Zwei neue Aufnahmen mit Werken György Kurtágs
Therapeutische Erinnerungskunst
Rechtzeitig zu seinem 99. Geburtstag feiern zwei CDs das Werk von György Kurtág:
György Kurtág, Játékok. Pierre-Laurent Aimard, Klavier (Pentatone) und Lines of Life: Kurtág, Schubert, Brahms. Benjamin Appl, Bariton; Jamens Baillieu und Pierre-Laurent Aimard, Klavier (Alpha-Outhere)
von Bernhard Malkmus
‚Játékok‘ ist das ungarische Wort für ‚Spiel‘. Seit nunmehr einem halben Jahrhundert notiert György Kurtág seine Klangminiaturen. Sie sind verspielt, idiosynkratisch, kauzig, zornig, zärtlich, nie aber ironisch. Im Vorwort zu einer ersten Druckfassung schrieb er 1979, das Klavier werde hier wieder zum Spielzeug, an dem ein Kind „experimentiere, das es streichelt, über das es seine Finger laufen lässt, das er angreift.“ Hinterhofmusik also. Der Mensch ist dort Mensch, wo er spielt, wo er die Musik, die immer schon in ihm schlummert, nährt und zum Ausdruck bringt. Seine 2019 verstorbene Frau Márta galt lange als die beste Interpretin dieser Stücke, nach ihrem Tod hat nun Pierre-Laurent Aimard die pietätvolle Aufgabe übernommen, einen Querschnitt durch alle elf Bücher aufzunehmen.
Der heilige Ernst des Franzosen scheint erst einmal nicht zur Verschmitztheit des Projektes zu passen, doch die Einspielung überzeugt auf der ganzen Linie. Das mag einerseits daran liegen, dass sich die beiden schon lange kennen, und die Interpretation als das Ergebnis eines intimen Austauschs gewertet werden kann. Es ist vor allem aber der feinnervigen Anschlagstechnik und modulatorischen Leichtigkeit Aimards geschuldet. Verhalten und klar, zornig und zärtlich, spontan und durchdacht – kein komponierter Widerspruch, den Aimard nicht rhythmisch und harmonisch umsetzen könnte. Diese Fähigkeit ermöglicht es ihm, aus Játékok das zu machen, was es ist: eine therapeutische Erinnerungskunst.
Unter Aimards Fingern wird die Vergangenheit beschwört, in ihr Recht gesetzt, abgewandelt – und losgelassen. ‚Play with Infinity‘ heißt eines der Stücke, und das könnte als Motto über dem gesamten Zyklus stehen, denn in allen Leitmotiven steckt es mit drinnen: in Märchen- und Naturmotiven, den Gesprächen mit Verstorbenen, den Briefen an Lebende, dem überall aufschimmernden Dialog mit seiner seelenverwandten Frau. Spiel ist hier nicht nur innerstes Lebensprinzip, sondern auch eine spirituelle Aufgabe. Lediglich an der Auswahl der Stücke könnte man etwas auszusetzen haben. Zeugen die starke Betonung des Gesprächs mit alternden Weggefährten („Hommage à…“) oder die musikalische Séance mit Verstorbenen („In memoriam…“) von aleatorischer Altersweisheit oder weisen sie zurück auf die Entstehungszeit während der Coronaepidemie?
Seit 2018 verbindet Kurtág eine enge Zusammenarbeit mit einem jungen Künstler, dem Bariton Benjamin Appl. Das Album Lines of Life gibt Einblicke in diese Zusammenarbeit. Es bettet eine bestechende Interpretation von Kúrtags Hölderlin-Gesängen ein in die gemeinsame Praxis der Hausmusik: Lieder von Schubert und Brahms. Dadurch entstehen gleichermaßen interessante Übergänge und Spannungen: der Grenzgänger Hölderlin, von dem Texte aus der Phase der beginnenden Umnachtung vertont wurden, schaut herüber in den scheinbar geschützten bürgerlichen Raum, der doch immer politisch und sozial gefährdet war. So beleuchten sich das Kunstlied und das romantische Fragment gegenseitig in einer Ästhetik, die wieder der des Játékok-Projektes nahekommt. In „Im Wald“, gibt Kurtág im beigefügten Interview (zwischen einem etwas oberschülerhaften Appl und Kurtág im gemütlichen Habsburger Kaffeehaustonfall) zu Protokoll, nehme Hölderlin die Sprache in die Hand und gestalte sie immer wieder geheimnisvoll um.
In „Gestalt und Geist“ – dem einzigen der sechs Hölderlin-Gesänge mit Begleitung (Tuba und Posaune) – werde Orpheus vom Chor der Unterwelt seiner Sehnsucht geziehen, „von Angesicht zu Angesicht die Seele“ Eurydikes zu sehen. Und „An Zimmern“, den Tischler, der sich über dreißig Jahre um den umnachteten Hölderlin kümmerte, solle a bocca chiusa gesungen werden, reich an Tonalität sei er hier am nächsten an Schubert gewesen. „Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen / Mit Harmonien“ heißt in diesem Gedicht – und Appl bietet seine gesamte Gesangskunst auf, um diese Sehnsucht in ein urmusikalisches Stammeln und Murmeln und Gebet zu übersetzen. Den teils enormen Tonumfang meistert er geschmeidig, seine Artikulation, die andernorts manieriert wirken kann, steht hier vollkommen im Dienst des rhythmischen Pulses, sein Timbre ist – wie es Kurtág braucht – fest und weich zugleich, belastbar und brüchig. Schwebende melodische Präsenz und spannungsreicher Sprechgesang gehen nahtlos ineinander über. Appls Stimme wird zu einer Membran, die durchlässig wird für das Bewusstsein, dass dem Menschen – wie Hölderlin schreibt – „das Gefährlichste, die Sprache“ gegeben ist.
Ohne Zweifel eine Referenzeinspielung, die schön flankiert ist von einer sehr expressiven Interpretation der vier Ulrike Schuster-Lieder (kongenial begleitet von Aimard). Weniger überzeugend ist Appl allerdings in seinem angestammten Metier. Einige der Schubert-Deutungen (mit James Baillieu am Klavier) sind zu brav und spannungslos geraten, vor allem „Im Grünen“, wo der Erinnerungsraum ohne Innenarchitektur bleibt. Wunderbar frisch und wehmütig perlen dagegen Schuberts „Jüngling an der Quelle“ und Brahms‘ „Sonntag“ daher. Kurtág hat es sich nicht nehmen lassen, dabei selbst am Klavier zu sitzen. Márta Kurtág selig blickt ihm dabei sicherlich über die Schulter.



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