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    Die Geschichte vom Soldaten bei den Salzburger Festspielen

    Opern- und Konzertkritiken

    Teufel, wo ist dein Stachel?

    „Die Geschichte vom Soldaten“ mit Bildern von Georg Baselitz und „Oedipus Rex“ von Igor Strawinsky mit Christoph Waltz bei den Salzburger Festspielen

    Von Robert Jungwirth

    (Salzburg, 28. und 29. Juli 2025) Der Mensch ist was er will. Er ist das Produkt seiner Wünsche, Ziele, Hoffnungen. Doch will er zuviel, kann es schnell vorbei sein mit dem Glück. Die Märchenbücher sind voll mit solchen Geschichten. Auch der Fischer und seine Frau hätten sich mal besser ein bisschen am Riemen gerissen statt immer noch mehr zu wollen. „Die Geschichte vom Soldaten“, die Igor Strawinsky 1918 nach einem Text von Charles Ferdinand Ramuz so genial in Musik gesetzt hat, hat ein ähnliches Sujet. Gleichzeitig ist sie Ausdruck einer tiefen Desillusionierung nach dem Zusammenbruch gleich mehrerer Welten im Ersten Weltkrieg, die das Werk ebenfalls reflektiert.

    Ein armer Soldat auf Heimaturlaub lässt sich auf einen Deal mit dem Teufel ein, gewinnt zunächst, verliert dann aber seine Vergangenheit, sein früheres Leben. Er hat jetzt Geld, findet aber keine Liebe. Schließlich überlistet der Soldat den Teufel und erobert eine Prinzessin – doch als er sich mit ihr aufmacht, ihr seine alte Heimat zu zeigen, packt ihn erneut der Teufel und es ist um ihn geschehen. Der Soldat hatte zuviel gewollt und verliert alles. Üblicherweise wird das kleine Stück mit nur sieben Musikern und einem Erzähler konzertant und nicht szenisch gegeben. Doch die jetzige Version für Marionettentheater, die bei den Salzburger Festspielen mit Bildern von keinem Geringeren als Georg Baselitz ihre umjubelte Premiere feierte, machte schlagartig klar, dass die Marionettenbühne der ideale Ort für eine Aufführung ist.

    Baselitz hat auf jeden Realismus verzichtet und das trifft sich aufs Beste mit der Musik Strawinskys. Man sieht verzerrte Köpfe des Teufels, des Soldaten und der Prinzessin in markanter Farbgebung. Der Teufel sieht ein bisschen aus als hätte er einen Krokodilskopf, nach hinten hat er einen Schwanz mit Stachel wie ein Skorpion. Und der Soldat kommt mit seinem ungeschlachten Kopf daher wie ein Gerippe auf Wanderschaft mit Monsterstiefeln. Kostüme gibt es keine, die Körper aller Figuren bestehen aus unbemalten Röhren. Alles wirkt reduziert, karikaturistisch, minimalistisch – auch die schwarz-weiß-gezeichneten Hintergrundprospekte. Aber was die Spieler der Salzburger Marionettenbühne daraus machen, ist einfach grandios in seinem Witz, seiner exakt mit der Musik koodinierten Pointiertheit und der stilisierten bis verfremdeten Gestik.

    Die Geschichte vom Soldaten 2025
    © SF/ Bernhard Müller

    Die Salzburger Festspiele können sich über ein Highlight in ihrem Programm freuen, das ihnen quasi in den Schoß gefallen ist. Denn die Idee zur Anfrage bei Baselitz hatte tatsächlich der Leiter der Marionettenbühne und Regisseur Matthias Bundschuh. Erst nach der Zusage von Baselitz hat der es den Festspielen angeboten.
    Die Festspiele haben dann u.a. mit der Geigerin Isabelle Faust und dem Trompeter Reinhold Friedrich für die nötige Prominenz und Qualität auf musikalischer Seite und mit Dominique Horwitz als wunderbar wandelbarem Sprecher auf schauspielerischer Seite gesorgt. In München an der Staatsoper war vor ein paar Jahren während der Corona-Zeit Dagmar Manzel als Sprecherin in dem Stück zu erleben in einer ebenfalls ganz hervorragenden Aufführung unter Vladimir Jurowski – aber eben ohne Szene.

