Monteverdis Orfeo in Glyndebourne
Ein überzeichneter Orfeo
William Kentdrige inszeniert Monteverdi „Orfeo“ in Glyndebourne
Von Susanne Lettenbauer
(Glyndebourne im Juni 2026) Monteverdis Oper L’Orfeo gehört zu den frühesten Opern überhaupt. Ihre Magie wirkt bis heute. Sie setzt auf universelle Fragen: Liebe, Tod, Vertrauen, Vergänglichkeit. Zum ersten Mal ist der Orfeo jetzt beim südenglischen Glyndebourne-Festival zu erleben, als Koproduktion mit der Metropolitan Opera New York und der Greek National Opera.
Dass der 71-jährige südafrikanische Maler William Kentdrige für die Inszenierung engagiert wurde, sorgte schon vorab für Euphorie und Überraschung. Videoausschnitte des Bühnenbilds ließen Spektakuläres erwarten. Begleitet wird er in den gut ein Dutzend Aufführungen vom Orchestra of the Age of Enlightment.
Zu seinem 70. Geburtstag im vergangenen Jahr feierte Deutschland William Kentdrige mit gleich zwei umfangreichen Ausstellungen: In Dresden und im Museum Folkwang Essen. William Kentrige gehört zu den wichtigsten Malern Südafrikas. Seit über fünf Jahrzehnten sind seine Werke, wie Skulpturen, Druckgrafiken und die für ihn typischen Kohlezeichnungen, weltweit ausgestellt. Ob in Venedig, Kassel, Hamburg oder Basel.
William Kentrige hat in Europa eine große Fangemeinde, sein Galerist in London zeigt die neuesten Werke und auch seine bisherigen Opernprojekte wurden mehrheitlich auf deutschsprachigen Bühnen inszeniert. Im Jahr 2017 inszenierte er den Wozzeck von Alban Berg bei den Salzburger Festspielen. Ein Jahr zuvor 2016 war an der Metropolitan Opera ersmals eine Monteverdi-Oper von ihm zu erleben – Il ritorno d’Ulisse als Puppentheater. Das Echo war geteilt.
Jetzt also die Geschichte des Orpheus auf der Bühne von Glyndebourne. Dieses Mal gibt es keine lebensgroßen Puppen, die Video-Technik hat sich weiterentwickelt, sie sind jetzt als animierte Figuren präsent.
Er habe mit seinem südafrikanischen Team ungefähr 6 Wochen in Glyndebourne geprobt. Für die Zeichnungen und Animationen benötigte er fast zwei Jahre in seinem Atelier in Johannesburg, erzählt Kentrige.
Einem preisgekrönten berühmten Maler eine Oper anzuvertrauen, ist meist ein Garant für volle Häuser. Ein guter Marketingtrick. Ob Baselitz‘ Bühnenbild an der Staatsoper München 2018, Salvador Dalí und Pablo Picasso vor allem für Ballettvorführungen, Marc Chagall (Mozarts Zauberflöte MET 1964) oder Giorgio De Chirico (Rossini „Otello“ Rom 1964). Sie alle haben die Bühne als lebendige Leinwand genutzt.
Bekannt ist Kentrige für seine überwiegend schwarz-weiß-Kohlezeichnungen, die auf den Betrachter einen magischen Sog ausüben. Kurze knappe Striche über das Papier gehaucht, daneben dicke Pinselstriche, quer über stupende Finanzaufstellungen gezogen. Oder sorgsam hingestrichelte Amphoren auf fast schon historisch wirkenden Enzyklopädie-Seiten. Noch beeindruckender wirkt das, wenn diese Zeichnungen als Animation über die Bühne laufen.
Genauso direkt geht Kentrige an seine Regie des Orfeo in Glyndebourne heran: Die Bühne wird zum lebendigen Skizzenbuch. In schwindelerregender Schnelle wechseln sich die auf das Bühnenbild projizierten Zeichnungen ab. Eurydike steht dabei als Künstlerin auf der Bühne, an einen modernen Zeichentisch, malt die Illustrationen scheinbar live, steuert durch sie die Geschichte von Orpheus und Euridike. Er wolle die Frau in den Mittelpunkt des Abends stellen, hatte Kentdrige vorab erzählt. Dabei orientiere er sich an dem Orpheus-Gedicht von Rainer Maria Rilke, 1910 geschrieben. Ähnlich expressionistisch bis jugendstilistisch rollen die schwarz-weißen Zeichnungen die Geschichte von Orpheus und Euridike auf, die mit Hochzeitsvorbereitungen beginnen, durch einen Schlangenbiss und den Tod der Braut aber abrupt enden und in der ihre Rückkehr aus der Totenwelt durch Orpheus‘ Verzagtheit misslingt.
Als Publikum versinkt man in den Animationen, folgt atemlos den mit schnellen Kreidestrichen entworfenen Bäumen und Landschaften, wenn sie aus der heiteren Hochzeitsstimmung zu Beginn der Oper wachsen und blühen und dann plötzlich auf den Kopf gedreht werden, wie die Welt des bieder gekleideten Orpheus mit Aktentasche nach dem Tod seiner Braut. Man folgt Orpheus durch einen animierten U-Bahn-Tunnel in die Unterwelt. Vorbei an mächtigen Industriebauten und Fabriken bis zum überschwappenden Fluss Styx, der Grenze zum Totenreich. Die Personenregie vertraut ausschließlich auf die laufenden Bilder. Tänzer, Sänger und der Chor treiben ohne viel Bewegung durch die Bilderflut. In barocken Theatern mussten zu Monteverdis Zeiten dafür noch Kulissen verschoben werden, heute setzt man auf hochmoderne Animation.
Dabei ist die Bühne leider nicht leer. Rechts und links erheben sich Aufbauten, von denen herab der Chor singt, die Seelen, die Nymphen oder Apollo auftreten. Eine verwirrend vollgerümpelte Bühne, deren Zweck bis zum Schluss nicht ersichtlich wird. Die großformatigen animierten Grafiken überzeichnen diese Bühne in überbordender Fülle – drei Stunden lang. Die Sängerinnen und Sänger wie der polnische Tenor Krystian Adam und die Sopranistin Francesca Aspromonte als Musica und Eurydike werden zur Nebensache.
William Kentridge inszeniert Monteverdis Oper als opulenten, modernen Zeichentrickfilm. Der Sängerinnen und Sänger hätte es dafür in persona nicht bedurft. Die Idee, eine farbige Tänzerin als stumme Euridike auf die Bühne zu holen, fasziniert. Doch auch sie geht nahezu unter.
Die Musik aus dem Graben unterwirft sich ganz dem visuellen Regiekonzept von Künstler Kentridge. Behutsam begleiten die Musiker des Orchestra of the Age of Enlightmentauf unter Jonathan Cohen auf ihren historischen Instrumenten das schwarz-weiß-Geschehen auf der Bühne. Cohen, früher auch als Cellist in Glyndebourne engagiert, lässt seit Jahren immer wieder mit seinen feinen Musikinterpretationen, z.B. auch in Innsbruck, aufhorchen.
Der Star des Abends aber war ganz klar William Kentridge. Mit seinen Zeichnungen hat er ein beeindruckendes Bühnenkunstwerk geschaffen. Kompromisslos. Die Animationen könnte man sich auch in einer Ausstellung vorstellen. Mit Monteverdis Musik auf den Ohren. Die für die Bühne verwendeten Zeichnungen werden ab September in der Londoner Goodman Gallery zu sehen sein.




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