kann angesichts der ihn umgebenden Grün-Grau-Tristesse durchaus gewisse Beklemmungen bekommen. Auch die überdimensionalen herkuleischen Wandteppiche bieten nicht wirklich eine Aufmunterung, seit sie durch häßliche Fotokopien ersetzt wurden. Von dem seltsamen Gemälde im Treppenhaus einmal ganz zu schweigen. Der Saal selbst kämpft unvermindert, trotz seines 50er Jahre Stils, gegen seine nazistische Anmutung an. Schön ist etwas anderes. Der Herkulessaal ist es nicht. Das ästhetische Gesamtkunsterlebnis Konzert findet hier ohne den Faktor Optik statt.

Aber es geht ja gar nicht um Ästhetik, sondern um Sitzplätze. Es fehle in München, behaupten manche, ein Konzertsaal mittlerer Größe, größer als der Herkulessaal mit seinen 1400 und kleiner als die Philharmonie mit ihren 2400 Plätzen. So etwa 1800 Plätze wären gerade recht für symphonische Konzerte. Freilich wäre so ein Saal ideal und auch wünschenswert, so denn dafür nicht an Schulen oder Bibliotheken gespart werden muss.

Auch wenn sich der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser neuerdings für einen solchen Konzertsaal stark macht, und dabei an eine Umgestaltung des Marstalls denkt, steht der Plan nicht wirklich ganz oben auf der Themenliste der Bayerischen Staatsregierung, geschweige denn auf der Finanzierungsliste. Faltlhauser will zumindest einen Architekturwettbewerb für die neue Nutzung des Marstalls ausschreiben.

Konzertsaal des KKL Luzern Foto: Lucernefestival

Zweifellos wäre die Renovierung des historischen Marstallgebäudes von Leo von Klenze aus dem Jahr 1822 eine denkmalschützerisch und städteplanerisch wünschenswerte Maßnahme. Und daß in das Gebäude nicht noch ein nobel-edles Lokal hineinmuß, sollte hoffentlich auch allen klar sein.
„Wir sind offen, ob aus dem Marstall ein Konzertsaal oder eine Multifunktionshalle werden soll“, sagt Faltlhauser. Eine kulturelle Nutzung des Marstall würde das Theaterambiente in diesem Teil der Stadt in jedem Fall sinnvoll ergänzen und bereichern. Wobei ein variabel gestaltbarer Konzertsaal, der vielleicht auch mal für eine Theater- oder Tanzaufführung verwendet werden könnte, allein schon der Form wegen am naheliegendsten wäre: die berühmte Schuhschachtel. (Siehe dazu auch das Plädoyer von Mariss Jansons für einen Konzertsaal im Marstall)
Daher soll der Architekturwettbewerb auch eine Bedarfsanalyse miteinschliessen. Im günstigsten Fall, so hofft Faltlhauser könne der Saal 2012 oder 2013 fertig sein. Und das, obwohl dafür keine Finanzierungskonzepte vorliegen. So wird ein eher bieder-erdnaher Finanzminister auf seine alten Amtstage noch zum Visionär.
Doch kommen wir noch einmal zur Ästhetik. So wie zeitgenössische Kunstwerke wie selbstverständlich in neuen, zeitgemäßen Räumen präsentiert werden, so sollte auch zeitgenössische Musik ihre Räume haben. Gewiß büßt die hochambitionierte Konzertreihe für Neue Musik Musica Viva des Bayerischen Rundfunks durch die staubige Atmosphäre des Herkulessaals manches an Attraktivität gerade unter jüngeren Konzertbesuchern ein. Die von deutlich mehr jüngeren Zuhörern besuchten Musica-Viva-Konzerte in der Münchner Muffathalle zeigen dies deutlich.

Wie positiv auf der anderen Seite ein zeitgemäßes Ambiente auf die Bereitschaft des Publikums, sich mit zeitgenössischer Musik auseinanderzusetzen wirkt, das lässt sich am Beispiel des vor knapp 10 Jahren gebauten Konzertsaals in Luzern studieren. Die spektakuläre Architektur des Franzosen Jean Nouvel mit ihren faszinierenden Ein- und Ausblicken, den verblüffenden Farb- und Formenkombinationen, der verspielten Strenge und phantasievollen Klarheit hat die Akzeptanz von moderner Musik beim Publikum deutlich erhöht. Der Anteil von Werken des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart im Programm des Lucerne-Festivals liegt bei etwa 50 %.
Auch in der Münchner Pinakothek der Moderne haben die Veranstalter positive Erfahrungen mit Neuer Musik gemacht.
München als Musikstadt von Weltgeltung könnte auch deshalb einen modernen, multifunktionalen Konzertsaal gut gebrauchen.

Naturgemäß ist jedoch die Stadt München als Betreiberin der Gasteig-Philharmonie alles andere als begeistert von einem weiteren Konzertsaal. Einnahmenverluste in beträchtlicher Höhe durch eine nicht mehr ausgelastete Philharmonie wären die Folge (siehe dazu Interview mit Gasteig-Chefin Brigitte von Welser).
Eine Lösung könnte darin liegen, dass man keinen zusätzlichen Saal baut, sondern den Herkulessaal zu einem modernen, zeitgemäßen Saal umgestaltet und möglicherweise erweitert.
Ein unansehnlicher Saal wäre beseitigt, München hätte einen neuen Vorzeigesaal und die Konkurrenz unter den Sälen würde nicht zusätzlich verstärkt.

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