Wagners Parsifal erstmals in Glyndebourne
Eine schrecklich nette Familie
Glyndebourne zeigt in diesem Jahr erstmals Wagners „Parsifal“ – inszeniert von der Barock-Spezialistin Jetske Mijnssen und dirigiert von Robin Ticciati
Von Susanne Lettenbauer
( Glyndebourne, Mai 2025) Im vergangenen Jahr feierte das Glyndebourne-Festival im südenglischen Sussex sein 90. Jubiläum. Englands ältestes Opernfestival war in den 30er Jahren nach dem Vorbild der Bayreuther Festspiele gegründet worden.
Trotzdem wurde Wagners „Parsifal“ noch nie dort aufgeführt. Bis jetzt: Zum 91. Jubiläum steht Wagners Bühnenweihfestspiel nun erstmals auf dem Programm. Als Regisseurin wurde die Niederländerin Jetske Mijnssen von Festivalleiter Gus Christie angefragt. Auf den ersten Blick ein Wagnis, denn es ist die allererste Wagner-Regie der Mozart- und Belcanto-Expertin.
„Wagners Musik drang vom Grammophon immer durch alle Türen unseres Hauses“, erzählt George Christie gern von der Obsession seines Vaters und Festivalgründers in Glyndebourne. Praktisch Dauerbesucher bei den Bayreuther Festspielen schwebte John Christie kurz nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland ein neues, liberales Bayreuth in England vor. Ironie der Geschichte: Wagners Werke standen jahrzehntelang nicht auf dem Programm. Erst 2003 inszenierte Nikolaus Lehnhoff die erste Wagner-Oper auf dem englischen Landgut: „Tristan und Isolde“. Danach folgten die „Meistersinger“. Dass jetzt Wagners letzte Oper „Parsifal“ auf die Bühne kommt, damit wird der Wunsch des Festivalgründers 91 Jahre später doch noch erfüllt. Und das auf ungewöhnliche Weise.
Die Niederländerin wollte Wagners letzte Oper Parsifal nie inszenieren, sagt sie im Interview. „Zu kompliziert, so groß, so unglaublich umfangreich, aber dann hat mich Steven Langridge angerufen und meinte: Können Sie sich vorstellen, bei uns in Glyndebourne Parsifal zu inszenieren? Das ist natürlich so ein Moment, wo sich innerlich alles anfängt zu bewegen und wo so ein Verlangen entsteht.“ Jetzt ist Wagners letzte Oper ihre erste Wagner-Inszenierung, lacht sie und sieht das Omen.
Ausschlaggebend für die Zusage an den künstlerischen Leiter von Glyndebourne war vor allem die Bühne des Hauses: kein verdeckter Graben wie in Bayreuth, alles offen, eine Bühne wie eine Umarmung, so die 55-Jährige. Eine Plattform, die das mythenbelastete, raunende Bühnenweihfestspiel gnadenlos entzaubern und der Öffentlichkeit preisgeben kann, so die Regisseurin.
Für Glyndebournes ersten „Parsifal“ wählte der künstlerische Leiter Steven Langrige also keinen berühmten-Wagner-Regisseur, kein Schwergewicht der Wagner-Interpretation oder alternden Klassikstar, sondern eine zierliche Frau, die sich auf Barockopern spezialisiert hat, auf Donizetti und Mozart.
Was Minjsen auf die Bühne bringt ist kein dunkles Mythenepos, sondern ein melancholisch-leichter, ja fast Mozartscher Regieansatz.
Es sei ein sehr menschliches Familiendrama bei ihr, erklärt sie. Bei der Beschäftigung mit Parsifal spielte die Biografie von Cosima Wagner von Oliver Hilmes eine ausschlaggebende Rolle: Da habe sie plötzlich realisiert, dass dieser „Parsifal“ unheimlich viel mit dieser Wagner Familie zu tun hat. Eine Familie, die zum Zusammenleben verdammt ist wie die Familie Wagner in den 1880er Jahren in Bayreuth, der Entstehungszeit des „Parsifal“.
Fast viereinhalb Stunden lang – nur unterbrochen von den legendären Picknickpausen im Garten des englischen Landgutes – bietet die Bühne von Glyndebourne das Bild eines düsteren, halbrunden Raumes, unschwer als Teil der Bayreuther Villa Wahnfried zu erkennen.
