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    Mia san Mia – Uraufführung an den Münchner Kammerspielen

    Reportagen - Berichte

    Der Planet der Bayern

    Der chilenische Theatermacher Marco Layera zeigt an der Münchner Kammerspielen Extremformen des bayerischen „Mia san Mia“ als eine „Bayerische Space Odyssey“ mit Bezügen nach Chile

    Von Robert Jungwirth

    (München, 21. September 2024) Sie sehen nicht gut aus, die letzten Bayern. Statt Haare haben sie nur ein paar Flusen auf ihren Glatzen, ihre Bewegungen sind ruckartig, der Blick starr auf irgendetwas gerichtet. Trotzdem sind sie stolz auf sich diese Bayern. Denn sie haben es geschafft, ihrer Art und ihren Gebräuchen das Überleben zu sichern, hier auf ihrem Wanderplaneten. Auf der Erde wollte man ihnen schon den Garaus machen, nix mehr mit Alkohol und Fleischessen. Dagegen mussten sie etwas unternehmen, so sang und klanglos konnten sie dem Niedergang ihres geliebten Brauchtums und damit letztlich ihrem eigenen nicht zusehen – und wanderten aus. Nicht einfach in ein anderes Land oder auf einen anderen Kontinent, nein, sie suchten sich lieber gleich einen anderen Planeten.

    Dort hausen sie nun in relativer Dunkelheit und unter kärglichsten Bedingungen. Aber sie haben es hingekriegt, ihr eigenes Bier zu brauen. Nur Tiere gibt es keine – also nix mit Fleischessen. Und ihr Dialekt ist ihnen seltsamerweise auch irgendwie abhanden gekommen.
    Wie Zombies in Lederhosen zappeln sie über die von Jana Findeklee und Joki Tewes zu einer grotesken bayerischen Mondlandschaft gestalteten Bühne der Münchner Kammerspiele (mit Lüftlmalereien) und erzählen in einer Art autosuggestivem Selbstbehauptungswahn von ihrem Leben und Überleben. Denn manchmal kommen Touristen von der Erde vorbei, um den eigenwilligen Volksstamm zu besichtigen.

    Was als Weltraum-Farce auf das dümmliche Bayern-Mantra mia san mia beginnt, geht aber bald schon in eine andere Richtung. Nicht nur um einen satirisch-entlarvenden Blick auf die Oberbayern und ihre seltsamen Gebräuche geht es dem chilenischen Theaterregisseur Marco Layera und seinem Mitautor Martin Valdes-Stauber in ihrem Stück, sondern – und das wird auf erschreckende und gruselige Weise immer deutlicher – noch mehr geht es um die Horrorzustände in der von Deutschen einst in Chile gegründeten berüchtigten Siedlung Colonia Dignidad, die von Gewalt, Ausbeutung, Folter und sexuellem Missbrauch gekennzeichnet war.

    Jetzt ist auch klar, warum die Störungen in Bewegungen und Sprache dieser Weltraum-Bayern gar so arg daneben sind, woher ihre psychische Zerrüttung stammt. Die sieben Schauspielerinnen und Schauspieler Bernardo Arias Porras, Walter Hess, Frangiskos Kakoulakis, Elias Krischke, Carolina de la Maza, Pedro Munoz und Wiebke Puls spielen das mit bewundernswertem körperlichen Einsatz inclusive einiger Zombie-Choreografien (Carolina de la Maza) zu Zombimusik (Andres Quezada).
    Wie Layera und Valdes-Stauber kurioses Bayerntum und den Colonia-Wahnsinn hier zu einer Alptraumfarce verbinden, ist krass und abgründig. Allzu viel textliche Erkenntnisse darf man sich allerdings nicht erwarten.

    Natürlich sehen wir auch jede Menge groteskes Bayerntum, das hier ausgestellt wird, etwa ein dystopischer Maibaumtanz zu Alptraummusik oder ein Mini-Oktoberfestbesäufnis, bei dem das Bier gleich aus einem dicken Schlauch in die Kehlen der Space-Bayern hineingurgelt, mit anschließendem Rülpswettbewerb. So gibt das Autorenduo den Besuchern jede Menge Denkstoff mit über die mitunter recht engen Beziehungen zwischen Tracht und Niedertracht – wenn sie sich durch die Hauptstadt des Mia-san-Mia zumal zur Wies’n-Zeit auf den Nachhauseweg begeben.

    23. September 2024/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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