Das Festival im apulischen Martina Franca wartet mit Ungewöhnlichem auf
Wachsen an äußeren und inneren Konflikten
„Guerre e Pace“ – „Kriege und Frieden“ ist das Motto beim Festival della Valle d’Itria im apulischen Martina Franca unter der Leitung der Komponistin Silvia Colasanti. Zu sehen und zu hören waren wenig bekannte Opern von Rossini, Britten und Ravel – daneben spannende Konzerte.
Von Elisabeth Richter
(Martina Franca im August 2025) Große Persönlichkeiten der italienischen Kultur- und Musikszene gründeten 1975 das Festival della Valle d’Itria in Martina Franca. Auf dem Weg zwischen Bari und Tarent, 400 Meter hoch in den Bergen, ist das Städtchen gelegen, mit wunderschöner lichtdurchfluteter marmorweißer, barocker Altstadt, verschlungen Gässchen, Kirchen, klösterlichen Innenhöfen. In einem ist heute auch die Fondazione Paolo Grassi – die Stiftung ist Veranstalter des Festivals – gelegen. Der legendäre italienische Theaterintendant, gebürtig aus Mailand – wo er das Piccolo Teatro mit Giorgio Strehler ins Leben rief -, fühlte sich zeitlebens mit den Menschen im Süden verbunden – es sei immer so gewesen, als käme er nachhause.
Gemeinsam mit dem Dirigenten, Musikwissenschaftler und Rossini-Experten Alberto Zedda und dem Belcanto-Forscher Rodolfo Celletti entstand das Festival della Valle d’Itria mit der Idee, unbekannte Opern seit dem 17. Jahrhundert auszugraben und aufzuführen. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Festivals war und ist es, kompositorische Gedanken und Wege, sprich auch unbekannte, verworfene Versionen von Werken zu präsentieren.
In der Regel wechselt die künstlerische Leitung alle drei Jahre. Jetzt leitet erstmals eine Frau das Festival: die aus Rom gebürtige Komponistin Silvia Colasanti (Jahrgang 1975). In ihrer ersten Saison zogen sich durch die Opern und die Konzerte (Orchester, Chor, Kammermusik) sowie ein Symposium mehrere programmatische Linien. Das waren zum einen die Traditionen des Festivals. Die drei Musiktheater Produktionen boten selten gespielte Opern: am bekanntesten sicher Rossinis „Tancredi“. Die zweite Produktion, Benjamin Brittens „Owen Wingrave“, eine späte Oper des Komponisten von 1971, wird allgemein sehr selten aufgeführt, in Martina Franca war es sogar die italienische Erstaufführung. Als drittes Werk kam Maurice Ravels „L’Enfant et les sortilèges“ zur Aufführung, ein Einakter, der vor 100 Jahren uraufgeführt wurde, ebenfalls ein selten gespieltes Werk. Alle drei Opern bildeten ein wunderbar kontrastierendes stilistisches Spektrum ab.
Zum anderen richtete Silvia Colasanti den Fokus auf einige Komponisten- und Werk-Jubiläen, so auf den 150. Geburtstag von Maurice Ravel mit seinem Einakter, oder in Konzerten wurde des 500. Geburtstags von Giovanni Pierluigi da Palestrina gedacht, sowie des 300. Todestages von Alessandro Scarlatti.
