Alceste von Gluck als Tanz-Oper in München

Stille Einfalt, edle Größe

Zum ersten Mal an der Bayerischen Staatsoper: „Alceste“ in der französisch gesungenen Zweitfassung – inszeniert , bzw. vertanzt von dem Choreographen Sibi Larbi Cherkaoui

Von Klaus Kalchschmid

(München, 26. Mai 2019) Eigentlich ist dieses Selbstopfer der pure Egoismus: Der König soll dank göttlichem Ratschluss sterben und seine Frau will dies für ihn übernehmen, ließe dadurch ihn und die beiden Kinder freilich allein und verzweifelt zurück. Lange insistiert Admète (Charles Castronovo) am Ende des zweiten Akts von Christoph Willibald Glucks „Alceste“, warum seine Frau, eben Alceste (Dorothea Röschmann), so unglücklich sei, wo doch ein Held gefunden ist, sein Leben zu retten. Als sie endlich gesteht, dass sie dieser vermeintliche Held ist, kommt die Handlung der Oper – es wird die 1776 für Paris auf Französisch überarbeitete Version des 1767 in Wien auf Italienisch uraufgeführten Werks gespielt – endlich in Bewegung. Und noch vor den Toren der Hölle überbietet sich das Ehepaar in Opferbereitschaft. Da bedarf es wahrhaft eines Herkules mit dem baritonalen Nachdruck Michael Nagys, um die Geister der Unterwelt zu besiegen, und des Erscheinens von Apoll, um die wechselseitige Opferbereitschaft und den herkulischen Mut zu belohnen.

Die sich über die ersten beiden Akte – also bis zur Pause – erstreckende Handlungsarmut muss Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui so unangenehm gewesen sein, dass er nicht nur brillant die Ouvertüre und die Ballettmusiken von den 12 Tänzerinnen und Tänzern für seine Compagnie Eastman choreographierte und sie von ihnen mit wunderbarer Natürlichkeit barfuß tanzen ließ. Vielmehr verstand er sie als stumme Verlängerung des singenden Chors (der Bayerischen Staatsoper, der nicht immer homogen agiert) und als tänzerischer Ausdruck der Gefühle von Alceste und Admète. Doch das lenkte oft ab von dem, was die Solisten sangen, so in sich kreisend es auch sein mochte, und ließ eine stimmige Personenregie außen vor; einzig der großartige Pas de deux zu Alcestes Arie im zweiten Akt, in der sie die Götter um Mut anfleht, intensivierte ohne abzulenken.

Wirklich störend aber waren seltsame Ballette von Tüchern, mit denen schließlich die Protagonisten kunstvoll umwickelt wurden, oder die Hebefiguren, die die Tänzer mit den Sängern vollführten. Dabei zeigte die wunderbar erfüllt singende Anna El-Kashem (eine der Coryphées zusammen mit Noa Beinhart, Caspar Singh und Frederic Jost), wie effekt- und sinnvoll es wirkt, wenn ein singender Protagonist mit dem tänzerischen Vokabular verschmilzt. Auch der junge Tenor Manuel Günther als Évandre sang nicht nur subtil und stilsicher, sondern offenbarte innerhalb der jenseits des Tanzes auf Statuarik zielenden Regie eine große Bühnenpräsenz. Durchaus gelungen waren die wie Spinnen auf Stelzen für Beine und Arme agierenden Tänzer als düstere Geister der Unterwelt. Da fiel auch schon mal ein schwarzer Vorhang und das Herrscherpaar sang wohltuend ungestört links und rechts des weißen Portals.

So schlicht das aus drehbaren weißen Kuben begrenzte Bühnenbild von Henrik Ahr geriet, welches auf halber Höhe mit grauen Spritzern bemalt wurde, als wären’s Schimmelflecken (Bühne: Henrik Ahr), so durchaus farbig, aber etwas altbacken gerieten die Kostüme von Jan-Jan Van Essche. Da gab es zeitlosen, zwischen weiß und diversen Grüntönen changierenden Schlabberlook für die Tänzerinnen und Tänzer. Anfangs griechisch-orientalisch angehaucht waren die Kostüme der Solisten; später zeigten sie dieselben Viereck-Muster, wie sie in den 1960er Jahren auf deutschen Gardinen große Mode waren.

Besonders Dorothea Röschmann wurde von Anfang an in knalliges Gelb gekleidet. Sie sang die trauerumflorte, dauerbetrübte Alceste mit vielen warmen Schattierungen in der Mittellage und ging die Spitzentöne mit Attacke an, Charles Castronovo verkörperte Admète zwar mit großer Leuchtkraft und Intensität im Singen, wirkte dabei aber etwas einförmig, was sicher auch mit der Musik Christoph Willibald Glucks zusammenhängt, die bei aller Qualität und Schönheit manchmal in ihrem klassizistischen Faltenwurf gefangen ist und den Emotionen enge Grenzen setzt. Antonello Manacorda hatte das im hochgefahrenen Graben spielende Bayerische Staatsorchester auf diesen Tonfall eingeschworen und wagte nur selten Extreme in Tempo, Artikulation und Ausdruck. Doch so konnten Dirigent und Orchester der allzu bewegten (Tanz-)Szene mit spannungsvollem, elegantem Musizieren einiges entgegensetzen.

Die Vorstellung am Samstag, den 1. Juni 2019 (19 Uhr), wird kostenlos auf www.staatsoper.tv, www.arteconcert.com und www.br-klassik.de/concert ausgestrahlt und steht danach 30 Tage on demand zur Verfügung.

Werbung

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.