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    Don Giovanni an der Bayerischen Staatsoper

    Allgemein, Opern- und Konzertkritiken

    Nicht mal ein richtiger Aufreger

    Die Münchner Opernfestspiele werden mit einem neuen „Don Giovanni“ eröffnet, der vokalen Glanz bietet, aber mehr Fragen aufwirft, als ihm gut tun.

    Von Roberto Becker

    (München, 27. Juni 2025) Im Schauspiel ist es eine langsam nervenden und sich hoffentlich auch bald wieder totlaufende Marotte, männliche Rollen mit weiblichen Darstellern zu besetzen. Im Namen von angeblicher Gendergerechtigkeit wird versucht, den legendären Angela-Winkler-Hamlet-Coup zur Methode zu machen. Wenn dabei Geniestreiche wie Lina Beckmanns Richard (oder in welche Rolle auch immer sie hineinfährt und sie sich anverwandelt) herauskommen – bitte mehr davon. Wenn es aber zum Prinzip auf Teufel komm raus (oder eben Teufelin schlüpf hinein) wird, dann sind szenische Betriebsunfälle vorprogrammiert. So wie jetzt beim „Don Giovanni“, mit dem die noblen Münchner Opernfestspiele gerade eröffnet wurden. Die können ihren 150. Jahrgang begehen und gehören zu dem Wenigen, was in Deutschland der sogenannten Hochkultur auch den äußeren Glanz und Glamour liefert, der ansonsten eher unterschätzt und ausgedörrt wird.

    Nun birgt natürlich jede Kunstanstrengung der Natur der Sache nach, auch das Risiko zu scheitern. Oper ist ein Gesamtkunstwerk, bei dem Szene und Musik, darstellerische Raffinesse und vokale und musikalische Virtuosität im günstigsten Fall zu einer Liebesbeziehung zusammenfinden und das Publikum überwältigen. Manchmal muss auch das eine das andere retten oder sie lassen sich in Ruhe und bringen niemanden wirklich in Rage.

    Beim neue Münchner „Don Giovanni“ hat es nicht mal zu einem richtigen Aufreger gereicht. So zielsicher wie Regisseur David Hermann mit seiner Inszenierung am Thema vorbei inszenierte, reichte es allenfalls zu einem weiterverbreiteten Kopfschütteln. Wobei sich Sibylle Wallum vor allem mit ihren opulenten Kostüme für die Gäste auf Don Giovannis Fest einen Extra – Bonus gesichert hat.

    Das Unverständnis rührt aber nicht daher, dass dieser Giovanni etwa zu rabiat an der Vervollständigung des von Leporello geführten Registers vorgehen, seine Vorstellung von (sexueller) Freiheit zu offensichtlich als Verführer (gegen echten, entschiedenen Widerstand) auszuleben versuchte. Nein, auch hier ist er (zunächst und vor allem) das männliche Objekt weiblicher Begierde.

    Ganz offensichtlich bei Donna Anna. In der ersten Szene ist sie es, die Don Giovanni in ihrem Luxusschlafzimmer im wahrsten Wortsinn flachlegt (oder es zumindest versucht). Da schlägt sich Hermann auf die Seite all derer, die bei Anna und Giovanni eher von einer leidenschaftlichen Affäre und keinesfalls von einer versuchten oder erfolgten Vergewaltigung ausgehen.

    Auch bei Zerlina muss sich Don Giovanni nicht allzu sehr anstrengen, um als Mann mit ihrem einfach gestrickten Bräutigam Masetto zu konkurrieren. Auch wenn ihr klar ist, dass sein Heiratsversprechen nicht mehr ist, als Teil seiner Strategie.

    Donna Elvira sieht sich hier nicht nur als die eigentliche legitime Ehefrau. Sie fordert ihre Rechte vehement ein. Dazu stürmt sie regelrecht das Standesamt, in das sich die Bühne im Handumdrehen vor ihrem Auftritt verwandelt hat. Zwei Büroarbeitsplätze, Wartezimmersitzreihen, die Box für die Nummern und die dazugehörige Anzeigetafel für die heiratswillige Kundschaft fahren dazu herein oder klappen aus dem Boden einfach auf. Die Bühne von Jo Schramm ist tatsächlich ein mechanisches Meisterwerk, das zwischen Schlafzimmer, Standesamt, Pseudogericht, Festsaal und dann auch noch videoanimierter Hölle mühelos zu wechseln vermag.

    Es bleibt auch dabei, dass Giovanni die Zofe von Elvira ansingt und Leporello in seinen Kleidern mit Donna Elvira in die Nacht schickt. Und, dass er Masetto zusammenschlägt. Eine der wenigen wirklich subtilen Momente in dieser Inszenierung ist der Anflug von Bedauern über seinen Ausbruch von Brutalität, vor allem im Hinblick auf seine nach wie vor bestehenden Ambitionen, Zerlina zu verführen.

