Die 39. Raritäten der Klaviermusik in Husum
Unter dem Sahnehäubchen
Die Raritäten der Klaviermusik im Schloss vor Husum sind seit bald 40 Jahren ein herausragendes Festival abseits des Mainstreams mit fantastischen Entdeckungen und Interpreten
Von Elisabeth Richter
(Husum im August 2025) Es gibt kaum ein Festival, dessen Konzept in den fast vierzig Jahren seines Bestehens so unveränderlich, im positivsten Sinne „konservativ“ ist und trotzdem immer wieder Neues bietet: Die Raritäten der Klaviermusik in Husum. Die Klavier-Literatur ist wie ein Ozean mit unermesslichen, ungeahnten Tiefen. Was in den weltweiten Recitalen Saison pro Saison erklingt, ist jedoch nur die kleine Spitze eines Eisbergs oder so etwas wie ein Sahnehäubchen: Beethoven, Chopin, Brahms, Liszt und andere große Namen. Doch was sich unter dem Sahnehäubchen angesammelt hat, rechts und links der ausgetretenen Pfade des weltweiten, immer wiederholten Mainstream-Einerleis, das, was durch die Maschen der Musikgeschichte fiel, daher nicht bekannt ist und nie oder fast nie gespielt wird, das wollte der Berliner Pianist Peter Froundjian einem interessierten Publikum bieten, als er 1987 sein Festival im Schloss vor Husum ins Leben rief. Sein Konzept hat sich bis heute bewährt, und dennoch gibt es Jahr für Jahr staunenswerte, qualitätvolle Raritäten zu entdecken, bei denen man sich fragt, warum dieser Komponist, diese Komponistin, dieses Werk nicht bekannt sind.
Einer war in diesem Jahr ein gewisser Carl Baermann jr. (1839-1913), Pianist, Komponist und Sohn eines gleichnamigen deutschen Klarinettisten, Komponisten und Mendelssohn-Freundes. Er ging 1881 in die USA und wurde dort beispielsweise der Lehrer von Amy Beach. Selbst Raritäten-Gründer Peter Froundjian kannte Baermann jr. nicht, ließ sich aber nach Durchsicht der Noten sofort von dem britischen Pianisten Daniel Grimwood überzeugen, einige Werke von Baermann in Husum zu präsentieren. Mit den fünf pianistisch hochanspruchsvollen und auch kompositorisch klug und zwingend geschriebenen Etüden aus Op. 4 und einer Polonaise pathétique (1913) bewies Daniel Grimwood, dass er hier einen wirklichen Schatz gehoben hatte. Attraktive-wirkungsvolle Stücke, die gut und gern einmal alternativ zu einer Chopin-Etüde präsentiert werden könnten.
Dazu kam die Eleganz von Grimwoods Spiel, seine pianistische Souveränität und atemberaubende Leichtigkeit, mit der er nicht nur für Baermann jr. eine Lanze brach. Ähnlichen Charme hatten auch einige kurze Werke von Adolph von Henselt. Grimwood spielte mit wunderbar agogischer Freiheit und erlaubte sich zwischen den Stücken eigene, stilistisch gekonnte, improvisatorische Überleitungen.
Nicht alle Raritäten sind Meisterwerke, die sich mit den allergrößten Werken vergleichen lassen. Darum geht es bei den „Raritäten“ auch nicht. „Die Musik, mit der wir uns normalerweise umgeben, die bekannten Werke, das sind im Grunde genommen die absoluten Ausnahmen, die sind ja nicht von dieser Welt“, sagt der Pianist Herbert Schuch, der in diesem Jahr sein Husum-Debüt gab. „Aber zu schauen, wo ist eigentlich der Nährboden, auf dem so etwas entstehen konnte, das finde ich spannend.“
Die großen Komponisten der besagten „Sahnehäubchen“ waren zwar meist Genies mit visionären, mit außergewöhnlichen Ideen, aber sie haben diese auch aus den sie prägenden Traditionen entwickelt. Schuch hatte beispielsweise die „Grande Sonate g-Moll Op. 39“ des jung verstorbenen Beethoven Zeitgenosse Anton Eberl (1765-1807) im Programm. Ein Vorschlag von Festival-Leiter Peter Froundjian.
