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    Das Monteverdi-Festival in Cremona

    Opern- und Konzertkritiken

    Lust an der Gehässigkeit

    Monteverdis „L’Incoronazione di Poppea“ und Cavallis zum ersten Mal in moderner Zeit aufgeführte Oper „Le Nozze di Teti e Peleo“ faszinierten im norditalienischen Cremona

    Von Thomas Migge

    (Cremona, 19. und 20. Juni 2026) In diesem Jahr lautete das Motto der 43. Ausgabe des Monteverdi-Festivals im lombardischen Cremona „Cantami, o Diva!“, zu deutsch: Singe, o Göttin! Das ist die berühmte Eroffnungszeile aus Homers „Ilias“. Kern des Festivals mit Recitals und Konzerten waren zwei Opernaufführungen im traditionsreichen Teatro Amilcare Ponchielli. Zwei Meilensteine des Seicento: Claudio Monteverdi Spätwerk „L’Incoronazione di Poppea“ und die mit Spannung erwartete Erstaufführung in moderner Zeit von Francesco Cavallis Oper „Le nozze di Teti e Peleo“ aus dem Jahr 1639. Beide Produktionen spiegelten auf faszinierende Weise die Bruchlinien von Macht, Eros und barocker Prachtentfaltung wider.

    Mit „L’incoronazione di Poppea“ brachte das Festival das unbestrittene Glanzstück des venezianischen Musiktheaters auf die Bühne. Regisseur Roberto Catalano inszenierte das Werk als zeitloses, psychologisch messerscharf seziertes Drama um Begierde und moralischen Verfall. Catalano verzichtet auf historisierenden Pomp und fokussierte die Bühne ganz auf die emotionalen und politischen Abgründe der Figuren. Die Optik war unterkühlt, von beklemmender Modernität geprägt (wer dachte bei dem launenhaften, lüstern-egozentrischen Nerone nicht an einen gewissen Donald T.?), in der die Darsteller wie Schachfiguren eines grausamen Machtspiels agierten.

    Am Pult des renommierten französischen Orchesters Les Arts Florissants sorgte der ehemalige Countertenor und Dirigent Paul Agnew für eine hochsensible Interpretation, die sich ganz den intensiven Gefühlsmomenten der Handlung und des Libretto anpasste. Agnew verstand es meisterhaft, das recitar cantando elastisch zu führen. Das Orchester musizierte mit stupender Farbenvielfalt, die jede Nuance des Librettos hörbar mache.

    Vokal dominierte ein überzeugendes Ensemble. Der israelische Sopranist Maayan Licht gab einen schockierend intensiven, stimmlich brillanten Nerone. Mit fast schon lasziver körperlicher Präsenz und einer jauchzenden Lust an der Gehässigkeit meisterte er die mörderische Tessitura mühelos. Seine kräftige, teilweise vielleicht etwas zu hoch angesetzte Stimme umschlang Poppea in den Liebesduetten mit betörender Eleganz. Poppea wurde von Benedetta Torre mit makelloser barocker Phrasierungskunst und einer kräftig-sinnlichen Stimme interpretiert. Licht und Torre verschmolzen vokal im hypnotischen Schlussduett „Pur ti miro“ auf allerhöchstem Niveau.

    Opernentdeckung von Cavalli

    Das eigentliche historisch-musikalische Ereignis des diesjährigen Monteverdi-Festivals aber war die erste szenische Aufführung in moderner Zeit von „Le nozze di Teti e Peleo“. Zum 350. Todestag von Francesco Cavalli, dem berühmtesten Monteverdi-Schüler, entschied sich das Festival für dieses spektakuläre Erstlingswerk aus dem venezianischen Teatro San Cassiano von 1639.

    Regie führte Petra Deidda. Ihr gelang das Kunststück, das komplexe, mythologische Götterdrama auch ohne die barocke Illusionsmaschinerie der Uraufführung witzig und voller schauspielerischer Dynamik auf die Bühne zu bringen. Deiddas Bildersprache war volle, Einfallsreichtum und von einer poetischen Dichte, welche die allegorische Dimension der Götterhochzeit spektakulär und lebendig übersetzte, ohne dabei ins Kitschige oder Übertriebene abzugleiten.

    Der musikalische Direktor des Festivals Antonio Greco leitete sein hauseigenes Barockensemble Cremona Antiqua mit großer Leidenschaft und interpretativer Akribie. Greco traf genau den rhythmischen Nerv dieser frühen venezianischen Oper, die zwischen Arien und dramatischen Rezitativen changiert.

    Bei der Besetzung der Rollen setzte das Festival auf die Förderung exzellenter Nachwuchsstimmen unter 35 Jahren. Als Teti glänzte die Mezzosopranistin Valentina Ferrarese, Gewinnerin der Cavalli-Monteverdi-Competition. Ihre Stimme verströmte ein reiches, warmes Timbre und eine bemerkenswerte dynamische Bandbreite. Ihr zur Seite stand der Bassbariton Ferran Albrich als Peleo, der mit sonorer Tiefe und großer gestalterischer Noblesse überzeugte. Das junge Ensemble demonstrierte eindrucksvoll, dass historische Aufführungspraxis und packendes Musiktheater Hand in Hand gehen können.

    Das Monteverdi-Festival 2026 untermauert mit diesen beiden Aufführungen erneut seinen Ruf als europäisches Epizentrum der Barockoper. Doch es gibt einen logistischen Knackpunkt: die Aufführungen sollten entschieden eher beginnen. Nicht erst um 20.30 Uhr. Barockopern, die mehr als 3 Stunden dauern und teilweise ziemlich lange Recitar-Cantando-Abschnitte beinhalten, können, auch wenn sie noch so perfekt und spannend aufgeführt werden, schon ermüdend wirken. Einer Stunde eher beginnen und das Problem wäre gelöst.

    24. Juni 2026/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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