    Das gilt auch für die Salzburger Produktion mit einem durch und durch fantastischen Ensemble. Höhepunkte waren die Tänze im zweiten Teil, szenisch wie musikalisch. Da trifft sich die gesammelte Kreativität der Marionettenbühne mit der grotesken Meisterschaft von Strawinskys Musik. Ein fantastisches musikalisches Theaterchen, das noch bis zum 3. August zum Teil zweimal am Tag zu erleben ist. Wer kann, unbedingt hingehen!

    Oedipus Rex von Strawinsky

    Neben der Geschichte vom Soldaten haben die Salzburger Festspiele einen Tag davor auch Strawinskys ominöses Oratorium „Oedipus Rex“ geboten – ebenfalls mit einem weltberühmten Stargast: Christoph Waltz als Erzähler. Auch mit diesem Werk versuchte Strawinsky stilistisch etwas Neues, knapp 10 Jahre nach der „Geschichte vom Soldaten“. Nicht um die musikalisch möglichst eindringliche Umsetzung einer dramatischen Handlung ging es Strawinsky in seinem „Opern-Oratorium“ nach einem Text von Jean Cocteau (den der Komponist dann ins Lateinische übersetzen ließ), sondern gewissermaßen um das Gegenteil davon. Nicht die Identifikation mit dem tragischen Oedipus wollte er erreichen, sondern einen möglichst sachlichen Bericht einer menschlichen Katastrophe. Glotzt nicht so romantisch, diesen berühmten Brecht-Ausspruch hätte auch Strawinsky seinem Publikum hier zurufen können. Auch Oedipus Rex ist episches Theater durchaus mit (musikalischen) Verfremdungseffekten – mit dem Ziel, die Geschichte umso klarer, ohne Sentimentalität zu erzählen.

    Aber natürlich bleibt die Musik nicht ohne Wirkung. Vor allem die massiven Chöre sind hier neben dem Titelhelden der Hauptdarsteller. Der Wiener Singverein (einstudiert von Johannes Prinz) singt die Forderungen nach dem Ende der Pest und nach dem Auffinden des Mörders des Laios wie eine Wand im Großen Festspielhaus. Das hat eine Wucht, die geradezu archaisch wirkt. Der Chor singt wie aus einem Mund. Dazu passt die auf den Punkt musizierte Gestaltung des Einspringers Esa-Pekka Salonen, der nur einen Tag nach seiner Premiere mit Schönbergs Erwartung und Mahlers Abschied dieses Konzert ebenalls mit den Wiener Philharmonikern dirigierte – eine bewundernswerte Leistung.

    Salonen nimmt Strawinsky ernst in dessen Anspruch, die Geschichte klar und schnörkellos und vor allem ohne aufgepappte Gefühle zu interpretieren. Dennoch hat seine Wiedergabe eine Schlagkraft und klangliche Schärfe, die einen schier umhaut. Ebenso Michael Volles mächtiger Bariton als Kreon und Bote. Und auch Allan Clayton als Oedipus wird dieser schlagkräftigen Gangart mit schnörkelloser Direktheit und klarem Ton bewundernswert gerecht. Der große Albert Dohmen gibt den zweifelnden Seher Teiresias mit baritonaler Würde und Marina Viotti bietet eine volltönende, etwas opernhafte Jokaste. Und Christoph Waltz ergänzt die Riege um einen schnörkellosen Erzähler mit leiser Ironie.

    Christoph Waltz, die Wiener Philharmoniker und der Wiener Singverein Foto: SF / Marco Borrelli

    30. Juli 2025/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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