Festival Barocco Alessandro Stradella
Das Durchdringen der Epochen
Das Festival Barocco Alessandro Stradella in Viterbo steht heuer im Zeichen der „Confluences“
Von Thomas Migge
(Viterbo, 29./30. August 2026) Das Festival Barocco Alessandro Scarlatti hat sich längst als eine der innovativsten italienischen Forschungs- und Aufführungsstätten für die Musik des italienischen Seicento etabliert. Unter der künstlerischen Leitung des Dirigenten und Musikwissenschaftlers Andrea De Carlo und seiner Frau, der Cembalistin Lucia Adelaide di Nicola, verwandelt das Festival vom 20. August bis zum 27. September die geschichtsträchtige Landschaft der Tuscia, mit Viterbo und Nepi als Zentren, in ein lebendiges Laboratorium barocker Klangkunst und zeitgenössischer Reflexion. Das diesjährige Rahmenthema „Confluences“, also Zusammenflüsse, spiegelt das ästhetische Credo des Festivals wider. Es beschreibt das bewusste Ineinanderfließen von alter und zeitgenössischer Musik, von historischen Aufführungspraktiken und geografisch sowie kulturell unterschiedlichen Klangsprachen.
Den Auftakt bildete am 29. August 2026 das Eröffnungskonzert „La dea delle scene“, Die Göttin der Bühne, in der romanischen Kirche Santa Maria Nuova in Viterbo. Das Programm widmete sich der Wiederentdeckung der Barocksängerin Caterina Angela Botteghi. In der römischen und genuesischen Theaterszene des späten 17. Jahrhunderts war sie ein Star, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen „La Centoventi“, die 120. Dieser Name erklärt sich aus den immensen Gagen, die sie kassierte. Botteghi war die unbestrittene Primadonna und Muse in Stradellas letzter, hochproduktiver Schaffensphase in Genua, vor seiner Ermordung im Jahr 1682.
Dem musikwissenschaftlichen Spürsinn De Carlos und di Nicolas ist es zu verdanken, dass für dieses Konzert bisher unbekannte und unveröffentlichte Arien und Instrumentalstücke aus Stradellas Genueser Opern wie „La forza dell’amor paterno“ und „La gare dell’amor eroico“ aus den Archiven gehoben wurden. Interpretiert wurde diese zauberhafte Musik von der renommierten Sopranistin Silvia Frigato und dem Ensemble Mare Nostrum unter De Carlos Leitung. Frigato meisterte die extrem expressiven und virtuosen Anforderungen, die Stradella seinerzeit maßgeschneidert auf die stupende Technik der „La Centoventi“ komponiert hatte, mit kraftvoller Intonationsreinheit, rhetorischer Schärfe und tief empfundener barocker Affektgeladenheit. Flankiert von Kompositionen des Stradella-Zeitgenossen Bernardo Pasquini bot der Abend weit mehr als eine historisches Entdeckung. Er legte das Fundament für die nächste mit Spannung erwartete CD-Einspielung innerhalb der preisgekrönten Edition „The Stradella Project“ beim Label Arcana.
Das Besondere des Festivals 2026 liegt in der konsequenten Auslegung seines Mottos. „Confluences“ bedeutet hier nicht das parallele Nebeneinander, sondern das gegenseitige Durchdringen der Epochen. Ein Musterbeispiel hierfür lieferte direkt am Folgetag des Eröffnungskonzerts das Programm „Canzoniere“ des Cellisten Michele Marco Rossi in der Kirche San Silvestro. Rossi spannte darin einen weiten Bogen von barocken Solowerken, etwa von Johann Sebastian Bach und Pasquale Scipriani, hin zu brandneuen zeitgenössischen Reflexionen von Komponisten wie Bernhard Gander und Francesco Perocco. Die Live-Elektronik von Davide Bardi fungierte dabei als subtiles Bindeglied, das den historischen Raumklang der barocken Musik akustisch dekonstruierte und in die Gegenwart überführte.
Das Konzept der stilistischen und geografischen Wanderung zieht sich durch das gesamte Festivalprogramm.
Das Ensemble „La Nébuleuse“ präsentiert etwa in „Viaje a Espana“ die musikalischen Migrationsbewegungen zwischen Frankreich und Spanien im 17. Jahrhundert mit Werken von Gaspar Sanz und Étienne Moulinié. Bäuerliche Gesänge vergangener Jahrhunderte aus der Region Umbrien werden von dem Ensemble Sonidumbra vorgetragen. Dieses Ensemble bemüht sich um die Bewahrung und die Erforschung des traditionellen regionalen Musikerbes.
Ein Herzstück der Festivalphilosophie ist das „Stradella Y-Project“. Eine internationale Akademie, die junge Musikerinnen und Musiker unter 35 Jahren an die hochkomplexe Phonetik und Vokalästhetik des Seicento heranführt und sie in Konzerten in den historischen Villen der Tuscia, wie etwa der zauberhaften barocken Villa Lante in Bagnaia, präsentiert.
Über die Plattform NEWSTRACKS@FBAS wurden zudem neue Werke junger Gegenwartskomponisten in Auftrag gegeben, die explizit auf die barocke Rhetorik und Improvisationspraxis Bezug nehmen.
Das Festival Barocco Alessandri Stradella mit 16 Konzerten in 7 Gemeinden ist ein Fest musikalischer Kontraste, und eine Einladung, den Übergang vom Gestern zum Heute mit neuen Ohren zu hören. Es macht das Seicento als eine Epoche des permanenten Umbruchs und des Experiments erfahrbar, deren ästhetische Fragestellungen verblüffend eng mit denen der Gegenwart verwoben sind.



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