Eröffnung des 75. Nürnberger Musikfests ION
Engelszungen und Farinelli
Das Eröffnungskonzert des 75. Nürnberger Musikfests ION bot drei herausragende Ensembles in einem Wandelkonzert
Von Robert Jungwirth
(Nürnberg, 19. Juni 2026) Als in Nürnberg 1951 die ersten Nürnberger Orgelwoche stattfand, war die Stadt noch zum Teil ein Trümmerfeld. Der Zweite Weltkrieg mit seinen apokalyptischen Zerstörungen war gerade mal sechs Jahre vorüber. Ende 1950 hatte man erst 53 Prozent der zerstörten Häuser beseitigt. Die drängendsten Probleme waren selbstverständlich nicht die Erneuerung des Kulturlebens in dieser Stadt, sondern der Wiederaufbau und zuallererst die Versorgung der Bevölkerung. Aber trotz oder vielleicht sogar wegen der schlimmen Situation hat man sich damals zur Durchführung eines Festivals mit alter, kirchlicher Musik entschieden, die in den großartigen Kirchen Nürnbergs für die Menschen erklingen sollte. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, selbst wenn er davon wenig hat.
Aber auch der Hunger nach Kultur kann – gerade in krisenhaften Zeiten – für die Menschen groß sein. Nach der Entwertung aller Werte durch die Nazis konnte die Kultur, die Musik sinnstiftend zu wirken, neue Gemeinschaften bilden – nach dem Missbrauch der Gesellschaft durch eine menschenverachtende Ideologie. Ob die ION wirklich Europas ältestes Musikfestival für Alte Musik ist, wie zur Eröffnung der diesjährigen Festivals behauptet wurde, steht dahin. In jedem Fall sind ihre 75 Jahre eine stolze Zahl und ein Grund zum Feiern.
Das tat man denn auch mit einer 3×3-teiligen Eröffnungsfeier, bei der das Publikum mit einem Ticket drei Konzerte von drei Ensemble hören konnte. Dabei spielte jedes Ensemble sein ca. einstündiges Programm mit Pausen dreimal hintereinander. So konnte eine große Zahl an Interessierten zu den insgesamt neun Konzerten an die drei Veranstaltungsorte Sebalduskirche, Rathaussaal und St. Egidien kommen.
Dazwischen versorgte die ION ihre Gäste mit einem großzügigen Angebot an kostenfreien Snacks und Getränken. Was für eine schöne Idee und Geste. So konnte man sich in den Konzertpausen an diesem sehr warmen und schönen Sommerabend im schattigen Hof des Rathauses aufs Angenehmste für das nächste Konzert stärken.
Im Zentrum aber stand natürlich die Musik, die von drei Spitzenensembles geboten wurde. Da war das erstklassige englische Vokal- und Instrumentalensemble Solomon’s Knot, das sich seit mehreren Jahren in der Szene einen herausragenden Namen gemacht hat, mit seinen auswendig in kleiner Besetzung gesungenen Bach-Kantaten, Oratorien von Bach oder Händel. In Nürnberg waren es die Bach-Kantaten „Gott fähret auf mit Jauchzen“ und „Es erhub sich ein Streit“, die zu hören waren. Während erstere einen vielfältigen Jubelgesang mit Pauken und Trompeten zur Illustration der Himmelfahrt Jesu anstimmt, mit farbig ausgestalteten Arien im Tenor und Sopran, beeindruckt die zweite mit kämpferischer Gestik in Michaels Drachenkampf und einer ergreifenden seelenvoll-innigen Tenor-Arie mit Trompetenbegleitung wie Engelszungen (ein großes Kompliment an die fantastische Trompeterin Fruzsina Hara!).
Bei Solomon’s Knot singen die Mitglieder sowohl chorisch als auch solistisch. Ganz herausragend waren die beiden Tenöre Thomas Herford und Gwilym Bowen, aber auch der glockenrein-strahlende Sopran von Zoe Brookshaw ist immer wieder eine Ohrenweide. Man weiß nicht, wen man hier mehr loben soll, die akzentuiert und dennoch so überaus geschmeidig spielenden Musiker oder die phantastischen Sänger, die jede Phrase zu einem Ereignis machen aber ohne alles Überagieren oder gar Forcieren. Aber genau diese Unterscheidung ist bei Solomon’s Knot eben auch gar nicht nötig, weil Orchester und Sänger eine traumwandlerisch sichere Einheit bildet. Alle singen und spielen die Musik aus dem gleichen Geist und Verständnis heraus, mit einem gemeinsamen Atem und Diktion. Und auch die Nürnberger Besucher – wo das Ensemble erstmals auftrat – waren vom Fleck weg begeistert und dankten mit Standing Ovations.

ION Eröffnungsnacht: Maayan Licht Männersopran Foto: Valeska Rehm
Auch im nächsten Konzert kam man aus dem Stauen schier nicht heraus. Der aus Israel stammende Sopranist Maayan Licht versetzte sein Publikum mit seiner atemberaubenden Gesangskunst schier in Exstase. Opernarien von Händel, Porpora oder Vivaldi sprudelten nur so aus seiner Kehle heraus, ausgeschmückt mit an- und abschwellenden Koloraturen, gewaltigen Intervallsprüngen im piano und aberwitzigen Verzierungen aller Arten. Diese Art von Gesang kommt vermutlich recht nah an die legendären Gesangskünste der barocken Kastraten-Sänger wie z.B. Farinelli heran. Licht sang auch die Arie „Son qual Nave“ aus der Feder des Bruders Farinellis Riccardo Broschi, die der für seinen Bruder komponiert hat. Wer sich an den Film „Farinelli“ erinnert (etwa vor 20 Jahren kam er heraus), erinnert sich vielleicht auch an diese Arie. Für den Film hat man sie damals von zwei Sängern, einem Countertenor und einer Sopranistin, aufnehmen lassen und im Studio miteinander verschmolzen – das Ergebnis war durchaus beeindruckend und kann auf CD nachgehört werden.
Damals gab es noch niemanden, der als Mann das allein bewältigt hätte. Jetzt gibt es Maayan Licht. Unterstützt wurde er vom virtuos aufspielenden (oh!) Orkiestra unter der Leitung der Geigerin Martyna Pastuszka, die auch mit einem Vivaldi-Konzert brillieren durfte. In Händels Sturm-Arie „Da Tempeste“ präsentierte eine kokette Stimmakrobatik nebst Pfeifkonzert. Aber bei aller Show, die Licht seinem Publikum gewährt, bleibt er gekleidet in einen eigenwilligen pompösen Kimono musikalisch erfreulicherweise doch sehr auf die stilistischen Notwendigkeiten fokussiert und opfert diese nicht einer eitlen Selbstdarstellung. Ein so schlank und zurückgenommen-konzentriertes „Lascia Ch’io Pianga“ z.B. hört man nur sehr selten.
Den dritten Programmpunkt an diesem Abend mit dem amerikanischen Vokalensemble Canticleer konnte der Autor dieser Zeilen leider nicht mehr hören – der Zug zurück wollte erreicht werden.
Gottseidank hat der Bayerische Rundfunk keine Mühen gescheut und drei Kamerateams in die drei Säle geschickt und alles aufgenommen und per Livestream übertragen. Die Konzerte lassen sich auch in der ARD-Mediathek nachhören und -sehen. Außerdem sendet sie das BR-Fernsehen am 26.7. (Solomon’s Knot), 2.8. (Mayaan Licht) und am 9.8. (Canticleer) jeweils um 10.15 Uhr.



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