Currentzis mit Schostakowitsch und Mahler in Salzburg
Domestizierter Extravaganz
Ein Konzert im Großen Festspielhaus bringt Schostakowitsch und Mahler zusammen – Teodor Currentzis erweist sich wieder einmal als charismatischer Dirigent
Von Joachim Lange
(Salzburg, 18. August 2025) Es gibt Ähnlichkeiten und Verwandtschaften in der Musik, die verblüffen, wenn man sie hört. Obwohl man das gar nicht so ohne weiteres annehmen würde, trifft das zum Beispiel auf die großen Symphoniker Dmitri Schostakowitsch und Gustav Mahler zu.
In der Reihe „Orchester zu Gast“ haben Teodor Currentzis und sein Utopia Orchester, zusammen mit dem Pianisten Alexander Melnikov und der Sängerin Regula Mühlmann im Großen Festspielhaus mit Schostakowitschs Konzert für Klavier und Orchester Nr.2 F-Dur op. 102 und der Symphonie Nr. 4 G-Dur für Sopran und Orchester von Mahler diese Koinzidenz eindrucksvoll und mit sozusagen ernstem Witz belegt.
Schostakowitschs zweites Klavierkonzert ist 1957 in Moskau uraufgeführt worden. Zu einer Zeit also, wo der immer latent gefährdete Komponist den Koffer, den er in der Stalinzeit gepackt bereit hielt, nicht mehr griffbereit haben musste. Komponiert hat er das Stück für seinen Sohn Maxim – das erste Mal erklang es zu dessen 19. Geburtstag! Eine väterliche Mischung aus Herausforderung und freundlicher Ermunterung merkt man dem Stück ohne weiteres an und erfreut sich daran; vor allem, wenn immer wieder mal die rhythmischem Pferde mit ihm durchgehen oder er mit Schalk im Nacken fröhlich drauflos parodiert – auch Berühmtheiten wie Rachmaninow.
Die Vierte Symphonie von Mahler war 1901 in München das erste Mal zu hören. Mahlers Affinität zum Vokalen bei seinen Kompositionen mündet hier im Sopransolo des vierten Satzes. Das beginnt mit der Zeile „Wir genießen die himmlischen Freuden“ aus Des Knaben Wunderhorn.
Es ist der Sensibilität von Currentzis zu danken, dass die Sopranistin Regula Mühlemann mit ihrer Stimme wie ein Soloinstrument durchdringt und mit Innigkeit berührt. Da mögen die Bläser zuweilen noch so überdeutlich pointiert aufblitzen.
Überhaupt dieser Dirigent. Nicht mehr ganz so ausgeflippt wie einst, aber doch von elektrisierender Jungendlichkeit. Mit domestizierter Extravaganz, die mittlerweile fast schon bescheiden wirkt, moduliert er die Musik mit ganzem Körpereinsatz. Manchmal so plastisch, dass man auch als Nichtmusiker hört, was man sieht, versteht was er meint. Das ist ein Vergnügen der besonderen Art. Schon, weil man als Zuschauer am Ende eh nur den virtuos glänzenden, mitreißenden Teil seiner Arbeit mit den Musikern sieht.
Der Grieche mit dem von vielen attackierten russischen Pass ist ein Virtuose am Pult mit einem eigenen Showwert, der gleichwohl nicht wie eitler Selbstzweck wirkt. Da badet einer in den Klängen, die er erzeugen lässt, lockt sie, lässt sich hineinfallen, kann sie bis an die Hörbarkeitsgrenze abdimmen und dann aber mit Karacho und auf den Punkt ausbrechen lassen.
Und die Musiker seines vor drei Jahren neu formierten Orchesters Utopia folgen ihm willig, niemand von ihnen macht den Eindruck als würde ein entrücktes Genie die Peitsche über ihren Häuptern kreisen lassen.
Und so bekommt der ganze Abend verspielte Leichtigkeit, hat Witz und dennoch Tiefe. Auch die beiden Zugaben, mit denen die Solisten noch mal glänzen können, setzen nicht einfach einen Knalleffekt, sondern komplementierten mit Maß und Ruhe.
Als Zugabe verabschiedete sich Melnikov im ersten Teil mit dem romantisch einschmeichelnden Poème op 32/1 von Alexander Skrjabin. Während man hier dankbar für die Ergänzung auf der Festspiel-Homepage war, bedurfte es bei der Zugabe, die die Sopranistin Regula Mühlemann gab, wohl kaum der Erläuterung. Sie ließ mit Morgen Op27/4 von Richard Strauss ihren Sopran aufblühen – auch hier von Currentzis geradezu liebevoll begleitet.
Es spricht für die gelassene Souveränität der Festspiele, dass sie an diesem Dirigenten festhalten und nicht jenen Stimmen folgen, die ihm übel nehmen, dass er sich das Recht herausnimmt, die aktuelle Politik der russischen Führung nicht zu kommentieren. Im Westen ist es für manche schwer erträglich, wenn Künstler sich nicht mit Bekundungen in den Tonfall des politisch herrschenden Mainstreams einreihen und einfach „nur“ mit ihrer Kunst reden. (Man nehme nur die verkrampften Versuche, einiger Rezensenten, die „Schneesturm“-Inszenierung von Kirill Serebrennikov als etwas zu interpretieren, das sich gegen Putins Russland richtet. Dabei ist Serebrennikov ein bekennender Putin-Gegner, aber eben auch ein bedeutender autonomer Künstler, der in seinen Arbeiten keiner Plakataktionen bedarf.)
Currenztis wird zum Ausklang der Festspiele auch noch mit zwei konzertanten Aufführungen von Rameaus „Castor et Pollux“ in der Felsenreitschule zu erleben sein.
DMITRI SCHOSTAKOWITSCH
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 F-Dur op. 102
PAUSE
GUSTAV MAHLER
Symphonie Nr. 4 G-Dur
ZUGABE
ALEXANDER SKRJABIN
Poème op. 32/1
RICHARD STRAUSS
Morgen op. 27/4
INTERPRETEN
Regula Mühlemann Sopran
Alexander Melnikov Klavier
Utopia
Teodor Currentzis Dirigent





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