„Kunst ist mit allem verbunden, was wir heute erleben“, sagt die neue Festival-Direktorin im Interview. „Kunst ist kein Museum, etwas von uns Losgelöstes. Unbekannte alte Opern aufzuführen, bedeutet nicht, Artefakte hervorzuziehen. Für mich bedeutet es, zu schauen, wie viel in der Geschichte für uns heute steckt. Das war sehr wichtig für mich.“
Aktualität, zeitgenössische, modernere Werke möchte Silvia Colasanti verstärkt zu den bewährten Festival-Leitlinien hinzufügen. Sie wählte ein Motto, das einerseits brennend aktuell ist, und sich andererseits gut als roter Faden durch die meisten Veranstaltungen ziehen ließ: „Guerre e Pace“, „Kriege und Frieden“. Wichtig sei dabei der Plural, erklärte Silvia Colasanti. Sie hatte dabei nicht nur militärische Kriege im Kopf, sondern auch die Idee von inneren Konflikten, an denen die Menschen wachsen können. „Ich wollte verschiedene Aspekte eines Krieges zeigen, sogar eines ‚notwendigen Krieges‘, eines ‚Krieges‘, der zu uns gehört. Jeder Mensch trägt Konflikte in sich und durchlebt sie täglich, und die müssen erforscht werden. Welches Medium kann das besser als die Kunst?“
In zwei der drei Musiktheater-Produktionen spiegelte sich klar das Festival-Thema. Bei Brittens „Owen Wingrave“ kommt der Titelheld aus einer Soldaten-Familie, aber er möchte nicht Soldat werden und zieht den Zorn seiner Familie und seiner Verlobten auf sich. Er wird regelrecht verstoßen und kommt am Ende auf mysteriöse Weise zu Tode. Hier zeigen sich Brittens in all seinen Opern wiederkehrende Leitthemen: Pazifismus und andererseits der Kampf gegen eingefahrene Traditionen und gesellschaftliche Normen. Ein Kampf um das Anderssein, um Diversität, auch das ist brandaktuell.
Rossinis „Tancredi“ spielt vor dem Hintergrund eines Krieges im mittelalterlichen Sizilien. Syracus ist von den Sarazenen bedroht, aber in der Stadt kämpfen auch zwei Familien gegeneinander, es herrscht Bürgerkrieg. Tancredi, der Titelheld, wurde aus der Stadt verbannt, er liebt Amenaïde, sie soll aber mit einem Mann aus einer verfeindeten Familie verheiratet werden, um Frieden zu stiften. Sie will das natürlich nicht und schreibt einen Brief an Tancredi und bittet ihn um Hilfe. Der Brief wird abgefangen und es wird behauptet, sie hätte ihn an den feindlichen Sarazenen-Führer geschickt, sie wird wegen Hochverrat angeklagt. Der inkognito zurückgekehrte Tancredi kann sie zwar in einem Zweikampf retten, ist aber dennoch nicht von Amenaïdes Unschuld überzeugt, er verlässt die Stadt, um im Kampf gegen die Sarazenen zu sterben.
Rossini hat 1813 zwei Finali für „Tancredi“ geschrieben, für die Uraufführung in Venedig ein positives Ende: Tancredi ist siegreich und die Missverständnisse klären sich auf. Für die Erstaufführung in Ferrara wenige Wochen später schrieb er ein tragisches Ende: Tancredi wird tödlich verwundet. Bevor er stirbt, erfährt er vom Sarazenen-Führer von der Unschuld Amenaïdes. Beide Versionen wurden in Martina Franca gespielt, zuerst das tragische, danach das positive Ende. Regisseur Andrea Bernard erzählt die Geschehnisse durch die Brille eines Kindes, das als Alter Ego des Titelhelden immer in der Szene präsent ist. Ein Junge, der sich in die Rolle eines Superman hineinträumt und den toten Tancredi am Ende wieder zum Leben erweckt und die Heirat von Tancredi und Amenaïde imaginiert. Eine hübsche Idee, manchmal mit ein wenig arg infantilen Bildern ausgeführt. Der Junge spielt etwa mit einer Barbie Puppen-ähnlichen Superman-Figur. Gleichwohl trug die Präsentation der beiden Final-Versionen von Rossinis „Tancredi“ der Festival-Maxime Rechnung, kompositorische Prozesse aufzuzeigen.
Musikalisch hatte die Aufführung ein hohes Niveau. Herausragend die Mezzosopranistin Yulia Vakula. In der Hosenrolle des Tancredi zeigte sie mit ebenso delikaten und genau gebotenen Koloraturen sowie dramatischer Kraft, dass sie zurecht eine gefragte und versierte Rossini-Interpretin ist. Ebenso der flexible Tenor Dave Monaco als Amenaïdes Vater Argirio. Das Orchestra dell’Accademia del Teatro alla Scala, das Nachwuchs-Orchester der Mailänder Scala, agierte ebenfalls stilistisch ausgefeilt und sehr Rossini affin, auch Dank der ebenso sensiblen wie dramatisch zugespitzten Leitung von Dirigent Sesto Quatrini.
