Rossinis Tancredi an der Oper Rom inszeniert von Emma Dante
Ein sizilianisches Puppenspiel
Altus Carlo Vistoli singt die Hauptrolle und Star-Regisseurin Emma Dante bietet eine märchenhafte Inszenierung von Gioachino Rossinis „Tancredi“ am Opernhaus Rom
Von Thomas Migge
(Rom, 19. Mai 2026) Die aktuelle Neuinszenierung von Gioachino Rossinis „Tancredi“ am Teatro dell’Opera di Roma bricht mit Traditionen. Die Produktion führt die sizilianische Regisseurin Emma Dante mit dem ausgewiesenen Rossini-Spezialisten Michele Mariotti am Dirigentenpult zusammen und setzt auf das selten gespielte tragische Finale dieser Oper.
Die international bekannte Regisseurin Emma Dante inszeniert Rossinis „melodramma eroico“ nicht als historisches Schlachtengemälde, sondern erschafft eine allegorische Welt. Dante nutzt dafür die Bildsprache des traditionellen sizilianischen Marionettentheater, der Opera dei Pupi. Bemalte Prospekte wie in einem Theater des 18. und 19. Jh. und farbenfrohe, stilisierte Kulissen dominieren die Bühne. Das verleiht der historisch komplizierten Rittergeschichte um zwei verfeindete Familien im sizilianischen Siracusa eine märchenhafte, aber auch künstlerische Dimension.
Die Inszenierung fokussiert sich auf die Unmöglichkeit der Kommunikation und die zerstörerische Kraft von absolutem Stolz und Eifersucht. Die Protagonisten agieren oft wie starr gesteuerte Marionetten, Opfer ihrer gesellschaftlichen und familiären Verpflichtungen. Szenenweise erscheinen die Sänger mit langen Bändern an den Armen, wie Marionetten.
Statt des ursprünglichen venezianischen Happy Ends wählte man in Rom die düstere Fassung. Tancredi stirbt nicht im triumphalen Glanz, sondern erliegt einsam seinen Verletzungen, während sich die Musik zu einem radikal leidenden Streicherklang hinarbeitet. Dante inszeniert dieses Sterben als intimes, schmerzvolles Kammerspiel inmitten von kargen Kriegskulissen.
Musikalisch bietet die Produktion eine historische Besonderheit bei der Besetzung der Titelpartie. Die Hosenrolle des Tancredi wird nicht wie üblich von einem Mezzosopran, sondern von einem Altus gesungen. Carlo Vistoli meistert seine stimmlich anspruchsvolle Rolle mit stupender Geläufigkeit. Seine kräftige und harmonische Stimme besitzt eine ungewöhnliche dramatische Durchschlagkraft in der Mittellage und eine glasklare, schwebende Höhe. Besonders im tragischen Final-Monolog gelingt ihm durch ein hauchzartes, verinnerlichtes Piano eine zutiefst berührende Darstellung des sterben Helden.
Martina Russomanno verkörpert die zu Unrecht des Verrats bezichtigte Amenaide mit jungeidlich-dramatischem Elan. Ihre Sopranstimme überzeugt durch sichere, messerscharfe Koloraturen in den Ensembles und eine warme ausdrucksstarke Phrasierung in den großen Klagearien. Die Duette mit Vistoli gehören durch die perfekte stimmliche Verschmelzung zu den musikalischen Höhepunkten der Inszenierung. Antonio Siragusa als Argirio ist ein erfahrener Rossini-Tenor. Sicherlich bewältigt seine metallische, höhensichere Stimme die halsbrecherischen Sprünge und die gefürchteten Belcanto-Verzierung mit technischer Souveränität, doch sein Timbre wirkt in den dramatischen Momenten bisweilen zu scharf. Luca Tittolo als Orbazzano hingegen brilliert mit seiner tiefen, autoritär anmutenden Bass-Stimme. Seine Stimme verleiht den Konflikten der verfeindeten Clans die nötige Bedrohlichkeit.
Dirigent Mariotti überzeugt am Pult des Orchestra del Teatro dell’Opera einmal mehr durch sein Talent im Rossini-Repertoire. Er meidet bewusst jede vordergründige, rein mechanische Interpretation, wie man sie oft bei Rossini-Opern zu hören bekommt. Stattdessen setzt er auf ein extrem feinsinnig austariertes Klangbild. Das Orchester interpretiert die rhythmische Finesse der Partitur sehr elegant und erzeugt im minimalistischen Finale eine fast schon existentielle, atemlose Stille im Zuschauerraum.





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