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    Ligetis Le Grand Macabre in München

    Opern- und Konzertkritiken

    Nach dem Weltuntergang

    Die Münchner Opernfestspiele mit György Ligetis „Le Grand Macabre“ eröffnet. Dirigiert hat Kent Nagano. Die Inszenierung lieferte Krzysztof Warlikowski.

    Von Roberto Becker

    (München 28. Juni 2024) Wenn die Münchner Opernfestspiele, wie in diesem Jahr, mit der Erstaufführung von György Ligetis „Le Grand Macabre“ eröffnet werden, so legitimiert ein so ambitioniertes Stück allemal die etwa einen Monat währende Prachtentfaltung des Hauses mit seinem Repertoire. Das ist eine Kombination von Auftakt und Programm wie man sie in München auch von Serge Dorny erwartet, dessen Intendanten-Vertrag nach einer längeren Hängepartie jetzt ebenso wie der seines GMD Vladimir Jurowski verlängert wurde. Allerdings überlies der das Pult für das immer noch avantgardistisch klingende (auch hupende und klingelnde) Moderne-Prunkstück seinem Münchner Vorvorgänger als Chef des Bayerischen Staatsorchesters Kent Nagano.

    Der machte seinem Ruf als Dirigent mit Affinität zur Moderne alle Ehre, weil er sich mit Akribie auf all den bewusst schrägen, gleichwohl genau notierten „Lärm“ einließ, mit dem Ligeti seit der Stockholmer Uraufführung 1978 bzw. der in Salzburg 1997 vorgestellten Bearbeitung das Opernpublikum herausfordert. Bei der Münchner Premiere war das jetzt selbst heute noch für einige Zuschauer zu starker Tobak und trieb sie aus dem Saal. Vielleicht auch aus Ärger über sich selbst, denn sie hätten ahnen können, was da auf sie zukommt.

    In all der ungewöhnlichen Orchesterverpackung kommen auf jeden Fall die Liebhaber virtuosen Gesangs auf ihre Kosten – zumal München hier festspielgemäß glänzt. Etwa die Koloraturen für die Sarah Aristidou als Chef der Geheimen Politischen Polizei Gepopo (und als Venus) ihre Stimme in schwindelerregende Höhen treibt. Oder die durchschlagende Vehemenz, mit der Lidsay Ammann ihre Mescalina ausstattet, wenn sie als Domina ihren Mann Astradamors zum Objekt ihrer perversen Gelüste macht. Sam Carl wiederum imponiert in dieser Rolle auch in den ihm aufgezwungenen Frauenkleidern mit fulminantem Bass.

    So ähnlich ist es bei dem Propheten der Apokalypse Nekrotzar, dem Michael Nagy, auch wenn er in einer abstoßenden Ganzkörpernacktaufmachung ziemlich lächerlich wirkt, vokale Eleganz und Würde sichert. Bei Benjamin Bruns passen die Erscheinung des Säufers Piet vom Fass zu seiner stimmlichen Beweglichkeit, auch wenn die sich darstellerisch nicht wirklich in die clowneske Groteske steigern darf. Eine gewisse Distanz der erkennbaren stimmlichen und nur erahnbaren darstellerischen Möglichkeiten zu ihren Rollen ist auch bei den politischen Häuptern dieses absurden Breughellandes festzustellen. Mit einer verblüffend kraftvollen und sicheren Counterstimme (die man gerne in den Paraderollen des barocken Repertoires wieder hören möchte) ist der Texaner John Holiday ein virtuoser Fürst Go-Go, der szenisch hier allerdings aufs Liftboyformat reduziert wird. Auch die Möglichkeiten der Politsatire, die die Streitereien von Kevin Conners und Bálint Szabó als weißer und schwarzer Minister bieten, bleiben szenisch ungenutzt.

    Groß und irgendwie makaber ist in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski zunächst mal der Raum, mit dem Ausstatterin Małgorzata Szczęśniak die Bühne füllt. Riesig aber beklemmend ähnelt er am ehesten einer zweckentfremdeten Turnhalle. Ein Schreibtisch mit einem Beamten auf der rechten Seite. Stühle wie für amtlich verordnetes Warten auf der anderen. In die Mitte senkt sich ein Käfig. Und dann noch einer. Gefangen sind hier alle irgendwie. Die Atmosphäre wird durch Videos verstärkt, die im Nebel wahrscheinlich auf die Notunterkunft zueilende Menschen zeigen.

    Es ist ein Hauch von Endzeitatmosphäre, die an Lars von Triers „Melancholia“ von 2011 erinnert. Und wie dort (aber nicht wie bei Ligeti) gibt es bei Warlikowski den großen Knall tatsächlich. Jedoch ist nicht nur das Liebespaar Amanda (Seonwoo Lee) und Amando (Avery Amereau) am Ende noch da. Die Übriggebliebenen fragen sich zurecht, ob sie noch am Leben oder nicht doch Geister sind. Die rätselhaften Gestalten, die mit ihren Taschenlampen nach Was-auch-immer suchen, könnten Taucher aus der Tiefe von Warlikowskis Phantasie oder Außerirdische von Wer-weiß-woher sein. Der finale Crash in der Inszenierung korrespondiert, wohl unabsichtlich verdoppelnd, mit einem der Machart. Nicht, weil der Regisseur am Absurden und dessen vermeintlicher Übersetzung im Detail sparen würde, sondern, weil er die Dynamik ausbremst. Letztlich nimmt er mit seiner Konzentration auf die Nahaufnahmen des Figurenpanoptikums die erhellende Draufsicht auf das Stück und damit auch die Chance zum aufschreckenden und belehrenden Es-ist-gerade-noch-mal-gut-gegangen. Das Premierenpublikum honorierte die Kunstanstrengung. Ohne Gegenstimmen für die Inszenierung.

    1. Juli 2024/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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