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    Ballettabend Sphären 03 in München

    Opern- und Konzertkritiken

    Tanz die Gertrude Stein

    Mit Sphären 03 gelingt dem Bayerischen Staatsballett ein grandioser fünfteiliger Ballettabend, der von dem Choreographen-Duo Sol León und Paul Lightfoot kuratiert und mitgestaltet wurde

    Von Robert Jungwirth

    (München, 28. Juni 2025) Wenn ein vierseitiger Programmheftartikel ein etwa 4-minütiges Tanzstück meint erklären zu müssen, dann ist Skepsis angebracht. Vor allem wenn der Text jedermann geläufige Wendungen wie „dekontextualisierte oder rekontextualisierte Wörter“ verwendet oder von Evokation und Intersubjektivität salbadert. Geht`s vielleicht noch ein bisschen akademischer?

    Man war also auf einiges gefasst für „Shutters Shut“ von Sol León und Paul Lightfoot öffnete. Doch oh Wunder, wenn der Vorhang aufgeht, ist plötzlich alles klar – auch für die, die die staubige Abhandlung nicht gelesen haben. León und Lightfoot haben den experimentellen Sprach- und Sprechwitz des Gedichts „If I Told Him“ von Getrude Stein in eine furiose Tanzperformance für zwei Tänzer*innen übersetzt. 2003 kam das Stück beim Nederlands Dance Theater heraus. Getanzt wird aber nicht etwa zu einer hinzugefügten Musik, sondern zur Originalrezitation Gertrude Steins.

    Dass es dabei irgendwie um Picasso geht, ist ein ebenso relativ unwichtig. Wichtiger ist, wie die beiden Choreographen den graphisch zersplitterten Text in virtuose, dem Sprach- und Sprechrhythmus exakt entsprechende Gesten und Bewegungen transformieren und dabei den Witz der Wortwiederholungen durch die nicht minder zersplitterten Bewegungen sogar noch steigern. Das ist atemberaubend und von umwerfendem Witz. Carollina Bastos und Ariel Merkuri –  weiß geschminkt mit roten Lippen in schwarzen, futuristischen Trikots – werden dafür zurecht vom Publikum minutenlang gefeiert. Ein sensationelles Stück, das man sich am liebsten gleich noch einmal angesehen hätte.

    Davon gab es beim fünfteiligen Ballettabend aus der Serie Sphären beim Bayerischen Staatsballett tatsächlich gleich ein paar. Vor allem das Schlussstück mit dem Titel „Subject to change“ ebenfalls von León und Lightfoot. In ihm zeigen die beiden eine existenziell dringliche Paraphrase von Schuberts „Der Tod und das Mädchen“, die auf eigene Erfahrungen mit der schweren Krankheit einer Freundin während der Arbeit an dem Stück zurückgehen.

    Im Grunde beherrscht natürlich ein einziger inniger pas de deux von Tod und Mädchen die Szene. Doch wird die Szene von vier Helfern immer wieder spektakulär verändert. Die beiden Protagonisten tanzen auf einem großen roten quadratischen Teppich, den die vier Helfer drehen und wenden und so zu einem Sinnbild unseres Lebens auf schwankendem Boden machen. Das alles natürlich zur Musik Schuberts – hier in der Orchesterversion von Gustav Mahler, die noch ein wenig eindringlicher ist als das Original. Mit markanten, intensiven Bewegungen wird das Thema im Tanz anschaulich ohne dabei bemüht oder gar kitschig zu wirken. Großartig getanzt von Laurretta Summerscales und Jakob Feyferlik.

    Das Eröffnungsstück des Abends ließ noch nicht wirklich erkennen zu welchen Höhen sich das Programm aufschwingen würde. „Seeking the truth“ von Pau Aran Gimeno wirkt zu technoid-farbloser Musik ähnlich farblos und beliebig – auch wenn uns das Programmheft darüber aufklärt, dass sich das Stück „mit abstrakt-kompositorischen Mitteln den Zuständen von Frustration, Uneinigkeit, dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und dem Gefühl der Ablehnung beschäftigt“. Zu sehen ist davon leider nichts. Dafür rhythmisierte Gruppenbewegungen, die technisch perfekt und hübsch anzusehen sind. Aber reicht das für ein Tanzstück mit Anspruch?

    „Still after“ von Eliana Stragapede und Borna Babic dagegen ist ein spannendes Stück über das Thema Erinnerung und wie wir damit umgehen – laut Text. Auf einem fantastisch gestalteten, von Erosion gezeichneten Sandsteinfelsen liegt ein Tänzer wie weiland Prometheus. Aus einem anderen Felsen schält sich eine Tänzerin heraus und fließt über den gezackten Felsen in schlangenartigen Bewegungen dem Tänzer entgegen. Eine durchaus innige Beziehung zwischen beiden beginnt und hierlässt am Ende – wenn die Tänzerin wieder verschwindet – einen Abdruck im Fels. Enorm beeindruckend Marina Mata Gomez, aber auch ihr männliches Pendant Pablo Martinez.

    Als drittes ganz großes Highlight dieses Abends darf man die ungemein innige und anrührende Liebesgeschichten zweier Paare in Dimo Milevs „In Fragments“ zur Muik von Brambles werten. Dani Gibson, Clark Eselgroth, Nikita Kirbitov und Sabrina Yap begeistern hier mit Slow-Motion-Intensität und berückender Körperspannung. Ein großartiger Abend!

    Noch zu sehen am 30. Juni – „Subject to Change“ und „Shutters Shut“ sind nächstes Jahr im Rahmen von Konstellationen wieder zu sehen.

    30. Juni 2025/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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