Von Einems Der Besuch der alten Dame in München
Mörderische Gier
Das Münchner Gärtnerplatztheater beeindruckt mit einer Inszenierung von Gottfried von Einems Oper „Der Besuch der alten Dame“
Von Robert Jungwirth
(München, 3. Juli 2026) Vielleicht ist ja auch das Städtchen Güllen schuld an allem. Eine Stadt, die so heißt, wie das, was Kühe ausscheiden, wirkt vermutlich nicht gerade erhebend auf ihre Bewohner. Wären sich Alfred und Klara nicht in Güllen, sondern irgendwo anders begegnet, wer weiß, womöglich wäre ihre Beziehung glücklicher verlaufen und sie hätte nicht diesen erst schäbigen und schließlich tödlichen Verlauf genommen. Entsprechend düster sieht das Bühnenbild von Heike Vollmer in der Inszenierung von Nikolaus Habjan am Münchner Gärtnerplatztheater aus. Grau in grau sind die Häuser, grau in grau die Menschen. Das wirkt schon recht deprimierend, ist aber auch insofern Teil des Regiekonzepts, als im Lauf des Dramas Farbe ins Spiel kommt, wenn sich die Güllener immer mehr verschulden und sich schöne bunte Dinge kaufen. Alles auf Pump, weil die titelgebende steinreiche alte Dame ihnen eine Milliarde in Aussicht gestellt hat. Die großzügige Spenderin ist aber weniger eine freundliche Dame als eine grausame Rachefurie, die ihr Vermögen dazu benutzt, ein von ihr gefälltes Todesurteil umgesetzt zu sehen. Die Vollstreckung ist die Bedingung für ihre Schenkung. Und der Delinquent ist eben jener frühere Geliebte Alfred, der Klara einst schwanger hat sitzen lassen und die Vaterschaft ableugnete.
Gottfried von Einem hat aus Friedrich Dürrenmatts berühmtem Drama 1970 eine Oper gemacht, die Uraufführung war 1971 in Wien. Für Literaturopern hatte der österreichische Komponist ein Faible, Dantons Tod und Der Prozess wurden ebenfalls von ihm „veropert“. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass die Opern nicht zwangsläufig und vor allem nicht durchgängig zu einem künstlerischen Mehrwert führen. Das liegt auch oder vielleicht vor allem an Einems sehr traditioneller Musiksprache, die im Falle der Alten Dame stark an Richard Strauss angelehnt ist und mit ihrem spätromantischen Melos doch einigermaßen im Kontrast zur grotesk bis karikaturistisch zugespitzten Handlung und Figurenzeichnung des Dramas steht (Dürrenmatt hat für die Oper sogar selbst das Libretto verfasst). Da wäre Kurt Weill mit seiner Dreigroschenoper die vielleicht passendere Referenz gewesen als der pathosselige Strauss – noch dazu im Jahr 1970.
In den sentimentalen Rückblicken der alten Dame auf ihre (noch) schönen Zeiten mit Alfred hat Einems Musik aber durchaus starke Momente, die von Sophie Rennert in der Titelrolle auch sehr berührend mit innigem Sopran verdeutlicht werden. Das spricht einen ebenso direkt an wie die im Lauf der Oper sich verstärkenden Verzweiflungsausbrüche Alfreds, der mehr und mehr seine aussichtslose und lebensbedrohliche Lage erkennt – beeindruckend und intensiv gesungen und gespielt von Ludwig Mittelhammer (der im Timbre ein wenig an Christian Gerhaher erinnert).
Dürrenmatt hat die haarsträubenden Rechtfertigungsversuche der Güllener und ihrer Altvorderen für die Strafe an Alfred raffiniert und kalt seziert und herausgestellt, sein Text schildert eine Psychohölle von enormer Grausamkeit und Empathielosigkeit. Die Schlinge um Alfreds Hals zieht sich immer weiter zu, je größer die Schulden der Güllener werden. Nikolaus Habjan inszeniert das ebenfalls klar und kalt, gespickt aber auch mit einem Quantum Groteske. Sehr geschickt und stimmig wechselt Habjan zwischen Brecht’scher Moritat und psychologischem Realismus. Das zeigt sich vor allem in der Gestaltung der Titelfigur, die Habjan von einer lebensgroßen Puppe spielten lässt, während Sophie Renner singend neben ihr steht oder sitzt. Diese Puppe fasziniert durch ihre übertriebenen Gesichtszüge und die funkelnden und blitzenden Augen und unterstreicht das Modellhafte von Dürrenmatts bitterbösem Drama. Im Grunde ist die alte Dame ja eine Rachegöttin wie aus der griechischen Tragödie, ein deus ex macchina, der scheinbar für Gerechtigkeit sorgt, aber vor allem die Güllener mit ihrer eigenen Verkommenheit konfrontiert. Allen voran der Bürgermeister, der in bekannter Politikermanier mit heuchlerischer Doppelmoral sprichwörtlich über Leichen geht – wunderbar gespielt und gesungen von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke.
Insgesamt ist die Inszenierung der nicht oft zu sehenden Oper eine fantastische Ensembleleistung des Münchner Gärtnerplatztheaters – zumal der Aufwand an Solisten und Chor für dieses Werk sehr groß ist. Dirigent Michael Balke koordiniert alles sehr umsichtig und nimmt die heterogene Musik in ihrer stilistischen Uneinheitlichkeit oder (positiver) Vielfalt stets ernst und verhilft ihr dadurch zu beeindruckender Überzeugungskraft. Eine großartige Produktion eines nicht alltäglichen Werks nicht nur für das Theater, sondern auch für München.




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