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Die Salzburger Festspiele setzen ihre Reihe Ouverture spirituelle mit Konzerten mit Jordi Savall und Cantando Admont auf begeisternde Weise fort
Von Robert Jungwirth
(Salzburg, 21. und 22. Juli 2026) Zwar arbeitet die Interims-Intendantin Karin Bergmann den von Markus Hinterhäuser konzipierten Spielplan der diesjährigen Salzburger Festspiele in Respekt vor ihrem Vorgänger geräuschlos ab, was aber nach diesem Sommer kommt, ist völlig offen. Vor allem, welche Richtung die Festspiele künstlerisch einschlagen werden. Mit Hinterhäuser hat das bedeutendste Klassik-Festival der Welt ein enorm hohes künstlerisches Niveau erreicht, das auch sein Publikum findet, weil Hinterhäuser es eben verstanden hat, durch Authentizität und seine eigene Begeisterungsfähigkeit die Menschen mitzunehmen, zu animieren, zu interessieren.
Herausragendes Beispiel ist die Ouverture spirituelle, eine Konzertreihe mit Neuer und Alter Musik spirituellen Charakters, nicht immer nur geistlich, sondern eben spirituell, die anfangs eher beiläufig wahrgenommen wurde und sich im Lauf der letzten Jahre zu einem wahren Publikumsmagneten entwickelt hat. Beinahe alle Konzerte in der ziemlich großen Kollegienkirche sind in diesem Jahr wieder ausverkauft, die Begeisterung selbst nach sperrigen Werken wie etwa Kurtágs „Liedern der Schwermut und der Trauer“ oder Klaus Hubers „Miserere hominibus“ ist immer groß. Nicht nur hier, aber eben auch hier hat Hinterhäuser eine fantastische Aufbauarbeit geleistet, die seinen zweifelhaften Rauswurf zusätzlich als unangemessen stil- und würdelos erscheinen lässt – und zwar für Hinterhäuser ebenso wie für die Festspiele selbst. Dazu ist der Imageschaden für die Festspiele in etwa so groß wie der finanzielle, den diese Hinauskatapultierung eines Intendanten im laufenden Vertrag so mit sich bringt. Bis jetzt bleibt das Kuratorium zudem die Offenlegung der Belege schuldig, die den brutalen Rauswurf Hinterhäusers rechtfertigen.
Zurück zur Ouverture spirituell und der Programmatik der Festspiele. Wird die neue Intendantin, der neue Intendant an diese erfolgreiche Programmatik anknüpfen? Die neue Intendanz wird sich vorrangig um die großen Brocken des Spielplans kümmern müssen und das ist schon eine Herkulesaufgabe. Und dann wird es in Zukunft noch darum gehen, Ausweichquartiere zu finden und umzugestalten, weil der Festspielbezirk in den kommenden Jahren aufwendig umgebaut und renoviert wird. Zu all dem noch ein ausgefeiltes, super-kreatives Vorprogramm zu konzipieren dürfte – wenn nicht unmöglich – so doch sehr schwer werden, das fachliche Wissen für dieses Repertoire einmal vorausgesetzt.
Es liegt also in mehrfacher Hinsicht ein Hauch von Abschied über den diesjährigen Konzerten, auch wenn Hinterhäuser sich hin und wieder sogar im Publikum blicken lässt. Auch seine beiden Konzerte im Programm des Festivals hat er (noch) nicht abgesagt.
„Miserere“ ist das Thema der diesjährigen Ouverture spirituelle. Erbarmen wird erfleht, göttliche Nachsicht mit uns armen Sündern. Vielleicht kann man den Begriff auch in Demut umwandeln, und die ist für jeden Menschen angebracht.
