Das Erinnern der dritten Holocaust-Generation – Ausstellung in München
I am my family
Das Jüdische Museum München zeigt die wichtige und sehr sehenswerte Ausstellung „Die Dritte Generation – Der Holocaust im familiären Gedächtnis“
Von Robert Jungwirth
(München, 7. April 2025) Traumata sind vererbbar. Das erleben Nachkommen von Holocaust-Opfern, die sich auf unterschiedlichste Art und Weise mit der Vergangenheit ihrer Familien befassen oder sogar eher zufällig auf diese stoßen, weil plötzlich Hinweise auftauchen, Objekte, Briefe, die bis dahin unbekannt gewesen sind. Oder weil Großeltern plötzlich anfangen zu erzählen, was sie bislang verschwiegen haben. Und selbst wenn die Nachkommen der Opfer des Holocausts keine besonderen Nachforschungen betreiben darüber, wer aus ihrer Familie wo und wann ums Leben kam oder sich retten konnte – allein die Tatsache, dass sie selbst am Leben sind, macht sie zu einem ein Teil dieser grauenvollen Geschichte, ihre pure Existenz hängt zusammen mit dem größten Menschheitsverbrechen, das je begangen wurde. Weil es jemanden in ihrer Familie gab, der es überlebte. Sonst wären sie, die Kinder und Enkel nicht auf dieser Welt…
80 Jahre nach dem Holocaust wird das Erinnern schwieriger. Es gibt kaum noch kaum noch direkte Erzählungen von Überlebenden, kaum noch direkte Begegnungen mit Angehörigen der ersten Opfergeneration. Deshalb stellt sich jetzt umso mehr die Frage, was Erinnerung heutzutage heißt, wie kann sie aussehen, wie soll man umgehen mit einer diffuser werdenden Vergangenheit, die aber doch Teil der Existenz der Nachgeborenen von Holocaust-Opfern ist? Und natürlich nicht nur von ihnen.
Diesen Nachkommen und ihrer Erinnerungsarbeit, den verschiedenen Formen und Möglichkeiten von Erinnern und Traumabewältigung, ist jetzt eine große Ausstellung im Münchner Jüdischen Museum gewidmet, die in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum in Wien entstanden ist, wo sie bereits zu sehen war. Bis März 2026 sind zahlreiche Formen des Erinnerns, der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in dieser Ausstellung dokumentiert, die für München neu gestaltet und etwas verändert wurde durch Exponate, die mit jüdischen Einwohnern Münchens zu tun haben.
Aber es geht auch um die Erinnerungsarbeit von zeitgenössischen Künstlern, die in ihrer Arbeit nach einem Ausdruck für das Unsagbare suchen, weil sie eine familiäre Verbindung zu Holocaust-Opfern haben. Wie etwa Rafael Goldchain, der Mitglieder seiner jüdischen Familie, die im Holocaust umkamen, aber auch andere, die überlebt haben, in fotographischen Selbstporträts in Schwarzweiß in der Kleidung aus den 30er Jahren nachstellt und mit seiner Arbeit „I am my family“ ein ebenso eigenwilliges wie faszinierendes und hintergründiges „Familienalbum“ kreiert hat. Auf allen 36 Porträts ist immer Rafael Goldchain zu sehen.
Oder Jonathan Rotsztain, der Lagerimpressionen zu einer kolorierten Kinderzimmer-Tapete gestaltete – das Trauma an der Wand des Kinderzimmers. Oder Ilana Lewitans Bilder von Birkenwäldern, die bei aller Lichtheit und Schönheit eine düstere Idylle widerspiegeln, weil sich in solch einem Wald ihr Vater vor den Nazis versteckt hat.
Jedes Erinnern ist individuell und unvergleichlich. Gerade die künstlerischen Reflexionen darüber demonstrieren das sehr eindrücklich, deshalb sind sie so spannend in dieser Ausstellung, die von Kurator*innen aus Wien und München gestaltet wurde. Zahlreiche Veranstaltungen um die Ausstellung herum wie Lesungen, Filme, thematische Führungen, geben darüber hinaus vielfältige Einblicke in die Formen von Erinnerungskultur im Zusammenhang mit dem Holocaust heute. Eine sehr wichtige und sehr sehenswerte Ausstellung.
Die Ausstellung ist im Jüdischen Museum München, St.-Jakobs-Platz 16, bis März 2026 zu sehen. Montags geschlossen. Es gibt einen ausführlichen Katalog dazu.




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