Astutuli

Der Goldmacher kommt!

Der Gagler (Michael Schanze) bei der Arbeit Foto: S. Schuhbauer-von Jena

Die Parabel von der Verführbarkeit der Menschen „Astutuli“ beim Festival Orff in Andechs
(Andechs, 17. Juni 2007) Die Dummen, das sind immer die Anderen. Diejenigen, die die falsche Partei wählen, diejenigen, die den blöden Werbesprüchen auf den Leim gehen, diejenigen, die einfach jeden Mist glauben, den ihnen Halsabschneider, Profitgeier und dergleichen anderes zwielichtiges G’schwerl aufschwatzen. Uns, nein uns kann so etwas natürlich nicht passieren. Deshalb können wir auch so herzhaft lachen, wenn die Astutuli, die Schildbürger in Carl Orffs „bairischer Komödie“ nur mehr mit Unterwäsche bekleidet auf der Bühne stehen und verzweifelt nach ihrem „G’wand“ rufen. Das hat ihnen ein ausg’schamter Gagler – hochdeutsch „Trickbetrüger“ – geradezu vom Leib herunter geschwatzt, samt darin enthaltenem Geld, Schmuck usw.
Das „kokanische“ Gewand hatten sie anprobieren wollen, als Erfüllung ihrer Träume, das es in Wahrheit freilich ebenso wenig gibt wie des Kaisers neue Kleider.
Eine hinterlistig-hintersinnige Farce hat Carl Orff mit „Astutuli“ geschaffen. Der Titel geht auf den lateinischen Ausdruck für „witzig“ zurück und soll jene Menschen bezeichnen, die sich für besonders klug halten und dabei doch genau das Gegenteil davon sind. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entwarf Orff das Stück als Parabel auf die Verführbarkeit und Benutzbarkeit der Menschen, er selbst schrieb den Text und fügte ihm eine Schlagzeugbegleitung hinzu. Entstanden ist eine in rhythmisierter bayerischer Sprache abgefasste Komödie mit derbem, ins Groteske gewendetem Witz – eine Art Sprechoper.
Alt-Gärtnerplatztheater-Indentant und Leiter der Orff-Festspiele in Andechs Hellmuth Matiasek hat sie sinnreich und phantasievoll in den zum Theater umfunktionierten Florian-Stadl von Kloster Andechs hineininszeniert. Eine Bretterbühne im Brettertheater als Theater im Theater in liebevoll-witziger Ausstattung von Thomas Pekny. Die Bürger, die Astutuli, sitzen auf nach oben ansteigenden Bänken in einer Art kleiner Zirkusarena, die Kostüme sind eine Mischung aus Fantasie-Barock und bayerischer Tracht. Auch die Unterwäsche-Schau ist durchaus reizvoll und abwechslungsreich gestaltet.
Da sitzen sie schließlich samt ihrem siebengescheiten Bürgermeister Jörg Zagelstecher und schauen arg dumm aus der Unterwäsche, nachdem sie der Gagler (mit fein dosiertem diabolischen Witz: Michael Schanze) so übel übers Ohr gehauen hat. In ihrer Hilflosigkeit wenden sie sich sogar ans Publikum. Es habe doch zugesehen, wie sie um ihr G’wand gebracht wurden. Jetzt soll es gefälligst etwas tun das Publikum, damit sie ihr G’wand zurückbekommen. Die Empörung der Astutuli wandelt sich in Wut – Publikumsbeschimpfung 20 Jahre vor Peter Handke.
Schauspielerisch ist das mit viel Witz und Liebe zum Detail umgesetzt, in einer Mischung aus dezenter Clownerie und groteskem Realismus. Und auch die Sprechpartitur in ihrer rhythmisierten Sprache wird von den meistens chorisch agierenden Schauspielerinnen und Schauspieler pointiert umgesetzt. Lediglich die Perkussionsbegleitung durch die Mitglieder der Jungen Münchner Philharmonie unter Mark Mast läßt ein wenig an Differenziertheit und klanglicher Finesse vermissen. (Die an sich schöne Lesung von thematisch dazu passenden Märchen nebst Schlagzeugmusik von Cage, Reich und Orff, gewissermaßen als Vorspiel war nur leider um Längen zu lang)
Bis zur Unterwäsche-Szene hatten wir, das Publikum – ja vielleicht sogar noch Mitleid mit den Astutuli. Doch als sie im nächsten Moment, wenn ihnen der Besuch des Goldmachers angekündigt wird, dem nächsten Scharlatan auf den Leim gehen, ist es endgültig vorbei mit dem Mitgefühl. Auch das Stück ist dann vorbei – und das Publikum geht mit dem schönen Gefühl nach Hause, die Dummen mal wieder in den Anderen erkannt zu haben – vorläufig.
Robert Jungwirth
(Weitere Vorstellungen am 22., 23. und 24. Juni – Informationen unter www.andechs.de

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