Sehenswerte Rockoper Adam in Halle
Wohin gehst Du, Adam?
Henrik Bierwirth, Partic Seibert, Fabrice Bollon und alle Mitwirkenden verschaffen der Oper Halle mit der „Rockoper“ „Adam“ eine spektakulären Spielzeit-Höhepunkt
Von Joachim Lange
(Halle, 21. Juli 2025) Einer solchen Punktlandung mitten in die tagesaktuellen Meldungen aus dem Nahen Osten hätte es gar nicht bedurft. Wenn nicht gerade schon der Begriff Drecksarbeit in Verruf geraten wäre, könnte man es Volltreffer nennen. Retrospektive Zeitgenossenschaft hätte es auch getan. Das ist kein Einwand gegen Henrick Bierwirths „Adam“, sondern gegen die Welt, die ihn zu seiner „Rockoper“ inspiriert hat..
Wenn auf den gut dosiert eingebauten KI-Videos von Marc Bierwirth, US-Soldaten in der Wüste auf eine Mine fahren, einer von ihnen getötet wird und die Truppe dann ein ganzes Dorf auslöscht, gewinnt das angesichts der Meldungen vom Wochenende eine furchterregend seherische Dimension. Da mogeln sich vorm inneren Auge die Kassandra-Rufe ganz von selbst zwischen die Musiknummern.
Adam ist ein junger Amerikaner. Jahrgang 1989, aufgewachsen auf einer Basis der US-Army in Deutschland. Dass die Probleme seines Vaters von dessen Job als Drohnenpilot herrühren, weiß er nicht. Die Kindheit in Deutschland zwischen den Kulturen empfindet er als glücklich. Als seine Mutter nach dem plötzlichen Verschwinden des Vaters mit ihm in die USA zurückgeht, findet er dort keinen Anschluss. Erst die Army liefert ihm „Orientierung“ für sein Leben (so ähnlich wie von US-Vize Vance in seiner autobiographischen „Hillbilly-Elegie“ beschrieben). Bis zu jener Patrouillenfahrt bei einem Nahost-Einsatz. Die hat für Adam traumatisierende Folgen, weil sich herausstellte, dass in dem ausgelöschten Dorf niemand etwas mit der Miene zu tun hatte. Die Vorgesetzten bügeln das weg.
„Ich hatte davon gehört, dass Soldaten in Vietnam im Blutrausch wüteten. Hätte aber nie gedacht, dass uns so etwas passieren könnte, mit der heutigen Aufklärung und Ausbildung.“ sagt der traurige Titelheld Adam in den von Partic Seibert hinzugefügten Texten. Das Trauma bleibt und wird im Video von einem Offizier mit dem Pentagon im Hintergrund zynischen abgetan. „Trauma, Trauma. Ich weiß gar nicht, was sie damit meinen…..“ sagt Steffen Lemken in betont robustem Offizierston. Dessen sächsische Stimmfärbung verführt zu der Frage, ob das Castingzufall oder eine bewusst irritierende Fußnote ist. Adam verlässt das Militär, er geht das zweite Mal durch die Hölle, als er sich einer Krebstherapie unterziehen muss. Am Ende findet er in einer Beziehung Halt und zu sich selbst.
Das Ganze funktioniert, weil die Musik ein Volltreffer ist. Der Solotrompeter der Staatskapelle Henrik Bierwirth hat auch als Komponist und Songautor einfach den Bogen raus. Vor allem, wie man eine Band mit einem großen Streicheraufgebot der Staatskapelle mit vier Holz- und drei Blechbläsern kombiniert und daraus einen mitreißend satten Klang produziert. Er macht aus jedem der Songs oder Balladen eine überzeugende Nummer.
