Wildes De Profundis bei den Salzburger Festspielen
Dokument einer Zerrüttung
Oscar Wildes „De Profundis“ als Theater bei den Salzburger Festspielen
Von Robert Jungwirth
(Salzburg, 20. Juli 2026) Gegen Ende seines Lebens glaubte Oscar Wilde, dass sein Nachruhm mit seinem physischen Ende zugrunde gehen würde. So tief war der Sturz des einstmals berühmt-berüchtigten Dichters, dessen Eloquenz die Menschen ebenso begeisterte wie verstörte, dass er neben seinem physischen Ende auch das seines Werks befürchtete. Glücklicherweise kam es anders, aber das Ende Oscar Wildes war dennoch ein äußerst unglückliches und wahrhaft tragisches.
Nicht seine Werke wurden dem irischen Dichter und Dandy zum Verhängnis – auch wenn seine „Salome“ teilweise verboten war und Richard Strauss große Mühe hatte, daraus eine Oper zu machen. Was Wildes unrühmliches Ende besiegelte, war die Verbindung zu einem jungen Mann aus gutem Hause, eine Messaliance, die durch den Vater des jungen Lords zu einem Prozess gegen Wilde führte, der den Dichter schließlich wegen „grober Unzucht“ für zwei Jahre hinter Gitter brachte.
Und nicht nur das. Wilde durfte in seiner Zelle weder Bücher lesen noch durfte er schreiben. Wilde litt Folterqualen. Erst kurz vor seiner Entlassung hat ihm erlaubt zu schreiben. Es entstand ein langer Brief an seinen jungen Geliebten, betitelt mit De Profundis, einer der erschütterndsten Texte der gesamten Literatur. Ein Text, in dem Wilde seinem jungen Freund seine Zerrüttung und Zersetzung zu schildern versucht, die das Ergebnis dieser Haft war, und in dem er Klage gegen seinen Freund führt wegen dessen Gedankenlosigkeit und Rücksichtslosigkeit, in dem er aber auch reichlich Selbstanklage übt.
Das Foto des Freundes ziert die kahle Zellenwand auf der Bühne des Salzburger Landestheaters. Immer wieder reißt Wilde es von der Wand betrachtet es, hämmert auf ihm herum, reißt es sogar einmal in zwei Teile. Zu Beginn spürt man noch viel Selbstmitleid, doch je weiter der Text voranschreitet, desto grenzenloser und abgründiger klingt die Zerstörung, die Wilde in den zwei Jahren erlitten hat.
Der grandiose Jens Harzer hat mit dem Regisseur Reese den etwa zweistündigen Text zu einem Bühnenmonolog gestaltet – Premiere war am Berliner Ensemble, dessen Leiter Reese ist. Ein Monolog der inneren Zerrüttung, aber auch des Aufbäumens der geschundenen Künstlerseele dagegen. Denn das Leben war für Oscar Wild Kunst und die Kunst, sein Leben. Das eine war ohne das nicht denkbar und in diesem Text fließt beides zusammen. Wilde entwickelt im tiefen Sturz eine derartige geistige, ja philosophische Größe, dass man auch als Zuhörer und Zuschauer nicht anders als erschüttert sein kann angesichts der Grausamkeit, die diesem Menschen durch die Haft und durch die Bedingungen dieser Haft widerfahren ist. Für ein „Verbrechen“, das darin bestand, jemanden geliebt zu haben. Aber der Text spiegelt auch die Zersetzung in Körper und Geist und Harzer spielt das mit einer phänomenalen körperhaften Eindringlichkeit.
Ein länglicher Kasten hoch oben und ganz vorne an der Bühnenrampe platziert, wie aufgehängt an unsichtbaren Schnüren, begrenzt durch Lichtröhren ist das Hauptbühnenbildelement, sprich die Gefängniszelle Oscar Wildes (Bühne: Hansjörg Hartung). In diesem unterschiedlich beleuchteten Kasten zermattert sich Harzer Seele und Leib im Prozess der Reflexion darüber, was die Freundschaft zu dem jungen Mann für ihn bedeutet (hat) und warum er ihr so verderbensvoll zum Opfer fiel.
Wilde hatte diesem jungen Menschen seine Welt und seinen Ruhm zu Füßen gelegt. Doch die Welt verachtete ihn dafür, und der junge Mann trampelte auf seiner Seele herum wie auf einem Trampolin, gedankenlos und rücksichtslos. Wild macht ihm das zum Vorwurf, doch Trost kann er daraus nicht gewinnen. Er muss ihm verzeihen. Nur so lässt es sich weiter leben.
Harzer spielt die existenzielle Entgrenzung, das verzweifelt-reflektierende Außersichgeraten am Rande des Wahnsinns. Jederzeit meint, man müsse dieser Mensch Wilde vollständig in sich zusammenbrechen. Psychisch und physisch. Und doch entwickelt die Sprache eine solche Macht, eine solche Kraft wie sie eben diesem Oscar Wilde zur Verfügung stand. Und so wird die (Selbst-)Anklage schließlich zu einem klarsichtigem Psychogramm, zu einer kunstphilosophischen Welterklärung auf der Höhe eines Sokrates oder Seneca, deren Ende bekanntlich ebenfalls tragisch war.
Wie ein Schauspieler einen solchen Text zwei Stunden lang zu einem Bühnenereignis von erschütternder Wucht zu gestalten vermag, bleibt letztlich Harzers Geheimnis. Die Zuschauer waren fassungslos überwältigt von dieser Leistung. Standing Ovations, selbstverständlich.
Wildes Werk hat das Ende des Dichters überlebt, entgegen von Wildes Prophezeiung. Wilde selbst überlebte seine Freilassung nur um zwei Jahre. Mittellos und hoffnungslos ist er mit 46 Jahren 1900 in Paris gestorben.





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