Schwere, graue Vorhänge wie der Bühnenvorhang auf dem Grünen Hügel, versperren immer wieder die Sicht auf das Innere. Durch hohe Türen und Fenster wird nur zeitweise Licht hereingelassen in eine Familie, die von Männern bestimmt ist: Von Titurel, dem greisen Vater, einem Alter Ego von Richard Wagner, und seinen beiden Söhnen Amfortas und Klingsor. Sowie einer graugekleideten, steifen Dienerschaft. Ein dystopischer Alltag, der nur noch durch pathetische Konventionen zusammengehalten wird. In dem der zusammengekrümmte Amfortas im Rollstuhl vor sich hinvegetiert, verachtet von seinem Vater, während der zweite Sohn Klingsor verbannt wurde.
Der Grund für das Drama: Kundry, das seltsame, rothaarige Findelmädchen aus dem Wald. Begehrt von beiden Söhnen. Der Streit ist vorprogrammiert: Die Wunde des Amfortas – beigebracht durch den Bruder Klingsor auf einer bunten sommerlichen Blumenwiese, die wie eine Metapher für eine heitere, unbeschwerte Zeit, kurzzeitig auf die Bühne gefahren wird – eine simple Eifersuchtsgeschichte á la Mozart. Der uralte Bruderzwist. Kain und Abel, Klingsors Speer ist ein simples Messer.
„Ich kann nichts anfangen mit einer Figur, die nur böse ist. Ich will auch seine andere Seite zeigen, dass er leidet darunter, was er gemacht hat, es tut ihm leid, aber er ist so wütend, er kann nicht aus diesem Muster raus,“ beschreibt die Regisseurin ihr Grundkonzept für Klingsor.
Aber Parsifal, der erhoffte Konfliktlöser, verweigert sich der dysfunktionalen Familie, lehnt das obligatorische Abendmahl, die alten Bräuche, überkommenen Sitten und steifen Normen dankend ab. Denn er, der reine Tor, repräsentiert bereits die neue Zeit, eine neue Epoche, jenseits von Konventionen, ein Mann im edlen Dreiteiler-Anzug, der auf Augenhöhe mit Kundry agiert und mit ihr nach dem Tod Titurels, des Patriarchen in eine neue Zukunft geht. Amfortas, Sinnbild einer längst überholten Machogesellschaft, wehrt sich bis zum Schluss gegen den Abschied von einer patriarchalischen Zeit. Umsonst. Parsifal und Kundry, zwei bisher als Außenseiter verpönte Figuren, sind die Zukunft, so die Botschaft aus Glyndebourne.
Dass die Titelrolle in dieser Mozartschen „Parsifal“-Inszenierung von dem schwedischen Tenor Daniel Johansson übernommen wird, ist dabei nur folgerichtig. Johansson, Belcanto- und Mozartsänger trat in Wagner-Opern bisher als Siegmund und Lohengrin auf. In Glyndebourne blieb er stellenweise farblos, überwältigt von dem überbordenden Musikteppich, den Glyndebournes Chefdirigenten Robin Ticciati vor dem Publikum ausbreitet. Ein dunkel-samtiger Wagnerklang, der auch Bayreuth alle Ehre gemacht hätte.
Am Ende gab es minutenlangen Jubel. Genauso wie für den fast 80-jährigen britischen Sänger John Tomlinson in der Rolle des greisen Titurel. Ein Bayreuther Urgestein, der jahrzehntelang unter nahezu allen wichtigen Dirigenten in Bayreuth sang und mit seinem Auftritt den Geist des Grünen Hügels nach Glyndebourne trägt.
Die mit Spannung erwartete Choreografie von Dustin Klein, Staatsballett der Staatsoper München, blieb hingegen sehr reduziert. Mezzosopranistin Kristina Stanek, bislang eine Brangäne in Genf oder Norne in Tcherniakows Ring-Inszenierung der Lindenoper Berlin, überraschte in ihrem Rollendebüt der Kundry mit einer gewaltigen Bandbreite an stimmlichen Emotionen. Von dem streng in grau gekleideten, still dienenden Mädchen hin zu einer selbstbewußten Frau, die bei Regisseurin Jetske Mijnssen natürlich zum Schluss nicht stirbt, wie bei Richard Wagner vorgesehen.
Mijnssens „Parsifal“ für Glyndebourne, einer der ganz wenigen Wagner-Inszenierungen von Regisseurinnen, lässt konsequent das weihevoll, raunende, salbungsvoll pastoral schwülstige Pathos hinter sich. Parsifal geht auch optimistisch.




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