    Das Problem bei all dem ist aber, dass Don Giovanni hier (über weite Strecken) gar nicht er selbst ist. Denn der eine strategische Regieeinfall, den Hermann hat und den er mit einem Quäntchen szenischen Witz, aber vor allem mit der dramaturgischen Brechstange umsetzt, ist die Verwandlung Don Giovannis. Nicht gleich ganz in eine Donna Giovanna (so wie sein Kollege Kirill Serebrennikov gerade in Berlin aus Donna Elvira einen Don Elviro gemacht hat).

    In München ist es Plutos Frau Proserpina, die in seinen Körper fährt und ihn steuert. Die von Erica D’Amico verkörperte schlanke Gestalt im höllisch roten Hosenanzug mit dem endlos langen blonden Zopf stellt sich hinter ihn und schlüpft in seinen Körper. Plötzlich steht Giovanni in Rot da und spielt die Irritation Proserpinas in ihm über die Zusatzteile des männlichen Köpers. Der erkundende Griff in den Schritt ist dabei zwar auf den ersten Blick witzig. Aber sie hätte es wissen müssen. Als per Zwang an Pluto verheiratete Frau. Aber das war’s dann auch schon an Geistesblitzen und was hat das für Konsequenzen? Die Antwort wird auf der Bühne verweigert.

    Proserpina verlässt im Laufe des Abends den Körper Don Giovannis immer mal wieder, aber für einen sinnvollen Diskurs von spezifischen Verhaltensunterschieden lässt die Inszenierung nicht wirklich Raum. Wenn die Geschichte mehr oder weniger so abläuft wie immer, dann käme allenfalls die Erkenntnis raus, dass es bei gleichen Voraussetzungen keinen wirklichen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Verhalten gibt. Vielmehr sind es Bedingungen oder soziale Stellung, die moralische Bedenken ins Spiel bringen oder sexuelle Obsession und Appeal zu einem explosiven Gemisch werden lassen.

    Seine Idee hat Hermann übrigens dem Schlusssextetts entnommen und sich davon (fehl-)leiten lassen. Da sind sie sich alle einig, dass der „Schuft“ (der hier gar keiner auf eigene Rechnung sein kann) bei Pluto und Proserpina bleiben solle.

    Die Hauptlast, um an diesem Abend dem Gesamtkunstwerk gerecht zu werden, lag so in den Kehlen der singenden Protagonisten. Proserpina und Pluto haben nur stumme, gelegentlich mit Übertiteln versehene Rollen. Es passt zwar zur Inszenierung, aber ist eben auch gerade wegen der lyrischen Qualitäten von Konstantin Krimmel schade, dass sein (erster) Don Giovanni auch vokal nicht durchgängig zu der durchschlagenden Ausstrahlungskraft gelangt, die völlig überzeugend wäre. Giovanni Sala hat als Don Ottavio (wenn auch ohne „Dalla sua pace“-Chance für einen Szenenapplaus) zumindest die, einen eigenen, wenn auch nicht sonderlich sympathischen Charakter zu entwickeln.

    Michael Mofidian ist ein handfester, kerniger Masetto. Ihm wird (als Schlusspointe) die Ehre zu teil, der nächste Kandidat für einen Ausflug Proserpina in einen Männerkörper zu werden. Schon in ihrer eigenen Gestalt hatte Plutos Gattin auf Abwegen ein bemerkenswertes Interesse an Zerlina gezeigt. Bei Avery Amereau ist die eine Frau auf Augenhöhe mit Samantha Hankey als auftrumpfender Donna Elvira und der leidenschaftlich liebenden, lügenden und leidenden Donna Anna von Vera-Lotte Boecker.

    Beim Leporello des tadellosen Kyle Ketelsen hat man manchmal den Eindruck, dass er dem Spuk um ihn herum ähnlich verzweifelt folgt, wie manch einer im Saal. Außerdem gönnt ihm die Regie nicht mal eine richtige Registerarie. Wenn er die Wartenummern aus der Box zieht und die Anzeigetafeln die Frauen mitzählen, hat das eher müden Witz. Christof Fischessers machtvoller Komtur kriegt zwar keine Statue, sondern nur ein Tuch über seinem toten Körper, hat aber einen tollen Schlussauftritt, wenn er als Pluto Don Giovanni persönlich ins Flammenmeer der Hölle zieht. Nach dem Motto, was Proserpina kann, kann ich schon lange.

    Natürlich liefern auch Vladimir Jurowski und das Bayerische Staatsorchester ihren Anteil an diesem langen Abend. Der wuchtige Auftakt oder etwa die Chancen, für Krimmel lyrisch zu werden, bleiben. Die Hammerklavier- und Violoncello-Rezitative und das, was Jurowski zum Teil selbst dazu komponiert hat, bleiben Geschmacksache. Seine Tempi zuweilen auch. In den Beifall, den vor allem die singenden Protagonisten verdient haben, mag man gerne einstimmen. Ins Kopfschütteln über die Szene auch.

     

    29. Juni 2025/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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