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    Le Grand Macabre in Palermo

    Opern- und Konzertkritiken

    Trump und die Apokalypse

    Ligetis „Le Grand Macabre“ in Palermo – letzte Premiere mit Omer Meir Wellber als Musikchef

    Von Robert Jungwirth

    (Palermo, 24. November 2024) György Ligetis Spiel vom Ende der Zeit „Le Grand Macabre“ stößt zur Zeit bei Intendanten auf viel Interesse. Was nicht verwundert, sind wir doch gegenwärtig mit so vielen Menschheitskatastrophen konfrontiert, dass Gedanken an die Apokalypse nicht allzu fern erscheinen. Als letzte Premiere hat jetzt auch der scheidende Musikdirektor des Teatro Massimo in Palermo Omer Meir Wellber Ligetis Oper in der überarbeiteten englischen Version von 1996 aufs Programm gesetzt – inszeniert von Barbora Horakova.

    Auch in Horakovas Inszenierung fällt der Weltuntergang aus, wie das ja auch bei Ligeti vorgesehen ist, bzw. das Ende ist offen. Man weiß nicht, ob es den Weltuntergang nun gab oder nicht. In Palermo räumt am Ende eine Putzkolonne die übriggebliebenen Utensilien von den Bühne. Das Personal der Oper erscheint wieder, und somit kann das Spiel vom Ende der Zeit von vorne losgehen. Aber auch der Beinahe-Weltuntergang wie Ligeti ihn in seiner Oper vorstellt, war hier bei Barbora Horakova vergleichsweise harmlos. Man könnte sagen, dass es Gegenden in Palermo gibt, die mehr nach Weltuntergang aussehen als das, was man auf der Bühne des Teatro Massimo zu sehen bekommt.

    Horakova hat sich von ihrem Bühnenbildner Thilo Ullrich einen antiquierten Rummelplatz mit Geisterbahn und Achterbahn auf die Bühne stellen lassen. Nekrotzar, der große Macabre, der Untergangsprophet, tritt als ein etwas schäbiger Graf Dracula auf – mal mit Sense, mal ohne, meist aber blutbespritzt – Zackary Altman singt ihn kraftvoll-bissig. Richtig gruselig ist das aber nicht wirklich. Piet vom Fass ist ein Prolet, der sich aus fast leeren Weinflaschen die Reste zusammengießt – ein recht armseliger Säufer. Das sexbesessene Paar Amando und Amanda sowie die großbrüstige Mescalina wirken wie aus einer Operette auf Speed mit Dirndl und rosa Schleifchen.

    Alles sieht ein wenig nach Kirmes und Klimbim aus, ein wenig überdrehter Kitsch, aber von Weltuntergang ist nicht viel zu sehen. Und das obwohl das Plakat, mit dem das Teatro Massimo die Aufführung ankündigt durchaus anderes erwarten lässt. Da sieht man eine Plastiktüte im Meer schwimmen und man denkt natürlich sofort an Plastikmüll der die Weltmeere verschmutzt. Auf der Bühne ist davon aber nichts zu sehen. Die Apokalypse als schäbige Geisterbahn – als kurzer Spuk, das ist doch eine recht harmlose Inszenierungsidee muss man sagen.

    Auch aktuelle Bezüge gibt es zunächst keine – auch wenn Ligeti ja keine Konkretionen vorsieht, sondern ein überzeitliches Pandämonium menschlicher Unzulänglichkeiten und Absonderlichkeiten zeichnet. Die dritte Szene, die mit dem Auftritt der beiden Minister und des Prinzen Gogo ja eine böse Politsatire darstellt, wird dann doch konkret. Einer der Minister sieht nämlich aus wie Donald Trump mit blauem Anzug, roter Baseballkappe und goldblonder Haartolle. Und dieser Trump beschimpft seinen Minister-Kollegen mit übelsten Schimpfwörtern, auskomponiert von Ligeti – und das passt wirklich sehr gut auf den großen Zampano in den USA, bishin zum Sich-Lustig-Machen über die Verfassung, wie es im Libretto steht. Das hat tatächlich etwas Apokalyptisches könnte man sagen. Man hätte natürlich auch gleich den großen Macabren als Trump inszenieren können mit ein paar verblüffenden Zuspitzungen – das wäre dann aber eine andere Aufführung geworden. Das hat Horakova nicht gewagt.

    Wellber, der fünf Jahre lang am wunderschönen Opernhaus von Palermo eine sehr beachtliche Aufbauarbeit geleistet hat und hier etwa Wagners „Tristan“ und „Parsifal“ dirigierte, wollte Ligetis vor allem musikalisch überbordende Opern-Groteske unbedingt noch als Premiere herausbringen. Zum einen tatsächlich aus musikalischen Gründen, wie er sagt, zum anderen weil Palermo als Ort der Mafia mit ihrer apokalyptischen Gewalt und seinen politischen Problemen ein idealer Ort für dieses Untergangstheater ist. Aber er fügt in einem Text im Programmheft hinzu, dass es gegenwärtig natürlich auch viele andere geeignete Orte für diese Oper geben könnte.

    Seinem Dirigat merkt man durchaus die Dringlichkeit der Anklage gegen die menschlichen Unzulänglichkeiten an, die mehr und mehr Richtung Apokalypse tendieren, und zwar mehr als das Ligeti vielleicht sogar wollte. Denn Ligeti hält ja alles in einem Status des musikalisch-parodistischen Augenzwinkerns, während Wellber stark zuspitzt und forciert. Das ist durchaus effektvoll und theatralisch wirkungsvoll, lässt aber die instrumentatorische und kompositorische Raffinesse und Gewitztheit der Partitur eher grobkörnig wirken. Die Brillanz im Klanglichen, wie man sie in der sensationellen Münchner Aufführung unter Kent Nagano unlängst an der Bayerischen Staatsoper erleben konnte, hört man hier trotz des großen Engagements der Musikerinnen und Musiker und Sängerinnen und Sänger nicht.

    Gesanglich beeindrucken vor allem Helena Rasker als Mescalina und Holly Flack als Venus – auf der männlichen Seite der Countertenor Karl Laquit als Prinz Go-Go. Insgesamt ist Wellber und Horakova ein lebendigs Spektakel mit viel Aufwand im Szenischen und Musikalischen gelungen, das bei dieser Erstaufführung in Palermo von den Besuchern auch ohne Einschränkung sehr positiv aufgenommen wurde.

    26. November 2024/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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