Bei Brittens „Owen Wingrave“ bewies das Mailänder Akademie-Orchester unter der Leitung des israelischen Dirigenten Daniel Cohen – er ist derzeit Generalmusikdirektor in Darmstadt – stilistische Flexibilität. Hier gilt es etwa den sängerischen Konversationston sensibel zu begleiten oder die wunderbaren atmosphärischen Zwischenspiele mit Magie zu füllen. Eine schwebende Musik, mit der Britten die Zweifel, die in Owen Wingraves Persönlichkeit stecken, musikalisch facettenreich abbildet. Die Titelpartie war mit dem jungen Schweizer Bariton Aeneas Humm prominent besetzt.
Die dritte Oper, Ravels „L’Enfant et les sortilèges“ (Das Kind und der Zauberspuk), wurde nicht – wie „Tancredi“ und „Owen Wingrave“ – im großen Innenhof des Palazzo Ducale aus dem 17. Jahrhundert aufgeführt, sondern im kleineren und intimeren Innenhof des Klosters San Domenico. Die Produktion gestalteten – sängerisch auf internationalen Niveau – die diesjährigen Teilnehmer der festivalbegleitend stattfindenden „Accademia del Belcanto Rodolfo Celletti“. Ravels opulente Partitur erklang in einer reduzierten Version von Didier Puntos, mit exzellenten Instrumentalisten unter der versierten Leitung der Dirigentin Myriam Farina. Die eingeschränkten bühnentechnischen Möglichkeiten im klösterlichen Innenhof umschifften Regisseurin Rita Consentino und ihre Ausstatterin Francesca Cosanti mit viel Fantasie. Bunte, oft pastellfarbene Papp-Attrappen von Tieren, Gegenständen und mehr ließen die Zauberwelt-Atmosphäre imaginieren, in die sich das aufmüpfige Kind träumt, ein quirliges szenisches Spiel sorgte für Kurzweil.
Von den Konzerten bezog sich etwa die Aufführung von Schostakowitsch‘ 14. Sinfonie – unter dem Dirigat des musikalischen Direktors Fabio Luisi auf das Festival-Motto „Kriege und Frieden“, würdigte aber auch den Komponisten anlässlich seines 50. Todestages.
Bemerkenswert war außerdem eine Buch-Präsentation zum 300. Todestag von Alessandro Scarlatti. Der italienische Musikwissenschaftler Luca della Libera durchforstete in Urbino das Archiv des Bischofs Annibale Albani, eines Neffen von Papst Clemens XI., in dem sich zahlreiche Briefe mehrerer Mitglieder der Familie Scarlatti an den Bischof befinden und veröffentlichte diese in Buchform: „Con la dovuta humiltà del mio profondo rispetto“ Mit der gebotenen Demut und meinem tiefen Respekt – Die Briefe der Familie Scarlatti an Annibale Albani. Libreria Musicale Italiana, Lucca 2025.
In einem Konzert mit Lesung und Kommentar durch Luca della Libera, und u. a. mit Kantaten von Alessandro Scarlatti – exzellent hier einmal mehr die Sänger der „Accademia del Belcanto Rodolfo Celletti“, darunter etwa die Sopranistin Virginia Genovese – wurde eindrücklich deutlich, wie das Mäzenatentum Anfang des 18. Jahrhundert Kunst und Musik förderte. Außerdem werfen die 100 Briefe ein Licht auf die Strukturen der Familie Scarlatti, die zum Verständnis der Biografien der beiden berühmtesten Mitglieder Alessandro und Domenico beitragen.
Der erste von drei Jahrgängen des Festivals della Valle d’Itria in Martina Franca unter der Leitung der Komponistin Silvia Colasanti bot ein reiches und vielfältiges Spektrum mit einem sehr klaren Festival-Konzept: gut und fokussiert ausgewählte Werke, die sich alle mehr oder weniger auf das Festival-Motto „Kriege und Frieden“ beziehen, nicht krampfhaft, aber deutlich und mit aktuellem Bezug. Man darf auf die nächste Festival-Ausgabe gespannt sein.





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