Mit einem Aufschrei in den hohen Stimmen beginnt Klaus Huber „Miserere hominibus“ für sieben Solostimmen und sieben Instrumente, um sich dann in vielfältigen Stimmen aufzufächern, sparsam sekundiert von einzelnen Orchesterstimmen. Und auch die Sängerinnen und Sänger agieren zusehends reduzierter, stockender, wenn man so will verzweifelter in dieser Komposition. Gleichzeitig wächst die Konzentration und Kontemplation der geradezu meditativ vereinzelten Klänge. Beispielhaft veranschaulichen, dass die Musikerinnen und Musiker, Sängerinnen und Sänger von Cantando Admont und Phace unter der konzentrierten Leitung von Cordula Bürgl.
Neben dem titelgebenden Psalm 50 hat Huber auch auch zahlreiche andere Texte in seiner Komposition verwendet, etwa von Octavio Paz, Jacques Derrida, Mahmoud Darwisch oder einen kapitalismuskritischen von Carl Amery, in dem es heißt: „Unsere Seelen verändert der totalitäre Markt (…) denn er zehrt von menschlicher Schwäche und verstärkt diese laufend. Seine erste Großtat: Demontage des ethischen Sollens!“
Gegen Ende dann schafft Huber verblüffende Beziehungen zu früher geistlicher Musik mit Anklängen an die niederländische Vokalpolyphonie und Gregorianik, ebenfalls sehr sparsam akzentuiert. Wie ein Hauch weht die geistliche Atmosphäre aus anderen Zeiten herüber. Fordert uns auf zum Dialog, zur Relativierung unserer Gegenwart.
Wie schön, dass im ersten Teil des Konzerts eben diese zitierte Alte Musik ausführlich zu hören war, mit den Lamentationes von Cristobal de Morales von etwa 1550, vier- bis sechsstimmig, in schwebender Luzidität gesungen.
Tags darauf begeisterte einer der ganz Großen der Alten Musik mit einem inhaltlich wie musikalisch überaus inspirierten Konzert: der Gambist, Dirigent und unermüdliche Musikforscher Jordi Savall, dem vor ein paar Monaten in München der Ernst von Siemens Musikpreis wurde. Mit seiner Capella Reial de Catalunya und Le Concert de Nations stellte er Allegris schwebend-überirdisches Miserere in einen Dialog mit dem Miserere des 14-jährigen Mozart, das dieser im Eindruck des Hörens von Allegris Werk in Rom komponierte.
Dazu gab es noch so wenig Bekanntes wie die Damnatorum Lamentatio von Carissimi und Charpentiers ebenfalls von einem Romaufenthalt inspirierte Litainies de la Vierge. Was für ein reicher Fundus an kirchenmusikalischen Schätzen, die noch durch ein frühes Stabat mater von Vivaldi ergänzt wurden, das eine besonders innige Solokantate über die Schmerzen Marias darstellt – überaus ansprechend gesungen von dem Counter-Tenor Raffaele Pe.
Über jedes einzelne Werk lohnte sich eine eingehendere Betrachtung, doch dazu ist hier nicht der Ort. In jedem Fall stellte die ausdrucksstarke und klangschöne Aufführung durch Savall und seine eingeschworenen Mitstreiter die jeweiligen Stilistiken und Besonderheiten ganz wunderbar heraus, so etwa die Opern- und Monteverdi-Nähe von Carissimis Lamentatio oder die Nähe zur italienischen Tradition bei Charpentier. Und schließlich gab es mit „An den Strömen von Babel“ von Salamone Rossi von 1622 auch noch einen musikalischen Brückenschlag zum Judentum, insofern als Rossi – selbst jüdischen Glaubens – zahlreiche Kompositionen für den synagogalen Gottesdienst schrieb, daneben aber auch zusammen mit Monteverdi am Hof der Gonzagas in Mantua tätig war.
Wird man auch in Zukunft solch vielfältige und beziehungsreiche Programme im „Vorprogramm“ der Salzburger Festspiele hören können? Wir werden es sehen. Bis jetzt sind alle Fragen offen.






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