Vielfalt beim Rossini-Festival in Pesaro
Machos, Dragqueens
Das 46. Rossini Opera Festival in Pesaro zeigt Rossinis Vielfalt
Von Elisabeth Richter
(Pesaro im August 2025) Als „Klein-Bayreuth an der Adria“ versteht sich das Rossini Opera Festival in Pesaro, in der Geburtsstadt von Gioachino Rossini. Und das durchaus mit Ernst und zu Recht. „Pesaro“ – wie die weltweiten Rossini-Fans ihr Festival schlicht nennen – ist ähnlich wie Wagner-Bayreuth eine Pilgerstätte, es werden nur Werke von Rossini gespielt. Noch dazu ist Pesaro die erste Adresse der Rossini-Forschung. Hier werden durch die „Fondazione Rossini“ (Stiftung Rossini) die kritischen Ausgaben seiner 39 Opern und seiner anderen Werke betreut, auf dem neuesten Stand gehalten und in den jährlichen Festival-Produktionen auf ihre Praxistauglichkeit geprüft.
Üblicherweise stehen beim Rossini-Opern-Festival zwei Neu-Produktionen und eine oder zwei Wiederaufnahmen auf dem Programm. So auch in diesem Jahr. Mit „Zelmira“ von 1822 gab es beim 46. Festival in Pesaro eine ernste Oper, ein „dramma per musica“, mit „L’Italiana in Algeri“ (Die Italienierin in Algier) von 1813 eine von Rossinis erfolgreichsten Buffo-Opern. Dazu kam als Wiederaufnahme von 2020 die Farsa „La Cambiale di Matrimonio“ (Der Heiratswechsel) von 1810. Außerdem waren einige Lieder von Rossini zu hören, sowie weitere Konzerte, sowie die jährliche Aufführung von „Il Viaggio a Reims“ mit den Stipendiaten der Accademia Rossiniana. Außerdem gab es zum Festival Abschluss die „Messa per Rossini“ zur Erinnerung an den im letzten Jahr verstorbenen Spiritus rector, Mitgründer und langjährigen Intendanten Gianfranco Mariotti.
Mustafà, der Bey von Algier, hat genug von seiner Frau Elvira. Er möchte sich lieber mit der temperamentvollen Italienerin Isabella amüsieren. Seine Frau daher will er mit seinem italienischen Sklaven Lindoro verheiraten. Der soll dafür als Belohnung zurück nach Italien ziehen dürfen. Im Finale des ersten Aktes von Rossinis „Die Italienerin in Algier“ will sich Elvira von ihrem Mann Mustafà noch verabschieden. Es beginnt ganz ruhig. Aber dann taucht auch Isabella auf. Sie war Lindoros Geliebte, als dieser noch in Italien war. Isabella und Lindoro erkennen sich. Ein Schreck, der in der Musik im Finale zu hören ist.
Geistesgegenwärtig setzt Isabella Mustafà gewissermaßen die Pistole auf die Brust. Sie will ihm nur dann Zuneigung gewähren, wenn er seine Frau Elvira behalte und Lindoro ihr, Isabella, überlasse. Alle sind mehr als verwirrt. Die Konfusion kulminiert in einer rasend wirbelnden, lautmalerischen Stretta am Schluss des Aktes, mit Wortfetzen wie „bum, bum“ oder „din, din“, vokale Imitationen von Kanonendonner oder Glockenschlägen. Ein Taumel – in den Köpfen hämmert es vor lauter Ungereimtheiten.
„Organisierte, totale Verrücktheit“ nannte der französische Schriftsteller Stendhal, der erste Rossini-Biograf, einmal die für viele Akt-Finali von Rossini so typischen extremen Turbulenzen, aber nirgends sind sie so „verrückt“ wie in der „Italienerin in Algier“. Bei der Aufführung der diesjährigen Neuproduktion des Rossini Opera Festivals in Pesaro trieb Dirigent Dmitry Korchak das Orchestra del Teatro Comunale di Bologna auch geradezu rauschhaft an. Kompliment an das gesamte Ensemble, Orchester und Sänger, diesen Rossini-Taumel so präzise serviert zu haben. Ein bisschen nutzte sich aber die motorische Energie des Dirigenten im Verlauf doch ab, und es fehlte die feine Eleganz, die bei aller „organisierter Verrücktheit“ Rossinis doch durchschimmern sollte.
