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    Ein Musiktheater-Projekt in Dresden fordert: Ändere die Welt!

    Opern- und Konzertkritiken

    Gestrandet in der Zukunft

    Mit dem Pasticcio „Ändere die Welt!“ stiftet „Semper 2“ zum Nachdenken über die Welt an

    Von Joachim Lange

    (Dresden, 21. Dezember 2024) Die kleine Spielstätte der Semperoper bietet den Raum fürs Experimentelle und eher Intime. Und sie wird genutzt. Nun ist die dort als Stück zelebrierte Aufforderung „Ändere die Welt!“ gleich ein wenig hochgegriffen. Für das Genre Musiktheater und für diesen Raum. Für die Zeit und den Ort sowieso. Kunst ändert die Welt nicht. Im günstigsten Fall, diejenigen, die es könnten. Heutzutage kann sie schon als durchschlagenden Erfolg verbuchen, wenn es ihren Protagonisten gelingt, die Voraussetzungen ihrer Produktion zu sichern. Und ihr Publikum bei der Stange zu halten. Aber Landeshaushalt, Politikerkompetenz und Besucherzahlen sind ein Kapitel für sich. Gerade heute und auch in Sachsen.

    Doch wenn sich die Türen zum gut gefüllten Zuschauerraum schließen, dann gilt’s der Kunst. Und dann darf auch die Änderung der Welt postuliert werden. Dirigent Pedro Bersio und Regisseur Mart van Berckel haben unter diesem Titel ein Pasticcio mit Musik von Hanns Eisler, Robert Schumann, Sergej Rachmaninow, Daniel-Francois Esprit Auber, Ludwig van Beethoven, Kurt Weill, Dmitri Schostakowitsch, Richard Wagner und Othmar Schoeck zusammengestellt. Bersio dirigiert das achtköpfige Projektorchester, aus fünf Streichinstrumenten, Flöte, Klarinette und Fagott.

    Manches davon ist auf Anhieb am Sound erkennbar, manches so ungefähr, anderes nur von Eingeweihten. Meistens Lieder oder Songs. Alles mit Lust am kleinen Drama und mit Gefühl vorgetragen bzw. gestaltet von der polnischen Sopranistin Magdalena Lucian, der mexikanischen Sopranistin vom Jungen Ensemble der Semperoper Fernanda Allande und vom ebenfalls zum Jungen Ensemble gehörenden russischen Bariton Anton Beliaev und dem ukrainischen Bassbariton Vladyslav Buisalskyi, der ab der laufenden Spielzeit zum Ensemble des Hauses gehört. Alle mit einer zugeordneten Rolle. Da ist eine Mutter (A Mother), die für ihren Sohn eine bessere Zukunft möchte; eine Frau, die um einen geliebten Menschen trauert, den sie in den Revolutionskämpfen verloren hat (A Grieving Woman); dann ein junger Mann, dessen Hoffnungen sich nach der Revolution nicht erfüllt haben (A Revolutionary) und schließlich der alte Mann, der schon viel mitgemacht hat (An Old Man), aber noch nicht ganz aufgegeben hat.

    Sie alle sind irgendwie in einer Zukunft Gestrandete. Im Gepäck vor allem Erinnerungen. An friedliche Zeiten und Hoffnungen auf noch bessere, vor allem aber an Kriege und Enttäuschungen. In den Liedern und Song dominieren die Melancholie der Realität, die Trauer um die zerstobenen Hoffnungen. Und die Fragen, ob man etwas hätte anders machen können. Ja müssen. Zu dieser singenden Truppe dazu, aber auch wieder nicht, gehört die Spoken-Word-Künstlerin Amara van der Elst, die auch als Rolle Amara heißt. Sie spricht ihre vor allem (hinter-)fragenden Texte englisch. Was nicht nur Sinn macht, weil das Ganze eine Koproduktion mit der Oper Amsterdam und drei weiteren holländischen Häusern ist.

    Außerdem erweist es sich hierzulande auch noch aus einem anderen Grund als nützlich. Wenn Amara mit ihren Alternativen postulierenden Fragen mal zu fordernd, und einmal sogar vom Greta-Thunberg-Zorn gepackt wird, ohne allerdings mit dem Fuß aufzustampfen und uns gleich alle persönlich zu beschimpfen, dann schafft das eine Art von Distanz, die das Nachdenken über den Inhalt erleichtert und verhindert, dass man gleich die Abwehrschilde gegen übergriffige Agitation hochfährt. Wir lernen bei der Gelegenheit, dass es eine Spoken-Word-Szene gibt und glauben ohne weiteres, dass Amara eine von deren Zierden ist.

    Schließlich ist da noch das Kind (A Child), das der personifizierte Hoffnungsträger der anderen ist und oft direkt angesprochen bzw. gesungen wird. In der besuchten zweiten Vorstellung war das Ben-Conner Höhne. Der Raum (Bühne und Licht: Vera Selhorst) in den sie alle durch eine Milchglastür hereinplatzen dürfte dem Jungen noch am ehesten vertraut sein. Er ist atmosphärisch passend. Dutzende Stühle liegen hier herum wie in einem verwüsteten Klassenzimmer einer geplünderten Schule. Vielleicht sind damit auch die Reste einer Barrikade gemeint, wenn es denn eine Revolution war, die hier ihre Spuren hinterlassen hat.

    Der pausenlose 80minütige Abend kommt mit einer bescheidenen, aber assoziationsoffenen Szene, zu der auch die Kostüme von Rosa Schützendorf mit ihrer lädierten Anmutung gehören, aus. Nur Amara hebt sich optisch und mit ihren gesprochenen Passagen davon ab. Seine emotionale Wirkung bezieht er freilich in erster Linie aus der Musik. Mit den Brecht-Texten zu Weill- und Eisler-Vertonungen, zum Beethoven-Optimismus mit den Fidelio- oder Egmont-Verweisen oder den melancholischeren Tönen von Rachmaninow und dem Wesendonck-Lied „Träume“ von Wagner. Schade nur, dass die Titel nicht den Weg auf den Programmflyer gefunden haben. Ihre Wirkung haben sie auch so. Selbst wenn das Ausrufezeichen hinter dem Titel des Abends, sich mehr als einmal in ein Fragezeichen verwandelt. Fragen stellen und wirken lassen, hallt freilich länger nach als große Aufforderungen. Semper 2 bietet einen (be-)sinnlichen Abend, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

    24. Dezember 2024/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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