Falstaff in Rom
Einbahnstrasse ins Triste
Tatjana Gürbaca enttäuscht mit ihrer Inszenierung von Verdis „Falstaff“ an der Oper Rom – aber auch Michele Mariotti am Pult bleibt hinter den Erwartungen
Von Thomas Migge
(Rom, 11. Oktober 2026). Es gehört zu den Paradoxien der Operngeschichte, dass Giuseppe Verdi, der Meister des melodramatischen Pathos, mit seinem letzten Bühnenwerk ausgerechnet eine Komödie hinterliess. Falstaff, 1893 uraufgeführt, ist das Resultat einer lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Musiktheater. Ein Werk von geradezu kammermusikalischer Feinheit, rhythmischer Beweglichkeit und psychologischer Durchdringung. Unter der Oberfläche des komödiantischen Durcheinanders verbirgt sich eine erstaunlich melancholische Bilanz menschlicher Eitelkeiten. Wer diese Oper inszeniert, muss ihre Leichtigkeit nicht gegen ihre Tiefe ausspielen. Mann muss beides zusammenbringen.
Die Neuproduktion des Teatro dell’Opera di Roma mit der Regie von Tatjana Gürbaca, die damit ihr Italien-Debüt gibt, scheitert vor allem an dieser Aufgabe. Die Reaktionen des Premierenpublikums, das die Regisseurin und ihr Team mit lauten Buhrufen bedachte, waren jedenfalls eindeutig.
Gürbaca versteht Falstaff als gesellschaftlichen Außenseiter in einer Welt, in der Geld, Status und Reputation dominieren. Gleichzeitig erscheint ihr Falstaff als hedonistischer Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die den Genuss diszipliniert. Als Ausgangspunkt für eine Regie ist das plausibel. Doch zwischen einer interessanten Erklärung und einer überzeugenden Theaterarbeit liegt ein erheblicher Abstand.
Die Regisseurin verlegt das Geschehen in ein heruntergekommenes Hotel und in eine Szenografie, die den öden Charme des Parkplatzes eines Beton-Shopping-Centers an einem Stadtrand hat. Das Resultat ist weniger ein kreativer Zusammenstoß von Vergangenheit und Gegenwart als eine ästhetische Einbahnstrasse ins Triste. Das gilt vor allem für den letzten Akt. Der vereinsamte Protagonist im Zentrum einer ihn verhöhnenden Gesellschaft wäre ein überzeugendes Bild für die melancholische Dimension des Werkes. Doch diese Einsamkeit muss aus der vorausgegangenen Handlung hervorgehen. Wenn die Komödie zuvor nicht genügend Leben entwickelt hat, wirkt die Erniedrigung des Protagonisten eher behauptet als erfahren.
Gürbaca entwickelt sicherlich interessante Gedanken zum Aussenseitertum, findet aber keine durchgehend überzeugenden szenischen Entsprechungen. Die Buhrufe am Ende der Premiere waren deshalb mehr als die in Italien manchmal reflexhafte Abwehr gegen das Regietheater. Sie galten einer Inszenierung, die nicht überzeugte.
Am Pult steht Michele Mariotti, Musikdirektor des römischen Opernhauses. Seine Auseinandersetzung mit Verdis letzter Oper wurde mit Spannung erwartet. Mariotti achtet durchaus auf instrumentale Feinheiten. Doch die Balance zwischen Tempo und dramatischer Beweglichkeit gerät mitunter aus dem Gleichgewicht. Die ersten beiden Akte werden in einem derart schnellen Tempo vorangetrieben, dass die musikalische Komik ihre feinen Konturen verliert.
Wo Mariotti die Musik antreibt, ohne ihre innere Beweglichkeit freizusetzen, wird aus der raffinierten Partitur ein Kraftakt. Im dritten Akt wirken die Tempi gedehnter. Mariotti gelingt es an verschiedenen Stellen, die orchestralen Details der Partitur herauszuarbeiten, aber eine überzeugende Gesamtinterpretation entsteht daraus nicht. Bei einem Dirigenten seines Formats überrascht diese Unausgewogenheit.
Auf der Habenseite der Produktion steht die Besetzung. Luca Salsi verfügt über die stimmliche Autorität und schauspielerische Tiefe für die Titelpartie. George Petean ist als Ford ein überzeugender Gegenpart. Maria Agresta gestaltet Alice Ford mit vokaler Sicherheit und Lebendigkeit und Violeta Umana als Quickly überzeugt mit trockenem Humor und stimmlicher Genauigkeit. Auch die übrige Besetzung bietet ein stimmlich harmonisches Zusammenspiel.
Am Ende bleibt ein widersprüchlicher Eindruck. Ein Falstaff, der die Leichtigkeit des Lachens nicht freisetzt und die Traurigkeit dahinter nicht berührend sichtbar macht, verfehlt etwas Wesentliches.




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