Absoluter sängerischer Star der Aufführung war die Mezzosopranistin Daniela Barcellona in der Titelpartie der Isabella. Sie ist eine der erfahrensten Rossini-Interpretinnen und singt seit vielen Jahren in Pesaro. Nicht nur ihre fantastische stimmliche Agilität faszinierten bei Rossinis anspruchsvoller musikalischer Pyrotechnik, sondern auch ihr sattes Mezzo-Timbre, ihre Stimmkraft, wo nötig. Sie sang mit Eleganz, Geschmack und stilistischer Kennerschaft, und sie konnte emotionale Facetten, Ironie und Doppelbödigkeit, auch schauspielerisch differenziert erlebbar machen. Was in der Inszenierung der aus Pesaro stammenden Regisseurin Rosetta Cucchi nötig war.
Isabella ist bei Rosetta Cucchi keine Frau, sondern eine bunt-aufgedonnerte Dragqueen, die zentrale Figur einer ganzen Gruppe von – stummen – Dragqueens um sie herum. Nur bei ihrer patriotischen Arie „Pensa alla Patria“ wandelt sie sich äußerlich zum Mann, zum wahren Ich hinter der Dragqueen-Fassade. Auf Videos im Hintergrund, die von manchen Plätzen schlecht zu sehen waren, werden dazu Demonstrationen gezeigt, vermutlich für die Freiheit der geschlechtlichen Identität. Rosetta Cucchi nutzt Rossinis quirliges Spiel mit Ironie, Verwechslung und Ambiguität geschickt auch für ein gesellschaftliches Statement: Immer mit einem Schmunzeln, am stärksten, als sich am Ende der Macho Mustafà selbst zu einer Dragqueen wandelt, mit Netzstrümpfen und knallroten hohen Stiefeln.
Mit dem jungen georgischen Bassisten Georgi Manoshvili als algerischer Herrscher Mustafà war eine weitere Hauptpartie exzellent besetzt. Mit seinem kernig-sonoren Timbre, einer mühelos brillanten italienischen Artikulation und schauspielerischem Eros – eine Ohren- und Augenweide. Dazu war der helle, leichte, flexible Tenor des Kanadiers Josh Lovell als Lindoro ein schöner Kontrast, wenngleich er nicht ganz so stark beeindruckte.
Ähnlich atemberaubend wie bei der „Italienerin in Algier“ war beim diesjährigen Rossini Opera Festival in Pesaro auch in „Zelmira“ die Titelpartie mit der Sopranistin Anastasia Bartoli herausragend besetzt. Und auch in den Nebenrollen traten Sängerinnen und Sänger mit Format auf, etwa der Tenor Paolo Nevi und die Sopranistin Vittoriana de Amicis.
Zu den Neu-Inszenierungen der „Italienerin in Algier“ und von „Zelmira“ kam als dritte szenische Produktion in Pesaro die Wiederaufnahme der Farsa „La Cambiale di Matrimonio“ (Der Heiratswechsel) von 2020. Da dieser Einakter jedoch nur 90 Minuten dauert, wurde er kombiniert mit den selten zu hörenden „Soirées musicales“ von Rossini. Das sind acht Sololieder und vier Duette, zwischen 1830 und ´35 entstanden, also nach Rossinis letzter Oper „Wilhelm Tell“. Die Lieder sind durchaus für den Salon gedacht, sie variieren zwischen Kunstlied und folkloristischen Canzonen.
Eigentlich hat Rossini sie für Stimme und Klavier gesetzt. In Pesaro hat aber der Dirigent und Komponist Fabio Maestri eine Orchestrierung vorgenommen. Nicht unbedingt im Stile Rossinis, eher spätromantisch. Das orchestrale Arrangement lässt manches in Rossinis Klavierliedern anders klingen. Begleitstimmen werden gelegentlich markanter oder, es wird etwa ein Licht auf Rossinis avancierte Harmonik geworfen, die passagenweise an Verdi erinnert. Das zeigt auch, wie Rossini sich möglicherweise in der Oper weiterentwickelt hätte.
Die drei Eröffnungspremieren des diesjährigen Rossini Opera Festival mit exzellent Sänger-Ensembles besetzten, sie botenso musikalisch und weitgehend auch inszenatorisch – bis auf die nichtssagend-indifferente Regie von Calixto Bieito bei „Zelmira“ – spannende Blickwinkel, sie zeigten einmal mehr Rossinis Meisterschaft sowohl der komischen als auch der ernsten Oper.




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