Gut, dass er die Coronazeit genutzt hat und dem eigenen Stern gefolgt ist. Sehr gut, dass es Patric Seibert und Philine Götz gelungen ist, das Ganze aus der Schublade auf die Bühne zu hieven. Großartig, wie GMD Fabrice Bollon und die Streicher der Staatskapelle, zusammen mit der auf der Bühne dahinter platzierten rhythmus- und tonangebenden Band (Isabelle Chenot, Henrik Bierwirth, Frank Lauber, Ralf Schneider, Ivo Nitschke und Christian Sobbe), vor allem aber die fabelhaften Protagonisten das umgesetzt haben. Der siebenköpfige Backgroundchor und die 18 jungen Choristen sind zwar vor den Musikern hinter ihren Mikrophonen auf der Bühne darstellerisch nicht überfordert, aber mit ihrem Beitrag voll da.
Verblüffend stimmstark und sicher machen sie allesamt aus ihren Songs packende Nummern. Allen voran Maximilian Wölfer als Adam, aber auch Fabian Leon Brendel als Drill Sergeant und Chief Officer, Tim Kunnig als Adams Vater und (diabolisch aufdrehender) Arzt und natürlich Victoria Meißner, Linda Rabisch und Martha Adelberg, als Adams Mutter, Freundinnen und Adams erste Beziehung – sie alle beeindrucken mit vokaler Sicherheit und Musicalprofessionalität. Vielleicht ist das Englisch des jüngeren Publikums so gut, dass sie die Texte en detail verstehen. Lohnen würde es sich jedenfalls. Aber – da ist es dann doch so ähnlich wie in der Oper – wenn die Musik ihr Recht so gekonnt behauptet, dann gilt prima la musica oder eben music first.
Dennoch bleiben Fragen. Warum kommt ausgerechnet eine so überzeugende, hausgemachte Produktion fürs junge Publikum ans Ende einer Spielzeit? Warum reicht es da „nur“ für einen knapp informierenden Flyer und nicht für Übertitel? (Die ja sonst in Halle eine eigene „Kunstform“ sind.) Obwohl auch die Szene aufs Nötigste reduziert ist, erinnert man sich bei dieser Produktion an einen Coup der Vorgänger-Intendanz zurück. Da hatte Florian Lutz mit der großformatigen Inszenierung von Sarah Nemtsows „Sacrifice“ bewiesen, dass man noch so beklemmend offene Fragen der Gegenwart auf der Opern-Bühne so verhandeln kann, dass sie ankommen und das Publikum packen. Der Vergleich ist ausdrücklich als Kompliment für alle an der aktuellen Produktion Beteiligten gemeint. Ob für „Adam“ die Genrebezeichnung Rockoper trifft, oder ob nicht Musical mit dem Zusatz oratorisch besser passen würde, ist wurscht.
„Max du bist der Beste“ hielten ein paar Fans“ über ihren Köpfen beim Schlussjubel hoch. Könnte man auch auf diese letzte Spielzeitpremiere als Ganzes beziehen. Hier hätte das beim Musical sonst oft gerne zelebrierte große Drum und Dran wirklich mal gepasst.
Auf jeden Fall: Hingehen!
Nächste Vorstellungen: am 23.08 und 25.08.2025





Wir waren zur Premiere da und es war ein unfassbares Erlebnis! Anfangs etwas skeptisch, da wir der Beschreibung recht wenig entnehmen konnten und auch kaum Werbung durch die Oper passiert ist. Das ist sehr sehr schade. Wir haben den Altersdurchschnitt zwar sehr gehoben, aber es war sehr energiegebend die ganzen jungen Musiker auf der Bühne zu sehen. Es war ein sehr sehr schöner Abend, der durch das Herzblut (gerade der Darsteller) sehr besonders wurde. Ganz besonders haben uns die Stimmen von M. Wölfer, L. Rabisch und M. Adelberg gefallen. Schade, dass die Oper nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die sie verdient. Kommet auf jeden Fall in Scharen, es wird nicht enttäuschen!
Dieses Meisterwerk in seiner Einzigartigkeit ist ein unbedingtes Muss für jeden, der sich vom kraftvollen Sound der Staatskapelle und der Band,sowie den einzigartigen Protagonisten vorallem Maximilian Wölfer als Adam verzaubern und mitreißen lassen möchte. Ein Premierenabend,wie ich ihn so noch nie erlebt habe. Ich hoffe und wünsche mir noch mehr davon. Bravo und Chapeau an alle Mitwirkenden.