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    Currentzis eröffnet die Salzburger Festspiele mit Kurtág und Pärt

    Opern- und Konzertkritiken

    Russische Düsternis und transzendente Klangskulpturen

    Teodor Currentzis dirigiert zur Eröffnung der Salzburger Festspiele ein Konzert der Reihe Ouverture spirituelle mit Werken von Kurtág und Pärt

    Von Robert Jungwirth

    (Salzburg, 18. Juli 2026) Die musikalische Séance beginnt mit Glockenschlägen, zu denen die Mitglieder des Chors und des Orchesters in gemessenen Schritten hintereinander trippelnd die Bühne betreten. Das wird also etwas ganz Heiliges, weshalb sich auch kein Applaus des Publikums regt. Die Glocken verbieten solches von Anfang an. Schließlich betritt der Zeremonienmeister Teodor Currentzis ebenfalls ganz in schwarz gekleidet und mit gesenktem Kopf langsam die Bühne und verbreitet ein bisschen Black-Sabbath-Atmosphäre in der Salzburger Kollegienkirche. Warum nicht ein bisschen Hokuspokus für die „Lieder der Schwermut und der Trauer“ von György Kurtág und das Miserere von Arvo Pärt. Zwei Werke, die zwar überhaupt nichts miteinander zu tun haben und nur schwer in ein Programm zu zwängen sind – aber sei’s drum.

    Kurtág, dem Meister der Reduktion und Konzentration, der heuer 100 Jahre alt wurde, ist in diesem Jahr bei den Festspielen in Salzburg eine eigene Reihe gewidmet. Seine düsteren Lieder für zwei gemischte Chöre, entstanden von 1980-1994, nach nicht minder düsteren Gedichten verschiedener russischer Dichter*innen sind heftige expressive Klangbilder zwischen flächig-oszillierender Betrübnis und bitterer, aufschreiender Anklage.

    „Es ist langweilig, ist traurig…“, so beginnt das erste Lied nach einem Text von Michail Lermontow und es endet mit „und das Leben, blickst du um dich kalt und aufmerksam, ist so ein dürrer und dummer Scherz.“ Optimismus und überschäumende Lebensfreude sind hier nicht zu erwarten. Ist es also doch pessimistische Düsternis, die die russische Befindlichkeit im Allgemeinen und hier im Besonderen kennzeichnet? Zumindest sind die Russen an Leid gewöhnt und das schon sehr lang. Deshalb verkraften sie vielleicht auch ihre Gegenwart so gut.

    Doch nur resignativ sind sie nicht, nicht in diesen Liedern und auch nicht in Kurtágs Musik. Immer wieder bricht sich Widerstand und Aufbegehren Bahn. Die Chorpartitur ist unendlich vielschichtig und vielstimmig aufgefächert (bis zu 20 Stimmen), extrem schwer zu singen und enorm faszinierend in ihren verblüffenden Wechseln des Charakters und der klanglichen Zuspitzungen – auch Flüstern und Murmeln ist gefordert. Der Utopia Chor meistert das alles mit phänomenaler Präzision und Diktion – grandios. Sparsam begleitet von einem kleinen Instrumentalensemble (Utopia Orchestra).

    Das Miserere von Pärt (von 1989 bzw. 1992) dagegen ist reine Kirchenmusik mit den traditionellen lateinischen Texten, die zunächst noch viel reduzierter klingt als Kurtágs Stück. Nur eine Stimme und eine Klarinette sind anfangs zu hören. Erst im Dies irae bricht der volle Chor im Fortissimo los. Danach dann wieder reflektierende Kontemplation in Tönen. Faszinierend klar gelingen auch die madrigalesken Passagen, mit denen Pärt ganz dezidiert der Renaissance seine Referenz erweist. Wieder begeistert und verblüfft der Utopia Chor mit seiner geradezu magischen klanglichen Prägnanz. Wie Klangskulpturen stellen die Sängerinnen und Sänger die Klänge in den riesigen Kirchenraum, scharf konturiert, perfekt modelliert, von geradezu überwältigender Wirkung. Currentzis leitet das mit suggestiver Gestik, wobei freilich die Hauptarbeit durch den Chormeister Vitaly Polonsky lange Zeit davor erledigt wurde. Seit Januar hat der Chor an dem Programm gearbeitet, konnte man erfahren.

    Danach zieht der Chor mit Kerzen und zu den ausgedünnten Klängen einer Antiphon aus dem 9. Jahrhundert von der Bühne – wie am Anfang ein einstimmiger Gesang von Perotin zu hören war. Und dann wieder nur die Glockenschläge…und ein wenig zögerlich-zaghafter Applaus.

    Die h-Moll-Messe mit Vox luminis

    Tages darauf wurde die Ouverture spirituelle mit einem der bedeutendsten spirituellen Werke der gesamten Musikgeschichte fortgesetzt, Bachs h-Moll Messe. Auch wenn das Werk natürlich nur aus Highlights besteht, war es doch das abschließende Dona nobis pacem, das in unserer von sinnlosen Kriegen beherrschten Gegenwart einen ganz besonderen Eindruck hinterließ. Die Homogenität und Innigkeit der Stimmen des belgischen Vokalensembles Vox luminis unter ihrem Gründerleiter und Sänger Lionel Meunier erreichte hier einen Höhepunkt.

    Vox luminis Foto: SF/Marco Borrelli

    Doch nicht alles war gleichermaßen gelungen in dieser Interpretation von Bachs rund zweistündiger XL-Messvertonung. Die Soli wurden durch Chorstimmen besetzt und waren mitunter nicht wirklich überragend zu nennen. Eigentlich sollte man bei diesen Festspielen mit wirklich fantastischen Stimmen rechnen können. Davon war die Aufführung weit entfernt (etwa im Duo Et in unum). Und auch das Orchester blieb vergleichsweise gestaltlos, spielte eher beiläufig geläufig,  ohne weitere Gestaltung und Akzente (es wird noch nicht einmal mit Namen genannt, den es vielleicht gar nicht hat, es ist wohl einfach die Begleitcombo für Vox luminis). Wieviel Meunier mit ihnen überhaupt am instrumentalen Part gearbeitet hat? Zu loben waren allerdings die Trompeten mit ihrem feinen, gar nicht scheppernden Klang!

    Mehrere Male ließ Meunier viel zu schnell singen und spielen. Eklatantestes Beispiel dafür war das völlig verhetzte Sanctus, dessen grandiose Klangarchitektur vor lauter Hektik überhaupt nicht zur Entfaltung kam. So gab es einige Nummern, die den Geist und die Dramaturgie der Musik nicht deutlich werden ließen – etwa auch das grandiose Confiteor mit dem cantus firmus. Man vergleiche das nur einmal mit den Bach-Interpretationen des phänomenalen englischen Vokal- und Instrumentalensembles Solomon’s Knot, die die ganze h-Moll-Messe auswendig singen (und auch alle anderen Programme) – die Soli wie die Chornummern. Wie hier in jedem Takt sinnfällig phrasiert wird im Chor wie im Orchester, solistisch und instrumental, Höhepunkte sinnfällig und klangschön gestaltet werden – ohne äußerlichen Effekt – das ist derzeit schwerlich zu überbieten.

    Warum bei Vox luminis die Solisten immer noch mit den Noten in der Hand auftreten, während sie in der Oper alles auswendig singen, bleibt ein Rätsel – oder ist es einfach nur unhinterfragte unsinnige Konvention. Der Münchner Bass Sebastian Myrus war der überzeugendste Solist dieses Vormittags.

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    20. Juli 2026/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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