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    Heiner Goebbels Walden auf CD

    Aktuelle Rezensionen von CDs, DVDs und Filmen

    Der Kehlgesang der Kreischeule

    Heiner Goebbels Auseinandersetzung mit H.D. Thoreaus „Walden“ erscheint fast dreißig Jahre nach der Uraufführung auf CD

    Von Bernhard Malkmus

    Wenige Jahre nach der musikalischen Auslotung großstädtischer Soundscapes in Surrogate City (1994) setze sich Heiner Goebbels mit einem Klassiker der amerikanischen Romantik auseinander: H.D. Thoreaus Bericht Walden über sein weitgehend autarkes Leben in den Wäldern von Massachusetts. Das Ensemble Modern unter dem mittlerweile verstorbenen Peter Eötvös spielt sich in einen Improvisations-Flow, Bob Rutman leiht seine Bassstimme einer nuancierten Lesung mit zahlreichen Brechungen, doch nach zehn musikalischen Skizzen vom Walden Pond wird man den Eindruck nicht los, Goebbels habe virtuos mutwillig an Thoreau vorbei komponiert.

    Als H.D. Thoreau 1854 sein Tagebuch Walden, in dem er über sein Lebensexperiment Auskunft gab, veröffentlichte, war ein zentrales Dokument der geistigen Loslösung der noch jungen USA von Europa geboren: eine Aufzeichnung der Herausforderungen seiner zwei autarken Jahre am Walden Pond, ein Plädoyer für individuelle Freiheitsrechte, eine genaue Beschreibung der Natur und philosophische Reflexion über das menschliche Naturverhältnis zu Beginn der industriellen Überformung der Natur. Sein Blick geht dabei stets vom Detail in die größeren Zusammenhänge; immer kehrt er zu den Dingen zurück, nie verharrt er im Abstrakten. Das macht ihn so aktuell heute.

    Heiner Goebbels zehnteilige Auseinandersetzung mit diesem Text beginnt mit bow chimes: Große Klangflächen dehnen sich in den Raum, begrenzt von schweren Bruchkanten, an denen Sterne geboren werden. Wir werden Teil eines mythologischen Geschehens, schon das ein grundsätzlicher Kontrast zu Thoreau. Dann führen Keyboard-Samples und Gitarrenriffs in für die zeitgenössische Hörerschaft alltägliche Soundscapes. Der Atlas leiert, die Welt ist aus den Fugen. Das Urvertrauen, das Thoreau aus der genauen Beobachtung natürlicher Kreisläufe schöpft, fällt uns schwer. Goebbels nimmt diesen Verlust für gegeben und beraubt sich damit der wichtigsten Reibungsfläche, die Thoreaus Texte bieten: dort werden wir konfrontiert mit einer Vertrautheit mit der nicht-menschlichen Welt, die eine der wenigen Wege darstellt, der „Egozentrizität“ des menschlichen Bewusstseins (Ernst Tugendhat) zu entkommen.

    Goebbels Musikexperimente hingegen konzentrieren sich auf die Frage, wie sich am Rande von Thoreaus Lebensexperiment die Klänge der industriellen Welt ausbreiten: Telegraphenleitungen und Eisenbahnen. Daraus schlägt er den Funken für seine Improvisationsvorgaben. Warum der für Thoreau so wichtige Aspekt des Zusammenlebens mit nicht-menschlichen Geschöpfen dabei marginalisiert wird, lässt sich nur aus einer sehr deutschen Verkrampftheit in Bezug auf den Begriff der Natur erklären. So beginnt die sechste Vignette, „Spring“, mit einem elektronisch abgewandelten Gitarren-Sample, aus dessen an Überlandleitungen gemahnende Sirren sich langsam ein musikalisches Motiv schält. Soll hier unsere heutige Entfremdung von den Regenerationszyklen der Natur in der thematischen Weiterführung von Thoreaus Telegraphendrähten formuliert werden?

    Es gibt die für Goebbels so charakteristischen Momente der aus Reibungen entstehenden Schönheit auch in Bezug auf natürliche Phänomene, so etwa in den Ostinato-Schichtungen zu Beginn des dritten Teils, „The Ponds“, die kongenial die Lebendigkeit von Feuchtgebieten und Seenland wiedergeben und dem großartigen Vorleser Bob Gutman die Möglichkeit geben, im Kehlgesang Kreischeule und Ochsenfrosch zu imitieren. Mehr Interesse hat Goebbels allerdings an Zitaten aus der Populärkultur, die seinem Vernehmen nach gar nicht identifiziert werden sollen, sondern – wie er im Begleitheft ausführt – einen „Anklang an vergleichbare Haltungen“ darstellen, „die man im Walden des 19. Jahrhunderts genauso finden kann wie jetzt.“ Worin diese Vergleichbarkeit historisch bestehen mag, bleibt Geheimnis des Komponisten.

    Anrührend sind die Klangemergenzen, in denen soziale Begegnungen gestaltet werden, etwa das Abendgespräch mit einem Freund oder das Nachdenken über einen irischen Arbeiterjungen. Hier kommt ein hypnotischer Fluss zustande, der Konvivialität und Mitleiden auf unmittelbar überzeugende Weise gestaltet.

    Im neunten Bild kehrt Goebels zum kosmischen Geschehen des Beginns zurück und lässt in diesem klanglichen Weltgebäude einem Spatzen das letzte Wort. Die Sprache Thoreaus sei weniger „Kommunikation“ als vielmehr „akustisches Material“, schreibt Frank Mehring über Goebbels Walden. Der Philosoph Stanley Cavell, einer der einflussreichsten Leser Thoreaus, hätte scharf widersprochen: Thoreau gehe es um das genau Wort, um das mit den Phänomenen der Natur abgeglichene treffende Wort. In der an der Beobachtung geschulten Sprache hänge für ihn das Überleben von Freiheit und Demokratie. Daran hat Goebbels fulminant vorbeikomponiert – mit seinen eigenen fulminanten improvisatorischen Mitteln der Freiheit.

    Heiner Goebbels: Walden, Ensemble Modern Orchestra, Peter Eötvös
    ECM 2878

    26. September 2026/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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