Mein Freund Bunbury begeistert in Annaberg-Buchholz
In aller Freundschaft…..
Das Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz landet mit Gerd Natschinskis „Mein Freund Bunbury“ einen Volltreffer
Von Roberto Becker
(Annaberg-Buchholz am 7. Februar 2026) Als die Komponistenlegende der DDR, Gerd Natschinski, 2015 starb, da war „Mein Freund Bunbury“ über 6000 (!) mal über diverse Bühnen, vor allem im Osten, aber auch im Westen Deutschlands, gegangen. Was eine ziemlich beachtliche Zahl ist, wenn man bedenkt, dass die Uraufführung „erst“ am 2. Oktober 1964 im Ost-Berliner Metropol-Theater stattgefunden hatte. Zu Lebzeiten des 1928 in Chemnitz geborenen Komponisten brachte es „Bunbury“ auf über 170 Inszenierungen. Auch in den letzten Jahren sind einige hinzugekommen. Um so ärgerlicher war es, dass nach dem durchschlagenden Erfolg, den die Komische Oper im Zelt vor dem Roten Rathaus mit Axel Ranischs Inszenierung von Natschinskis „Messeschlager Gisela“ (1960) hatte, ausgerechnet der für Juni 2025 geplante neue „Bunbury“ dem Berliner Kulturrotstift geopfert wurde. Ausgerechnet dieses Haus und ausgerechnet dieses Stück!
Aber es ist – vor allem im Osten Deutschlands – wirklich kein Wunder, wenn den etwas reiferen Musicalfreunden nahezu alle Hits daraus bekannt sind. Und Natschinski hat eigentlich nur Hits aneinander gereiht und damit dem von seinen Librettisten Helmut Bez und Jürgen Degenhardt aus Oscar Wildes „The Importance of Being Earnest“ destillierten Libretto Beine gemacht.
So wie eine gecancelte „Bunbury“-Produktion für Berlin höchst ärgerlich ist, braucht eine angesetzte eigentlich keine allzu großen Anstrengungen, um das Publikum anzulocken. Das Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz hatte dennoch für die Neuinszenierung des Evergreens von Oliver Pauli (Regie und Choreografie) und Martin Scherm (Ausstattung) zwei besondere personelle Asse im Ärmel. Am Pult der Erzgebirgischen Philharmonie Aue gab nämlich nicht nur Natschinskis jüngster Sohn Lukas sein Debüt als Dirigent. Auch seine Witwe Gundula kehrte in der Rolle von Lady Bracknell („Ein bisschen Horror und ein bisschen Sex“) nach 30 Jahren für diese Produktion auf die Bühne zurück. Was das musikalische Feuerwerk betrifft, das im Graben entfesselt wurde (ohne den Stimmen in die Quere zu kommen), so war es nicht nur ein hübscher, nostalgischer Gag, dass Lukas mit dem Taktstock seines Vaters dirigierte.
Das Tempo, der Schmiss, das zwischenapplausfreundliche Pointieren, die überspringenden Melodien – das dürfte wirklich im Sinne ihres Erfinders gewesen sein. Für helles Entzücken im Saal sorgten das Orchester und sein Dirigent mit ihrer passgerechten Fassung allemal. Für das kleine aber feine erzgebirgische, auf Ausgrabungen und Entdeckungen spezialisierte Theater war „Bunbury“ weder das eine noch das andere – hier gab es 1998 schon einmal eine Produktion. Jetzt passt es aber wie maßgeschneidert in das von Moritz Gogg geschärfte Profil des Hauses, das in den letzten Jahren immer wieder mit Entdeckungen glänzt. (Der inzwischen auch als DVD vorliegende, vergessene Ralf Benatzky-Hit „Der reichste Mann der Welt“ war vor fünf Jahren nur das umwerfendste Beispiel dafür.)
Wenn sie es in Berlin nicht hinbekommen, dann ist Annaberg-Buchholz mehr als eine Ersatzlösung. Hier bekommen sie es nämlich mustergültig hin! Zu dem durchaus operettenaffinen Orchester, einem fabelhaft singenden, tanzenden und schauspielernden Ensemble und einem instinktsicher ausgewählten Inszenierungsteam kam das sozusagen indirekte Mitwirken des Komponisten – via Frau und Sohn – nur noch als Schlagobers drauf.
Im Saal wusste man, was kommt und bedachte alle alten Bekannten schon mit Szenenapplaus. Natürlich der Titelsong, „Piccadilly“, „Black Bottom“ und „Sunshine Girl, Sunshine Lady“ und alle anderen. Manch einer im Publikum beneidete wohl das fabelhaft choreografierte Ensemble für die Gelegenheit, sich zu den zündenden Melodien bewegen zu dürfen.
Operettenfrosch-Preisträger Pauli hat die Handlung aus dem viktorianischen England in die Zwanzigerjahre verlegt und alles so arrangiert, dass es keiner Umbaupausen bedarf. Ein Rundhorizont imaginiert eine üppige Bahnhofshalle, ein Berg von Koffern den Bahnhof. Es gehört zu den vielen witzigen Details, dass diese Koffer, von innen beleuchtet auch einen Zug vorgaukeln können. Der optische Ton der Kostüme und des Spiels bleibt immer leicht ironisch, aber ohne zu denunzieren. Hier wird nicht nachgespielte Realität behauptet, sondern deren Übersetzung in eine Komödie mit Hintersinn vorgeführt. Und das mit einem geradezu mustergültigen Timing. Hier kann man (weder auf der Bühne noch im Saal) in kein Loch tapsen, weil es keins gibt. Der mitreißende berührende Charme ist natürlich zu einem großen Teil dem fabelhaften Ensemble zu verdanken.
Der schriftstellernde Dandy Algernon ist der Erfinder seiner Dauerausrede Bunbury. Richard Glöckner serviert ihn mit all dem Charme und Appeal, mit dem er an seinem Haus den Maßstab für perfekte Operetten- und Musicalhelden ziemlich hoch legt und noch jedes Mal mit Bravour erfüllt. Vincent Wilke akzentuiert seinen Jack mit eher nüchternem Charme dazu passend. Am Ende halten beide nach etwas Hin und Her ihre angebeteten, gleichwohl recht selbstbewussten Herzensdamen in den Armen. Es ist imponierend, wie Zsófia Szabó das Doppeleben ihrer Cecily und den Wechsel von der Heilsarmee zum Revuestar hinbekommt. Die Tanznummer mit Algernon im glitzernden Eva- und Adamskostüm hat was. Auch, wie sich Magdalena Hellste als Gwendolen gegen die Heiratspläne ihrer Mutter behauptet, überzeugt durchweg. So wie Gundula Naschinski als eben diese (auch auf der Bühne), vor Energie sprühende Lady Bracknell.
Bei dem fabelhaften übrigen Personal, das Heilsarmee und verknöcherte Oberklasse liebevoll (über-)zeichnet, nutzt natürlich Leander de Marel die Steilvorlage als Butler-Doppelrolle für ein komödiantisches Kabinettstück. Nachdem sich alle schon von ihrem erfundenen Freund Bunbury verabschiedet haben, liefert er die Schlusspointe: er heisst nämlich tatsächlich Bunbury.
Die Neuinszenierung des Gerd Natschinski-Klassikers ist in Annaberg-Buchholz ein enthusiastisch bejubelter Wurf geworden. Was auch sonst.




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