Orff und Pärt in einem Konzert in München
Reduktion statt Expansion
Das Münchner Orff-Zentrum spürt in einem Konzert den Verbindungen zwischen Carl Orff und Arvo Pärt nach
Von Robert Jungwirth
(München, 19. November 2025) Auf den ersten Blick würde man keine großen Berührungspunkte oder gar Verwandtschaften im Musikalischen zwischen Carl Orff und Arvo Pärt vermuten. Doch schon der zweite Blick lässt durchaus Parallelen erkennen. Etwa die Beschäftigung mit der Alten Musik, mit Gregorianik und früher Mehrstimmigkeit, die sowohl für Orff als auch für Pärt bedeutsam war auf ihrem Weg zu ihrem jeweiligen Personalstil. Und auch die Tendenz zur Reduktion des musikalischen Materials, zu einer gewissen Einfachheit der musikalischen Faktur. Konzentration statt Expansion, so könnte beschreiben, was die beiden Komponisten verband, die rund 40 Jahre auseinander liegen, Orff ist Jahrgang 1895, Pärt 1935.
Aus Anlass 90. Geburtstags Pärts in diesem Jahr hat das Münchner Orff-Zentrum in einem Konzert die Parallelen zwischen beiden Komponisten beleuchtet. Im Grunde ist es schon erstaunlich, dass Orff und Pärt trotz ihrer so unterschiedlichen musikalischen Sozialisation zu ähnlichen musikalischen Einsichten gelangten. Orff suchte nach einem eigenen Weg im Zeitalter von Schönberg und Berg und dem musikalischen Expressionismus, Pärt im Zeitalter von Serialismus und 12-Tönigkeit und nach eigenen Experimenten mit diesen.
Mittelalterliche Musik und Renaissance spielen auch in Orffs Schulwerk eine wichtige Rolle, weshalb das Programm des Konzerts eine ganze Reihe von kurzen, charmanten Stücke aus diesem Werkkomplex Orffs präsentierte. Etwa das instrumentale „Zum Stabspiel zu singen“ – hier für Streichtrio – oder das Vokalstück „Es geht ein dunckle Wolcken rein“ nach einem mittelalterlichen Text mit Instrumentalbegleitung. Das Ensemble risonanze erranti widmete sich diesen Kleinodien mit hörbarer Freude und exquisiter Klanglichkeit. Tatsächlich lassen sich diese Stücke durchaus auch im konzertanten Rahmen von Profis mit Gewinn aufführen, wie man an diesem Abend erfahren konnte.
Klanglich ist Arvo Pärts Stabat Mater, zumal in seiner Ur-Fassung für Sopran, Alt, Tenor, Violine, Viola und Cello von 1985 gar nicht so sehr weit entfernt von Orffs zuvor präsentierten Stücken. Schwebende Klänge, die an die frühe Vokalpolyphonie erinnern, stehen am Beginn, ein ausgedünnter Klang, fast ein wenig spröde, mehr noch als bei Orff. Dazu gesellen sich neben den Trauergestus des Stabat Mater hin und wieder auch lebendige, von volksmusikalischen Elementen beeinflusste Passagen. Die solistisch agierenden Mitglieder von risonanze erranti unter der versierten Leitung von Peter Tilling, der auch am Cello saß.
Ergänzt wurde das kleine, aber feine Konzert durch das Kammermusikstück „Spectra“ der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir von 2017 für Streichtrio. Ein Werk, das spannungsreich und reduktionistisch gleichermaßen ist und insofern auch ganz gut in den Kontext mit Orff und Pärt passte – nur dass Thorvaldsdottir auch Geräuschhaftes in ihr Stück integriert.



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