Schuch studierte sie speziell für Husum ein: „Es ist interessant zu sehen, was einen Beethoven von Eberl unterscheidet.“ 1806 wurde die Sonate komponiert. Einige Gemeinsamkeiten von Beethoven und Eberl sind ohrenfällig. „Es gibt Passagen, wo man denkt, oh das ist jetzt wirklich Beethoven, da zitiert er quasi Beethoven, bewusst oder unbewusst, das weiß ich nicht. Er nähert sich Beethoven an, rein haptisch fühlt es sich oft eher nach Mozart an.“ Eberl habe viele spannende Ideen, beispielsweise thematisch den langsamen Mittelsatz im Finale noch einmal aufzugreifen, aber manchmal sei er zu ausufernd, so Schuch. „Das ist, glaube ich, Musik für den Moment, die man im Moment genießen kann, aber wenn man sie dann auf Herz und Nieren prüft, wenn man viel an so einer Musik arbeitet, dann fällt einem doch auf, dass vieles nicht ganz so elegant und gut austariert ist.“
Dennoch: Es überzeugte, wie zwingend Schuch die musikalischen Verläufe zum Sprechen brachte, wie differenziert er dynamisch und farblich gestaltete, welche Ruhe und Spannung er bei den ausladenden Melodiebögen im langsamen Mittelsatz hatte. Von diesem sprechenden Spiel profitierten auch die anderen Werke in Schuchs Programm, von Ferruccio Busoni die Toccata (1922) oder von Julius Reubke (1834-1857) die Große Sonate b-Moll (1856/7). Wir wissen nicht, welchen Weg der nur 24-jährig verstorbene Liszt-Schüler genommen hätte. Die seinem Lehrer gewidmete, ausufernde und auftrumpfende Sonate baut klar auf dessen h-Moll-Sonate auf, konnte aber, sicher dem jugendlichen Alter und der mangelnden Erfahrung des Komponisten geschuldet, noch nicht so zwingend und klar wie das Vorbild sein. Momentweise lassen visionäre, schwebende Klanglichkeiten eine mögliche Entwicklung Reubkes erahnen.
Das gängige (Mainstream-)Repertoire der großen Komponisten ist in Husum tabu. Es sei denn, es wird in ungewöhnlichen Fassungen präsentiert. So widmete sich am letzten Festival-Abend der chinesische Pianist Chiyan Wong den „Goldberg Variationen“ von Johann Sebastian Bach. Aber er spielte die um neun Variationen gekürzte Fassung von Ferruccio Busoni, die er noch mit eigenen Ideen anreicherte. Kenner des Meisterwerks werden durchaus einige Variationen vermisst haben. Am Schluss erklang in dieser Fassung Bachs Aria vom Anfang in einer stark entschlackten Form. Alle Verzierungen fehlten. Zu hören waren nur die Gerüstlinien im Bass und Sopran. So wurde das Werk gewissermaßen auf seine harmonisch-melodische Urzelle zurückgeführt. Spannend! Ebenso das delikate, plastische und farblich fein austarierte Spiel von Chiyan Wong. Eine Qualität des Pianisten, das in seinem Programm etwa auch der echten Rarität, einer „antikisierenden“ Suite des Franzosen Gustave Samazeuilh (1877-1967) zugutekam. Er hat barocke Formen wie „Sarabande“ oder „Forlane“ u. a. in ein duftendes impressionistisches Gewand gesteckt.
