Marco Balzanos Sozial-Miniaturen „Café Royal“
Marco Balzanos Lebensbilder aus der Corona-Zeit: „Café Royal“
Von Robert Jungwirth
„Das Schloss, darin sich Schicksale kreuzen“, betitelte der große italienische Schriftsteller Italo Calvino eines seiner Bücher. Bei seinem Landsmann Marco Balzano ist es ein Café, in dem sich Schicksale kreuzen. Es geht um unterschiedlichste Leute, die in der Nähe des Cafés Royal an der Via Marghera in Mailand wohnen oder arbeiten, und sich dort treffen, weil sie sich kennen oder sich dort kennenlernen. Das ganz normale Leben eben. Das allerdings durch die Corona-Krise gehörig durcheinander gewirbelt worden ist. Auch davon handelt das Buch, das zur Corona-Zeit spielt.
Es sind kurze Episoden, die Balzano zu einem Wimmelbild zusammensetzt. Auch wenn hier keine großen Dramen geschildert werden, verfügt Balzano über so viel schriftstellerischen Feinsinn, dass man als Leser gespannt den kleinen Alltagsgeschichten folgt. Ob es Bekannte von früher sind, die sich zu einer neu entfachten heimlichen Liebelei treffen, oder die Prosecco trinkenden Mütter, die ihre Töchter am Nebentisch wie Wesen aus einer anderen Galaxie beäugen – was die ja auch irgendwie sind. Oder es geht um einen Angestellten des Cafés, der einer Hippie-Aussteigerin, die unweit des Cafés in einem Zelt haust, Essen vorbeibringt und sich in sie verliebt – sie alle stehen irgendwie in Verbindung mit dem Café, das zu einem Panoptikum des menschlichen Lebens wird.
Balzano zeichnet das mit leichter Hand, wie zufällig. So entsteht ein kleines Sozialgemälde unserer Zeit, ohne großen Anspruch, aber doch mit jeder Menge Lebensweisheit angereichert allein durch die genaue Beobachtung. Ein kleines, unspektakuläres, aber doch lohnendes Buch.
Café Royal ist bei Diogenes erschienen.


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