Alexander Lonquich Arp Museum

Impressionistische Winterreise

Alexander Lonquich (Foto: Giovanni Ausserhofer)

Schneetreiben draußen – Lichtgestöber drinnen und ein außergewöhnlicher Klavierabend mit Alexander Lonquich im Arp Museum Rolandseck

(Remagen, 8. Dezember 2012) Schnee mit Sonnenuntergang über dem Rhein Richtung Siebengebirge, dann Schneelandschaften im Bilderrahmen – eine eiskalte Betrachtung im Warmen mit exquisit zusammengestellten impressionistischen Ansichten: Edvard Munchs Schneefelder haben gleißende Ränder, zwei Bilder von Claude Monet reduzieren die Farbe auf ein kleines Haus in dumpf leuchtenden Schneemassen, und die Entdeckung: ein vereister See vom deutschen Impressionisten Max Clarenbach (Die Ausstellung "Lichtgestöber" läuft noch bis Ende Januar 2013).

Und nach der Betrachtung dann Klaviermusik von Claude Debussy. Aus derselben Zeit geboren wie ein Großteil der ausgestellten Bilder, für die der Begriff "Impressionismus" gefunden wurde, womit Monets Bilder einst allerdings beschimpft wurden, und gespielt von einem Pianisten, der Hände hat wie Pinsel! Töne schillern (wie der Schnee auf den Bildern)! Aus dem Klavierkorpus dampfen Obertöne wie Nebel. Wirbel in der obersten Oktave zu tief dumpfen Haltetönen. Unter den sensitiven Händen von Lonquich lässt der Steinway-Flügel Obertöne frei, wie man sie bei einem historischen Erardflügel erwarten würde, auf dem Debussy sein auf das Nach-dem-Anschlagen-klanglich-Entstehende auch konzipiert hat.

Programmatisch lässt Lonquich die Zeit zurücklaufen. Der Abend beginnt provokant mit Karlheinz Stockhausen. Die nach der Fibonacci-Reihe ausgerechneten 142 Akkorde in seinem Klavierstück IX von 1962 klingen noch immer avantgardistisch verstörend. Das Diminuendo der Schläge gelingt perfekt. Und sofort drängt sich eine aus der Bilderausstellung gewonnene Erfahrung auf: mit den Akkorden verhält es sich so wie mit den eiskalten Weißtönen, die immer anders aufscheinen. Danach produzieren angerissene Töne geisterhaft schwebenden Linien, die durch das Haltepedal Resonanzen bekommen.

Kontraste, die in Debussys Werk wieder auf tauchen. Sie wirken wegen des größeren harmonisch-melodischen Wiedererkennungswertes weniger radikal. Mächtig öffnet sich das Tor ins exotische Spanien in "La puerto del Vino", durch das der Bass aufs äußerte entspannt im Habenerarhythmus torkelt. Neckische Leggiero-Feen im Prélude "Ondine". Ein Feuerwerk zum Schluss! Selten sind bei Debussy die Extreme so elegant ausgelotet zu erleben. Nie wirkt das Spiel aufdringlich, und wenn Alexander Lonquich mit subtiler Exaltiertheit agiert, schlägt das zu keinem Zeitpunkt manieristisch unangenehm auf. Sein Debussy ist eine Erleuchtung!

Der in Trier geborene und in Florenz und Rom lebende Pianist kontrastiert dann im zweiten Teil Charles Ives lärmendes, mit mächtigen Clustern und Dissonanzen spielendes "Varied Air and Variations" mit Franz Schuberts später B-Dur Sonate D 960. Das Zerrissene in diesem Schwanengesang wird zum Jenseitig-Verklärten und zu einer wahren Geduldsprobe für Pianist und Zuhörer in Richtung "Himmlischer Längen". Ein endloses Ende hin zur Unendlichkeit, durch eine immer wieder angesetzte Melodie, einem teuflischen Basstriller und sich unentwegt verändernden Begleitformeln. Ein Blick in die weite Ferne. Der vorletzte Satz endet in Cis-Dur, einer entlegenen Tonart von B-Dur. Dann im Scherzo wirbelnde Energie. Ein kleiner Schneesturm ins hier und jetzt zurück? Das Rondo stapft nach Hause, an einer Stelle den Mantelkragen gegen heftige Sturmböen zuhaltend.

 Im Bahnhof Rolandseck in Remagen gibt es schon seit einigen Jahren ein kleines Festival, im Museum Arp werden Kammerkonzerte veranstaltet. Aber dieser impressionistische Abend für die Augen und die Ohren ging unter die Haut, war ein Erlebnis, das nicht so schnell getoppt werden kann!

Sabine Weber

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