Am Eröffnungsabend der Raritäten der Klaviermusik widmete die italienische Pianistin Saskia Giorgini ihre ganze erste Konzerthälfte Franz Liszt, aber einer stark vernachlässigten Facette seines Oeuvres, spätere Werke aus den 1860-er bis 1880-er Jahren. „Er entspricht mit diesem Teil seines Schaffens überhaupt nicht dem Klischee, was man unter Franz Liszt immer versteht.“ Liszt habe sich, erklärt Peter Froundjian, ab einem gewissen Alter überhaupt nicht mehr darum gekümmert hat, wie seine Musik wirke. „Er fühlte sich dem Ausdruck, den er vermitteln wollte, verpflichtet. Egal ob virtuos oder nicht, ob nur Klang oder nur starre Akkorde oder Linien. Er war sehr kompromisslos.“
Saskia Giorgini spielte die anspruchsvolle, oft meditative, aber auch gelegentlich sperrige Musik ungeheuer fokussiert und mit innerer Kontemplation. Etwa bei den „5 Ungarischen Volksliedern“ oder der „Ode funèbre Le triomphe funèbre de Tasse“ tauchte sie tief in die innere Zwiespältigkeit Liszts ein und kreierte eine berührende Intensität. Saskia Giorgini sieht in dieser Musik des älteren Liszt eine Art Zwischenwelt: „Es ist ähnlich wie bei Schubert. Eine Atmosphäre zwischen der Realität und Dingen, die man nur im Kopf erlebt, eine Welt zwischen Leben und Tod. Dieses Dazwischen-Schweben finde ich sehr berührend und poetisch. Er hört nie auf zu suchen, man spürt und hört die Zweifel.“
Auch der Brite Mark Viner hatte zwei selten zu hörende spätere Liszt-Werke in seinem Recital. Sie standen jeweils am Anfang der beiden Konzerthälften, an deren Schluss wiederum zweimal Raritäten von Charles-Valentin Alkan (1813-1888) zu hören waren. Der Zeitgenosse von Liszt, Schumann, Wagner, Chopin ist leider noch immer viel zu wenig im Bewusstsein. Sein eigenwilliger, hochvirtuoser Stil hat Witz und Finesse. Da lässt Alkan zum Beispiel in seinem Nocturne Nr. 4 Op. 60b „Le grillon“ über einer sanft wiegenden H-Dur-Melodie im Sechsachteltakt in hoher Lage eine Grille zirpen. Sie wird in einem kontrastierenden, rhythmisch markanteren Mittelteil in Moll durch die tiefen Klavierregionen zum Schweigen gebracht, bis sie sich in einem dritten Teil wieder zu Wort meldet. In einer kurzen Coda scheint diese musikalische Grille zu verstummen, um dann doch mit einem hellen Zirpen das letzte Wort zu haben. Der Reichtum an Farben, die vielfältig abgestufte Dynamik und vor allem der Charme, mit dem Mark Viner nicht nur dieses so verschmitzt intelligente Stück spielte, war schlicht faszinierend.
Dazu kamen, etwa bei den abschließenden „Trois petites fantaisies“ Op. 41 von Alkan, rhythmische Präzision, brillante Artikulation und atemberaubende, aber nie auftrumpfende Virtuosität. Mark Viners Recital – u. a. auch mit Werken von Cécile Chaminade und Ignaz Paderewski – zählte zu den Highlights der diesjährigen Raritäten-Woche in Husum.
Peter Froundjian hat in den fast 40 Jahren, die er das Festival leitet, selbst nie die Entdeckerfreude verloren, er probiert gern Neues aus und lädt immer wieder auch von ihm entdeckte Pianistinnen und Pianisten ein. So debütierten in diesem Jahr die Französin Aline Piboule mit einem französischen Schwerpunkt – darunter Stücke von Guy Ropartz und Jean Cras – und der junge Ukrainer Illia Ovcharenko. Er stellte die ukrainischen Komponisten Bortkiewicz, Levko Revutsky und Boris Ljatoschinsky vor, hatte aber auch eine Rarität des jungen Robert Schumann im Programm: Etüden in Form freier Variationen über ein Thema von Beethoven WoO 31.
Die 39. Ausgabe der Raritäten der Klaviermusik in Husum brachte acht hochspannende Klavierabende, jeder mit einer eigenen Note, mit besonderen, unerwarteten Raritäten. Zwei weitere Beispiele dafür sind etwa eine Humoreske von Otilie Suková, der Tochter Dvořáks, sowie die wenig bekannten Klavierstücke aus Op. 72 von Tschaikowsky – beide von dem Schweden Roland Pöntinen dargeboten.
Im kommenden Jahr steht das 40. (Jubiläums) Festival an. Der kanadische Virtuose Marc André Hamelin ist angekündigt, der wichtigste und häufigste Gast der frühen Husumer Raritäten-Jahrgänge. Es soll ein besonders Festival werden, verspricht Peter Froundjian. Man darf gespannt sein, welche Schätze sich dann unter dem Sahnehäubchen finden werden.





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